Das sind wir –oder auch nicht?

(Un)ty­pisch. Ös­ter­rei­cher als Ski­fah­rer­mitHang­zu­mBier: Kli­schees sei­en­Teil derVolks­büh­ne, sagt ein So­zio­lo­ge

Kurier - - Nationalfe­iertag 2018 - VON UND JO­HAN­NA KREID AN­KI­CA NIKOLIĆ

Was ist „ty­pisch ös­ter­rei­chisch“? Dass wir oft Bier, Wein oder Kaf­fee trin­ken? Ger­ne ein Schnit­zel es­sen? Und manch­mal gran­tig sind? Oder sind wir gar al­le „sehr gro­ße, blon­de Män­ner und Frau­enin­rot-wei­ßenRenn­an­zü­gen, die auf den Pis­ten wie in ih­rem na­tür­li­chen Ele­ment wir­ken“, wie die US-Ame­ri­ka­ne­rin Ra­chel My­ro­ni­uk (sie­he Um­fra­ge rechts) glaubt?

Kli­schees, was denn „ty­pisch ös­ter­rei­chisch“ist, gibt es vie­le. Doch was stimmt, und was nicht – und was sa­gen die Zah­len?

Bier, zum Bei­spiel, trin­ken die Ös­ter­rei­cher tat­säch­lich sehr ger­ne: Auf 103 Li­ter brach­ten wir es im Jahr 2016 im Schnitt pro Kopf. Hier la­gen in Eu­ro­pa nur die Tsche­chen (143 Li­ter) und – ganz knapp – die Deut­schen (104 Li­ter) vor uns.

Ein we­nig an­ders sieht es beim Ski­fah­ren aus: Denn 63 Pro­zent der Ös­ter­rei­cher ge­ben an, nie Ski­fah­ren zu ge­hen. Vor 25 Jah­ren wa­ren es „nur“40 Pro­zent. Ein oft ge­äu­ßer­tes Ar­gu­ment – Ski­fah­ren sei zu kost­spie­lig ge­wor­den – trifft üb­ri­gens nicht ganz zu: „Auch frü­her gin­gen­vor­al­lem­dieWohl­ha­ben­den Ski­fah­ren. Der Haupt­grund ist viel­mehr, dass sich die Teil­neh­mer­zah­len der Ski­kur­se­seit­den1990er-Jah­ren hal­biert ha­ben“, er­klärt Pe­ter Zell­mann, Lei­ter vom In­sti­tut für Frei­zeit- und Tou­dor­ra­mit56,9Li­tern­pro­Kopf Klaus Schön­ber­ger Kul­tur­an­thro­po­lo­ge

„Kli­schees sind beim Auf­kom­men der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ent­stan­den.“

ris­mus­for­schung. Fuh­ren da­mals 250.000 Schü­ler pro Jahr auf Ski­kurs, sind es­mitt­ler­wei­le nur 120.000.

Auf­hol­be­darf hät­ten wir üb­ri­gens­beimWein: Mit26,9 Li­tern pro Kopf liegt Ös­ter­reich im Mit­tel­feld. Hier gibt es in­ter­es­san­te Spit­zen­rei­ter, denn laut Te­le­graph war An­der an der Spit­ze – was auf Du­ty­F­ree-Kun­den­in­derS­teu­er­oa­se­zu­rück­zu­füh­rens­ein­könn­te. Platz zwei ist üb­ri­gens der Va­ti­kan mit 56,2 Li­tern (liegt esamMess­wein?).

Und man­che Kli­schees stim­men­sch­licht­nicht, Stich­wort:„Sound­ofMu­sic“. In­an­de­ren Län­dern ein Rie­sen­er­folg, hat­kau­meinÖs­ter­rei­cher je den Film ge­se­hen. Der 1965 pro­du­zier­te Strei­fen­wur­de­imORFerst­malsim Jahr 2000 ge­zeigt – ein Stra­ßen­fe­ger war er wohl kaum. In den USA wird „Sound of Mu­sic“no­chim­mer­mitÖs­ter­reich ver­knüpft.

Und was sagt dieWis­sen­schaft? Was ist dran an den Kli­schees über „uns Ös­ter­rei­cher“? „Auf der Su­che nach na­tio­na­len Ste­reo­ty­pen muss man zwi­schen frem­do­der selbst zu­ge­ord­ne­ten un­ter­schei­den. Bei­de ent­stan­den beim Auf­kom­men der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft“, sagt Klaus Schön­ber­ger, Kul­tur­an­thro­po­lo­ge von derU­ni­ver­si­tät Kla­gen­furt.

