„Die SPD hat kei­nen Zu­kunfts­op­ti­mis­mus mehr“

Nach­ge­fragt. Der deut­sche Po­li­to­lo­ge Al­brecht von Lu­cke über die Kri­se der So­zi­al­de­mo­kra­ten in­Deutsch­land – und dem Rest Eu­ro­pas

Kurier - - Politik - – LU­KAS KAPELLER

Al­brecht­vonLu­cke, Re­dak­teur der Ber­li­ner Blät­ter für deut­sche und in­ter­na­tio­na­le Po­li­tik, ist über­zeugt, dass dieGro­ßeKo­ali­ti­on das­ak­tu­el­le Image der SPD prägt. Mit dem KU­RIER sprach er über die Kri­se der So­zi­al­de­mo­kra­ten – ins­be­son­de­re in Deutsch­land. Der Kon­flikt in­ner­halb derU­ni­on scha­de vor al­lem der SPD.

KU­RIER: Sie nen­nen die So­zi­al­re­for­men von Ger­hard Schröder, die Agen­da 2010, ein „his­to­ri­sches Ver­sa­gen“. Lei­det die SPD bis heu­te dar­un­ter? Al­brecht von Lu­cke: Die SPD steckt in ei­ner stra­te­gisch fa­ta­len La­ge. Sie wird gleich von drei Sei­ten an­ge­grif­fen. Ers­tens aus der Mit­te, von der Uni­on, die durch­An­ge­laMer­kel li­be­ra­ler ge­wor­den ist – aber auch durch die er­stark­ten Grü­nen. Als zwei­tes ver­stärkt von links, ne­ben der Link­s­par­tei auch durch die neue Samm­mehr­auf­bau­en. lungs­be­we­gung. Und drit­tens jetzt auch von rechts, durch die AfD, die sich als neue Ar­bei­ter­par­tei ge­riert. Das ver­weist auf das grund­sätz­li­che Pro­blem: Die SPD ver­fügt durch die n eo li­be­ra­le Agen­da 2010 nicht mehr über ihr nö­ti­ges Al­lein­stel­lungs­merk­mal, die so­zia­le Ge­rech­tig­keit.

Mar­tin Schulz kam bei der Bun­des­tags­wahl 2017 nur auf 20 Pro­zent – trotz Ge­rech­tig­keits­wahl­kamp­fes.

Das Pro­blem war, dass Schulz nach sei­nem gro­ßen Ver­spre­chen, ei­ne grund­sätz­li­che Wen­de in der SPD-Po­li­tik und ei­ne Kor­rek­tur der Agen­da2010ein­zu­läu­ten, schlicht­weg nichts Kon­kre­tes ge­lie­fert hat. Die­ser Ab­sturz des Jah­res 2017, auch emo­tio­nal, in den rie­si­gen Er­war­tun­gen, macht der SPD noch heu­te zu schaf­fen. Sie konn­te seit­her kei­nen Zu­kunfts­op­ti­mis­mus Das­a­be­rist jetzt­ge­nau die Stär­ke der deut­schen Grü­nen. Die­se sind die Ge­win­ner der Kri­se der SPD und üb­ri­gens auch der CDU. Die Grü­nen tre­ten der­zeit mit ei­nem idea­lis­tisch grun­dier­ten Ge st al­tungs wil­len an, den die al­ten Volks­par­tei­en nicht ver­kör­pern.

In Eu­ro­pa schwä­chelt die So­zi­al­de­mo­kra­tie. In Ös­ter­reich skiz­zier­te ExKanz­ler Kern mit sei­nem „Plan A“ei­ne Neu­ori­en­tie­rung – et­wa mit Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung, Stu­di­en­platz­be­schrän­kung, Sen­kung der Steu­er­quo­te. Wä­re das ein Weg?

Nein. Kern ver­kör­pert die sanf­te Ver­si­on des Drit­ten We­ges, ei­ner SPD der Mit­te. Er woll­te so­das nach­ho­len, was die Agen­da 2010 in bru­ta­ler Wei­se ge­macht hat. Die SPD steht heu­te schon an ei­nem an­de­ren Punkt. Sie muss ei­ne neue lin­ke Zu­kunfts­per­spek­ti­ve deut­lich ma­chen. Die blo­ße Kor­rek­tur der Agen­da 2010, die Andrea Nah­les ge­ra­de ver­sucht, wird da­für nicht rei­chen. Die SPD muss ein neu­es Kon­zept der Ge­rech­tig­keit auf­le­gen, das ge­nau die Fra­gen mit ins Vi­sier nimmt, bei de­nen die Grü­nen jetzt Gestal­tung s op­ti­mis­mus ver­kör­pern.

Wie kann die Neu­er­fin­dung der So­zi­al­de­mo­kra­tie in Eu­ro­pa aus­se­hen?

Sie kann je­den­falls nicht so aus­se­hen­wie die Po­li­tik der Neu­en Mit­te, die un­ter Schröder, TonyB­lair oder Fran­cois Hol­lan­de be­trie­ben wur­de. Die Frei­set­zung wirt­schaft­li­cherKräf­te führ­te in Eu­ro­pa zu kei­nem Er­folg für die So­zi­al­de­mo­kra­tie. Im Ge­gen­teil: Die­sen eo li­be­ra­le Wen­de hat zu ei­ner Ero­si­on ih­rer Wäh­ler­schaft ge­führt.

Und statt­des­sen?

Die Fra­ge von Ge­rech­tig­keit muss im­mer denKern der So­zi­al­de­mo­kra­tie aus­ma­chen. Da geht es auch um­die in­ter­na­tio­na­le Di­men­si­on, et­wa um Flucht­ur­sa­chen­be­kämp­fung, aber auch um Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit, al­so den Kli­ma­wan­del. Nur ein der­art zeit­ge­mä­ßes, aber auch nach­hal­ti­ges Kon­zept­wird­ei­neZu­kunft ha­ben.

Al­brecht von Lu­cke: „So­zi­al­de­mo­kra­ten brau­chen ein neu­es mo­der­nes Kon­zept“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.