Ex-ÖVP-Chef: „Geht’s den Men­schen gut, geht’s der Wirt­schaft gut“

Neu­es Buch „Vor­rang Mensch!“. Seit 30 Jah­ren for­dert Ex-Vi­ze­kanz­ler Jo­sef Rieg­ler ei­ne „ökosoziale Markt­wirt­schaft“– sei­ne ÖVP will aber nicht

Kurier - - Politik - – BERN­HARD GAUL

Kom­men­de Wo­che fei­ert Jo­sef Rieg­ler sei­nen acht­zigs­ten Ge­burts­tag. Rieg­ler, ein „ech­ter El­der Sta­tes­man“, wie ihn Be­am­ten­ge­werk­schafts­chef Nor­bert Sch­nedl nennt, war zwi­schen 1987 bis 1991 Mi­nis­ter,Vi­ze­kanz­ler und ÖVP-Chef. Er ent­wi­ckelt und pro­pa­giert seit da­mals die „ökosoziale Markt­wirt­schaft“, die Um­welt­schutz als we­sent­li­chen Fak­tor in die da­mals herr­schen­de so­zia­le Markt­wirt­schaft ein­be­zieht.

Rieg­ler ge­hört zu ei­nem ve­he­men­ten Kri­ti­ker des „Glo­ba­li­sie­rungs­wahns“und der „un­ge­zü­gel­ten Fi­nanz­märk­te“, sein Wirt­schafts­mo­dell sieht er auch im Zu­ge der Nach­hal­tig­keits-Zie­le der UNO als „Welt­mo­dell“, das man ei­ner „be­din­gungs­lo­sen Ge­winn­ma­xi­mie­rung“ent­ge­gen­stel­len müs­se.

Ge­werk­schaf­ter Sch­nedl er­zähl­te von sei­ner Be­geis­te­rung für Rieg­lers Ar­beit schon als jun­ger Funk­tio­när, er hat nun das Buch „Vor­rang Mensch!“am Mitt­woch prä­sen­tiert, in dem mehr als 30 Gast­au­to­ren die Vor­zü­ge der öko­so­zia­len Markt­wirt­schaft be­leuch­ten. So­gar die ak­tu­el­le „Nach­hal­tig­keits­mi­nis­te­rin“Eli­sa­beth Kös­tin­ger ti­telt ih­ren Bei­trag als Gast­au­to­rin „Höchs­te Zeit für Ökosoziale Markt­wirt­schaft“.

Die Rea­li­tät se­he frei­lich an­ders aus, führ­te dann Wirt­schafts­pro­fes­sor Karl Ai­gin- ger aus. Er pran­ger­te mit teils def­ti­gen Wor­ten den „feh­len­den Ehr­geiz“und die „fal­schen Si­gna­le“der Re­gie­rung an. „Das Gol­den Pla­ting ab­zu­schaf­fen ist ein ab­so­lu­ter Un­fug“, ur­teil­te er über den Plan der Re­gie­rung, EU-Vor­ga­ben nicht mehr wie bis­her über­er­fül­len zu wol­len. „Die Vor­rei­ter ha­ben im­mer den Nut­zen, die Nach­züg­ler im­mer die Kos­ten“, er­klär­te Ai­gin­ger am Bei­spiel Schwe­dens.

Aus­führ­lich sprach er dann über die Kli­ma­po­li­tik, ein we­sent­li­cher Eck­stein sei ei­ne öko­lo­gi­sche Steu­er­re­form, bei der Steu­ern auf Ener­gie (Gas und Öl) er­höht, Steu­ern auf Ar­beits­kraft ent­spre­chend ge­senkt wer­den. „Ich ha­be in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten fünf Steu­er­re­for­men be­glei­tet, im­mer wur­de die­se Idee an­fangs ver­folgt, dann be­schwer­ten sich nach der Rei­he Au­to­fah­rer­klubs, In­dus­trie, die Wirt­schafts­kam­mer, die Ar­bei­ter­kam­mer und die Ge­werk­schaft – und die Fi­nanz­mi­nis­ter gin­gen dann den Weg des ge­rings­ten Wi­der­stands und mach­ten nur ei­ne Ta­rif­re­form“, er­klär­te Ai­gin­ger.

War­um aber wird Rieg­lers Mo­dell nicht um­ge­setzt, ob­wohl so vie­le da­für sind, so­gar in der Volks­par­tei, die seit 30 Jah­ren re­giert? „Man glaubt es ein­fach nicht, dass Kli­ma­schutz auch ein Wirt­schafts­mo­tor sein kann“, sagt Ai­gin­ger. Rieg­ler be­klagt eben­falls die be­ste­hen­den Wi­der­stän­de ge­gen sol­che Ide­en und Re­for­men: „Die Lust der Re­gie­rung ist des­halb sehr ein­ge­schränkt. Das ent­schul­digt aber nicht, dass man das ma­chen muss.“Ziel müs­se sein, über­all ei­nen öko­so­zia­len Markt­platz zu schaf­fen: „Denn geht’s den Men­schen gut, geht’s auch der Wirt­schaft gut.“

Ge­werk­schaf­ter Sch­nedl, Ju­bi­lar Rieg­ler und Öko­nom Ai­gin­ger

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