Ab dem Mo­ment, wo ein Na­tio­nal­staat be­grün­det wur­de, sind auch Ste­reo­ty­pe ent­stan­den, die für Zu­ge­hö­rig­keit und Zu­sam­men­halt sor­gen. Kul­tur ist das un­ter an­de­rem für Ös­ter­reich. Auch in der Au­ßen­sicht: Als Ita­lie­ner be­wun­de­re er das rei­che Er­be an Mu­sik und Kunst, sagt et­wa Mas­si­mo Mar­net­to aus Rom (sie­he Um­fra­ge).

Ein­tei­lung

So­zia­le Scha­blo­nen hel­fen, die Welt und die Ge­sell­schaft ein­zu­tei­len und zu er­fas­sen. Die­ers­tenEr­kennt­nis­se da­zu fass­te der eng­li­sche Phi­lo­soph Fran­cis Ba­con im Buch „Ido­len­leh­re“um 1620 zu­sam­men. Ba­con ka­te­go­ri­sier­te­dieAr­ten­derVor­ur­tei­le und ord­ne­te sie Län­dern zu. So­zio­lo­ge Rein­hold Knoll: „Das Kli­schee ist auch Teil der Volks­büh­ne. Sie spie­geln das wie­der, was im All­ge­mei­nen ge­dacht wird.“

Da­von aus­zu­ge­hen, dass je­des Kli­schee gut oder schlecht ist, ist falsch. Ob je­des der Wahr­heit ent­spricht, lässt sich wis­sen­schaft­lich nicht be­le­gen. Un­be­strit­ten ist ih­re Exis­tenz – vie­le glau­ben et­wa, dass al­le Di­cke ge­müt­lichs­ind, kau­mei­ner­hin­ter­fragt­das.„In­de­mMa­ße, in dem ich ein Vor­ur­teil kei­ner Prü­fun­gaus­set­ze, in­de­mMa­ße ver­fes­ti­ge ich es. Da ich es nicht­hin­ter­fra­ge“, be­schreibt Knoll. Die Vor­ur­tei­le blei­ben, wie sie sind. „Das ist ge­fähr­lich“, sagt Knoll.

Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn auf Macht und Herr­schaft be­grün­det wird. „In

„Seit den 1990er-Jah­ren hat sich die Teil­neh­mer­zahl der Ski­kur­se hal­biert.“Pe­ter Zell­mann Frei­zeit- und Tou­rimus­for­scher

ge­gen­wär­ti­gen Asyl­po­li­tik wer­den mit­hil­fe von ste­reo­ty­pen Zu­schrei­bun­gen wieK­ri­mi­na­li­tätun­dSe­xua­li­tät an Mi­gran­ten Aus­gren­zun­gen­be­grün­det. Die­seS­te­reo­ty­pe­be­feu­ern­pro­gro­m­ar­ti­ges Han­deln ent­spre­chen­der Grup­pen so­wie ge­walt­haf­tesHan­deln­derExe­ku­ti­ve (z. B. will­kür­li­che Ab­schie­bun­gen)“, sagt Schön­ber­ger. Es sei­en die­se Ste­reo­ty­pen, die in eth­ni­schen Säu­be­run­gen mün­den könn­ten, er­klärt der So­zio­lo­ge.

An­fäl­lig­fürVor­ur­tei­lesei­en vor al­lem Län­der mit ge­schwäch­ter Iden­ti­tät. Denn: „Be­son­ders in schwa­chen Mo­men­ten sehnt man sich nach Struk­tu­ren.“Wer­den kei­ne­ge­bo­ten– et­wae­thi­sche oder re­li­giö­se – grei­fen die Vor­ur­tei­le am ehes­ten. Vor­ur­tei­le, Kli­schees oder Ste­reo­ty­pen sind nicht iden­ti­täts­stif­tend, sies­ind­po­pu­lä­re Theo­ri­en – für Schön­ber­ger sind sie ein Un­ter­su­chungs­ge­gen­stand.

Emo­tio­nen

Ob­ab­so­lu­teZah­len oder wis­sen­schaft­li­che Theo­ri­en – letzt­lich ist es ei­ne Fra­ge der Emo­ti­on, wie es For­scher Zell­mann zur Be­zie­hung der Ös­ter­rei­cher zum Ski­fah­ren aus­drückt: „Ob man es nun aus­übt oder nicht – ei­ne in­ten­si­ve Be­zie­hung da­zu ist schon­da. Esis­tei­ner­ei­ne­mo­tio­na­le Iden­ti­fi­ka­ti­on im Sin­ne von ,Das sind­wir’.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.