Ein Mann mit vie­len Ei­gen­schaf­ten

Her­bert Tum­pel . Als Ge­werk­schaf­ter stand er für Här­te, pri­vat re­zi­tier­te er aus­wen­dig „Faust“

Kurier - - Politik - – JO­SEF VOTZI

Wer Her­bert Tum­pel nur aus der Fer­ne kann­te, hat­te ein kla­res, sehr kan­ti­ges Bild: Ein stram­mer Ge­werk­schaf­ter, auch beim Ge­gen­über als sach­li­cher Ver­hand­ler mit Au­gen­maß sehr ge­schätzt, aber kein um öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit buh­len­der Mensch.

Don­ners­tag vor­mit­tagv erst ar­bTum­pel im 71. Le­bens­jahr nach kur­zer, schwe­rer Krank­heit. Der stu­dier­te Volks­wirt lern­te das po­li­ti­sche Hand­werk als Mit­ar­bei­ter von An­tonBe­nya. Die­ser­präg­te­als ÖGB-Chef mit Bru­no Kreis­ky die Po­li­tik der 70 er-Jah­re. Und stand für ei­ne Ära, in der die Rol­le der So­zi­al­part­ner mit „Ne­ben­re­gie­rung“nur un­zu­rei­chend be­schrie­ben wird. Oh­ne de­ren Kon­sens ging so gut wie nichts. Die­ses Selbst­be­wusst­sein präg­te ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on an Ge­werk­schaf­tern–so auch die 16 Jah­re um­fas­sen­de Är aT um­pel als Prä­si­dent der Ar­bei­ter­kam­mer (1997bis 2013).

In Kri­tik ge­riet Tum­pel in derBAWAG-Af­fä­re, wei­le­rals Auf­sichts rats vor­sit­zen­der der da­ma­li­gen Ge werks chafts bank für die ver­lust­rei­chen Ka­ri­bik-Ge­schäf­te mit­ver­ant­wort­lich ge­macht wur­de. Ei­ne Vor­la­dung vor ei­nen par­la­men­ta­ri­schen Unt er su­chungs­blieb aber fol­gen­los.

Auf Tum­pels Ha­ben-Sei­te steht ein Plus von fast zehn Pro­zent­punk­ten für die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Frak­ti­on bei den AK-Wah­len.

Sei­ne äu­ßer­li­che Här­te und in­ne­re Dis­zi­plin wur­zelt wohl auch in sei­ner Ver­gan­gen­heit als Sol­dat des Jagd­kom­man­dos. Sein­ele­bens­lan­ge Ver­bun­den­heit mit den „Ran­gern“ir­ri­tier­te man­che sei­ner Par­tei­freun­de.

Un­bän­di­ge Neu­gier­de

Tum­pel war ein Mann mit vie­len Ei­gen­schaf­ten. Das öf­fent­li­che Rau­bein konn­te ein fein­sin­ni­ger In­tel­lek­tu­el­ler und span­nen­der Ge­sprächs­part­ner sein. Vie­le, die ihn per­sön­lich kann­ten, be­rich­ten von sei­ner fast kör­per­li­chen Lie­be zu Bü­chern, un­bän­di­gen Neu­gier­de auf Phi­lo­so­phie und un­kon­ven­tio­nel­le Den­ker und sei­ner Freu­de an Kunst und Thea­ter – wenn er et­wa ei­ne 24-St­un­den-Vor­stel­lung des „Faust“be­such­te und Jah­re da­nach noch wört­lich dar­aus zi­tie­ren konn­te.

Zu sei­nen engs­ten Freun­den ge­hör­te ein Un­ter­neh­mer paar, mit dem das Ehe­paar Tum­pel Rei­sen un­ter­nahm.

Für ein Buch, das ihm die Ar­bei­ter­kam­mer zu sei­nem Ab­schied mit 65 Jah­ren al­sAK Chef schenk­te, ver­fass­ten Freun­de und Weg­be­glei­ter aus Po­li­tik und Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Kul­tur sehr per­sön­lich ge­hal­te­ne Tex­te.

Das Au­to­ren-Spek­trum reich­te von Ban­kern wie Max Ko­th­bau­er, Claus Raidl und Lud­wig Scha­rin­ger über Un­ter­neh­mer wie Horst Je­schek, Dio­nys Leh­ner und Max Scha­chin­ger bis zu sei­ner Lieb­lings-Buch­händ­le­rin Ro­traut Schö­berl und dem Phi­lo­so­phen Ro­bert Pfal­ler.

Kei­ner der Au­to­ren stand un­ter dem Ver­dacht, po­li­tisch (noch) et­was vom einst mäch­ti­gen Ge­werk­schaf­ter zu wol­len. Der lang­jäh­ri­ge Chef des Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tuts, Karl Ai­gin­ger, er­zählt in sei­nem Bei­trag, wie Tum­pel ihn 2008 nach der Leh­manP­lei­te und der dro­hen­den welt­wei­ten Fi­nanz­kri­se an­rief: „Ich dan­ke es Her­berts Loya­li­tät, das­ser­mirIn­for­ma­tio­nen hat zu­kom­men las­sen, die er hat­te, per­sön­lich und nicht via Me­di­en. Da­hin­ter stand­s­einWunsch, die­ne­ga­ti­ven Fol­gen für Ar­beit­neh­mer und die ös­ter­rei­chi­sche Wirt­schaft ein­zu­gren­zen.“

Her­bert Tum­pel (1948–2018) lern­te das Hand­werk bei An­ton Be­nya, als AK-Chef präg­te er selbst ei­ne Ära

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