Gu­te Be­ra­tung bringt mehr als re­du­zier­te Leis­tun­gen

Fak­ten­check. Ex­per­ten be­zwei­feln, dass ei­ne Re­form des Ar­beits­lo­sen­gelds al­lein die Im­mo­bi­li­tät am Ar­beits­markt be­hebt

Kurier - - Politik - – KLAUS KNITTELFEL­DER, RAFFAELA LINDORFER

127 Ta­ge – al­so mehr als vier Mo­na­te – ist ein Ar­beits­lo­ser hier­zu­lan­de im Schnitt oh­ne Job. Das Pro­blem: Im Os­ten gibt es vie­le Ar­beits­lo­se, im Wes­ten ver­hält­nis­mä­ßig vie­le of­fe­ne Stel­len (sie­he Grafik).

Das Ver­hält­nis geht frei­lich nicht ganz auf – denn nicht je­der Ar­beits­lo­se aus dem Os­ten kann ei­nen Job im Wes­ten ma­chen.Die Re­gie­rung ver­sucht nun den­noch, Ar­beits­su­chen­de zu mehr Mo­bi­li­tät zu brin­gen – und setzt da­für ein fi­nan­zi­el­les „Druck­mit­tel“ein (sie­he links).

Der­zeit ist die Si­tua­ti­on so: Die Hö­he des Ar­beits­lo­sen­gel­des be­rech­net sich aus ei­nem Grund­be­trag, der 55 Pro­zent des frü­he­ren Net­toEin­kom­mens aus­macht, und Er­gän­zungs­bei­trä­gen. Ge­de­ckelt ist der Grund­be­trag bei rund 1440 Eu­ro. Das Ar­beits­lo­sen­geld wird meist für 20 Wo­chen ge­neh­migt. Als „Lang­zeit­ar­beits­lo­ser“gilt man ab zwölf Mo­na­ten – das trifft auf rund 48.000 der 344.921 Jo­b­lo­sen zu.

Je­doch: Öko­no­men be­zwei­feln, dass (wie nun von der Re­gie­rung ge­plan­te) Geld­an­rei­ze das Pro­blem am Ar­beits­markt über­haupt lö­sen kön­nen. Schließ­lich plant Tür­kis-Blau ja, im Lau­fe der Ar­beits­lo­sig­keit im­mer we­ni­ger Ar­beits­lo­sen­geld zu über­wei­sen. Hel­mut Mah­rin­ger vom In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung (Wi­fo) et­wa sagt: „Der Ein­fluss mo­ne­tä­rer An­rei­ze auf den Ver­bleib in Ar­beits­lo­sig­keit soll­te nicht über­schätzt wer­den. Wir se­hen in Stu­di­en, dass in­ten­si­ve­re Be­ra­tung Ar­beits­lo­se ef­fek­ti­ver in Be­schäf­ti­gung zu­rück- bringt als re­du­zier­te Leis­tun­gen.“Geld-An­rei­ze tre­ten dann in den Hin­ter­grund.

Als Ar­gu­ment dient ihm ei­ne Wi­fo-Ana­ly­se. Die­se zeigt: Wer nur 39 Wo­chen Ar­beits­lo­sen­geld be­zieht, fin­det nicht schnel­ler ei­nen Job als je­ne, die ein Jahr lang Ar­beits­lo­sen­geld be­kom­men.

Hel­mut Hofer, Öko­nom vom In­sti­tut für Hö­he­re Stu­di­en (IHS), sieht das ähn­lich: „Das Pro­blem sind nicht nur Ar­beits-An­rei­ze.“Und selbst wenn dies so wä­re: Erst vor kur­zem wur­de et­wa in Schwe­den er­forscht, dass An­rei­ze am An­fang des Be­zu­ges am stärks­ten wir­ken. Hofer, der wie Tür­kis-Blau die Not­stands­hil­fe kri­tisch sieht, for­dert an­ge­sichts die­ser Un­klar­heit in punk­to Ar­beits­an­rei­zen vor al­lem mehr Bil­dung und Wei­ter­bil­dung – schließ­lich hat je­der zwei­te Ar­beits­lo­se le­dig­lich ei­nen Pflicht­schul­ab­schluss. Es gä­be Stu­di­en, so Hofer, die mehr Per­so­nal für Ar­beits­äm­ter für mehr Ef­fek­ti­vi­tät na­he­le­gen – was ex­pli­zit nicht von Tür­kis-Blau ge­plant ist.

Ei­ne an­de­re Schrau­be, an der die Re­gie­rung bald dre­hen könn­te, sind die so­ge­nann­ten Zu­mut­bar­keits­be­stim­mun­gen. In Deutsch­land muss man laut Hofer fast je­den frei­en Job als Ar­beits­lo­ser an­neh­men – in Ös­ter­reich darf ein Job in­des nicht wei­ter als zwei St­un­den vom Mel­de­ort ent­fernt und soll zu­dem aus der an­ge­stamm­ten Bran­che sein. Hofer: „In an­de­ren EULän­dern herr­schen hier­bei stren­ge­re Re­geln als bei uns.“

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