Per­fek­tio­nis­mus ist das Grund­übel

Nach­ge­fragt. Psy­cho­the­ra­peut Stippl über Dop­pel­be­las­tung, hel­fen­de Müt­ter und spä­te Ein­sicht

Kurier - - Lebensart - – SA­RAH STOFFANELL­ER

Wie es zu Ta­blet­ten ab­hän­gig­keit kommt und was bei Frau­en an­ders ist, weiß Pe­ter Stippl, Prä­si­dent des Psy­cho­the­ra­peu­ten ver­ban­des Ös­ter­reich.

KU­RIER: Wie kommt es zu ei­ner Me­di­ka­men­ten­ab­hän­gig­keit? Pe­ter Stippl: Oft lässt sich das glei­che Mus­ter er­ken­nen. Die Be­las­tung er­reicht ei­nen ge­wis­sen Punkt und man geht zum Haus­arzt, der Me­di­ka­men­te ver­schreibt, die tat­säch­lich hel­fen. Man fühlt sich bes­ser und kann sein Le­ben ge­nau­so wei­ter­füh­ren wie bis­her. So­mit scheint das Pro­blem ge­löst, und die Be­trof­fe­nen glau­ben, ihr Le­ben nicht än­dern zu müs­sen. Das ist meist der Be­ginn ei­ner Ab­wärts­spi­ra­le. Bald brau­chen sie mehr Me­di­ka­men­te und noch hö­he­re Do­sen, um den All­tag zu be­wäl­ti­gen.

Gibt es Un­ter­schie­de zwi­schen Män­nern und Frau­en?

Grund­sätz­lich ist die Dy­na­mik bei Män­nern und Frau­en gleich. Aus­lö­ser sind bei bei­den Ge­schlech­tern Über­be­las­tung, ein Ge­fühl der Aus­weg­lo­sig­keit oder Ängs­te. Män­ner kom­men meist durch ih­ren Kar­rie­r­ewil­len in sol­che Stress­si­tua­tio­nen. Bei Frau­en sind es oft Mehr­fach­be­las­tun­gen, wenn sie Job, Fa­mi­lie und manch­mal auch Pfle­ge­auf­ga­ben ver­ein­ba­ren müs­sen. Ein wich­ti­ges Schlag­wort ist hier: Per­fek­tio­nis­mus. Wie äu­ßert sich die­ser Per­fek­tio­nis­mus bei Frau­en?

Bei Frau­en ist er of­fen­sicht­li­cher als bei Män­nern, und in vie­len Le­bens­be­rei­chen sicht­bar. So ist für vie­le der Haus­halt ei­ne Vi­si­ten­kar­te. Auch bei den Kin­dern muss al­les rei­bungs­los funk­tio­nie­ren – in­ne­rer An­trieb ist im­mer der Leis­tungs­an­spruch an ei­nen selbst.

Kann die Fa­mi­lie un­ter­stüt­zen?

Ja. Aber Hil­fe aus der Fa­mi­lie kann auch pro­ble­ma­tisch sein. Wenn z. B. ei­ne Schwes­ter oder wohl­wol­len­de Schwie­ger­mut­ter ein­grei­fen will, füh­len sich man­che Frau­en an­ge­grif­fen und zie­hen sich zu­rück. Dann hat ein gut ge­mein­ter Rat den ge­gen- tei­li­gen Ef­fekt. Ein Haus­arzt oder Psy­cho­the­ra­peut hat da auf je­den Fall ei­ne an­de­re Au­to­ri­tät und kann un­be­fan­gen Lö­sungs­vor­schlä­ge bie­ten. Am wich­tigs­ten ist es, das Pro­blem zu iden­ti­fi­zie­ren, das zur Über­be­las­tung ge­führt hat. Die Me­di­ka­men­te be­kämp­fen nur die Sym­pto­me, aber nicht de­ren Ur­sa­che. Dann braucht es die nö­ti­ge Ein­sicht, um tat­säch­lich et­was an der ei­ge­nen Si­tua­ti­on zu ver­än­dern.

Wann ho­len sich Frau­en Hil­fe?

Häu­fig kommt es zu­erst zu ei­nem emo­tio­na­len Zu­sam­men­bruch, be­vor die Be­trof­fe­nen Hil­fe in An­spruch neh­men, wo­bei meist ei­ne Ex­trem­si­tua­ti­on den Pa­ti­en- ten zur Ein­sicht ver­hilft, dass sie ein Pro­blem ha­ben. Das Sprich­wort „ no pain, no chan­ge“( kein Schmerz, kei­ne Ve­rän­de­rung, Anm.) bringt das auf den Punkt. Al­ler­dings gibt es auch Frau­en, die schon früh er­ken­nen, dass es so nicht wei­ter­ge­hen kann und auf Re­ha­bi­li­ta­ti­on ge­hen. Wenn sie drei bis sechs Wo­chen von zu Hau­se ent­fernt sind, ha­ben sie ge­nug Ab­stand, um die Si­tua­ti­on zu über­den­ken.

„Me­di­ka­men­te be­kämp­fen nicht die Ur­sa­che“, sagt Pe­ter Stippl

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