(Un)sanf­te Me­di­zin

War­umHei­ler und al­ter­na­ti­ve An­ge­bo­te ge­frag­ter sind denn je. Wel­cheMe­tho­den sinn­voll sind – un­d­wel­che nicht.

Kurier - - Mein Sonntag - VON IN­GRID TEUFL (TEXT) UND CHRIS­TA BREINEDER (GRA­FIK)

Die­jun­geFrau, die­mo­na­te­lang­dieKräu­ter­mi­schun­gen ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Ener­ge­ti­ke­rin­ge­gen­ei­ne­schwe­re In­fek­ti­on mit hu­ma­nen Pa­pil­lo­ma-Vi­ren (HPV) ein­nimmt.

Die Blut­hoch­druck­pa­ti­en­tin, die ih­re Me­di­ka­men­te ab­setzt, weil ei­ne Au­s­pen­de­lung er­ge­ben hat, dass die Blut­druck­sen­ker der Le­bens­en­er­gie scha­den sol­len und zu ei­nem re­zept­frei er­hält­li­chen, ho­möo­pa­thi­schen Prä­pa­rat greift.

Der Mitt­fünf­zi­ger, der sei­ne all­ge­mei­ne Schwä­che auf Man­gel­er­schei­nun­gen zu­rück­führt, be­stimm­te The­ra­pi­en und nach ei­nem Gra­tis-„Bi­o­scan“und Tech­ni­ken an­wen­den – Al­ter­na­tiv­me­di­zin mit mehr als ei­nem Dut­zend­teu­rerMi­kro­nähr­stof­fe­aus boomt enorm. Kaum je­mand, der nicht je­man­den der Apo­the­ke nach Hau­se geht, kennt, der schon die­ses oh­ne sei­ne Be­schwer­den beim oder je­nes aus­pro­biert hät­te. Arzt ab­zu­klä­ren. War­um ist das so, wo doch die

Oder die Brust­krebs­pa­ti­en­tin, Er­fol­geun­dFort­schrit­te­der­mo­der­nen die­ausAngst­vor­Che­mo­the­ra­pi­en Me­di­zin un­be­strit­ten an ei­nen Arzt ge­rät, der sind – und die The­ra­pi­en stan­dard­mä­ßig ihr statt­des­sen Vit­amin- und vom Ge­sund­heits­sys­tem­be­zahlt­wer­den? Ozon­s­prit­zen ver­ord­net.

Das sind nur ei­ni­ge Bei­spie­le Die Grün­de sind viel­fäl­tig. al­ter­na­tiv­me­di­zi­ni­scher Be­hand­lun­gen, Ein Fak­tor ist, dass die Schul­me­di­zin die der Me­di­zi­ner recht tech­nisch ist und As­hish Bhal­la mit Pa­ti­en­ten er­lebt im­mer we­ni­ger Zeit für Pa­ti­en­ten­ge­sprä­che hat. Von selbst er­nann­ten bleibt. Durch den „Hei­lern“über di­ver­se Aus­bil­dun­gen An­stieg an psy­cho­so­ma­ti­schen bis hin zu Ärz­ten, die er­gän­zend Be­schwer­den und ge­sund­heit­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen durch Stress sind zu­neh­mend an­de­re Qua­li­tä­ten­ge­fragt. Un­dauch­die Pa­ti­en­ten selbst sind kri­ti­scher ge­wor­den, hin­ter­fra­gen mehr. Da­zu kommt: Auch die me­di­zi­ni­sche Welt ist klei­ner ge­wor­den. In­for­ma­tio­nen sind im In­ter­net leich­ter den je er­hält­lich– un­d­je­der­holt­sich­das, was ei­ne viel­leicht schon vor­han­de­ne Mei­nung ver­stärkt.

MehrAn­bie­ter

Auf der an­de­ren Sei­te wer­den dieAn­bie­ter­in­die­ser­lu­kra­tiv­ge­wor­de­nenBranch­eim­mer­mehr. Al­lein die Grup­pe der bei der Wirt­schafts­kam­mer re­gis­trier­ten Ener­ge­ti­ker ist heu­er auf 18.000 ge­stie­gen. Sie bie­ten ein bun­tes Spek­trum von Er­näh­rungs­be­ra­tung über Bio­re­so­nanz-The­ra­pie bis hin zum Au­s­pen­deln an.

Die Un­über­schau­bar­keit macht es im­mer schwe­rer, kom­pe­ten­te und se­riö­se, wirk­sa­me An­ge­bo­te zu fin­den und nicht an Schar­la­ta­ne oder Kur­pfu­scher zu ge­ra­ten.

„Die sys­te­mi­schen Pro­ble­me­derSchul­me­di­zin­trei­ben­die Men­schen zur Al­ter­na­tiv­me­di­zin“, sagt As­hish Bhal­la. „Die Men­schen­su­chenGanz­heit­lich-

keit, Ge­bor­gen­heit – et­was, wor­an sie sich fest­hal­ten kön­nen. Die Be­reit­schaft, et­was an­de­res aus­zu­pro­bie­ren, ist in den ver­gan­ge­nen20Jah­ren­stark­ge­stie­gen“, er­gänz­tYo­ga- un­dMe­di­ta­ti­ons­the­ra­peut Christian Wolf. Er ar­bei­tet mit Bhal­la in ei­ner ganz­heit­li­chen Pra­xis­ge­mein­schaft in Satt­ledt (OÖ) und hat mit ihm ein Buch über die Grün­de für den Trend zur Al­ter­na­tiv­me­di­zin ge­schrie­ben. Zu Bhal­la kom­men Pa­ti­en­ten, weil er ne­ben sei­ner klas­si­schen schul­me­di­zi­ni­schen Aus­bil­dung an der Uni­ver­si­tät Wi­en auch ei­ne mehr­jäh­ri­ge Aus­bil­dung an der Eu­ro­päi­schenAyur­ve­da-Aka­de­mie in Deutsch­land ab­sol­viert hat. „Ayur­ve­da ist zwar ein rich­ti­ger Trend ge­wor­den, aber die klas­si­sche Ayur­ve­da-Me­di­zin ist­nochnicht­sehr­ver­brei­tet.“Er sieht sich als Kom­ple­men­tär­me­di­zi­ner – und ar­bei­tet er­gän­zend. „Bei ei­ner Lun­gen­ent­zün­dun­gist­häu­fi­geinAn­ti­bio­ti­kum not­wen­dig und kei­ne Kräu­ter­mi­schung. Da­geh­tes­um­schnel­les, ef­fek­ti­ves Ein­grei­fen.“

Aus­bil­dung

Al­ter­na­ti­ve Me­tho­den kön­nen aber durch­aus ih­re Be­rech­ti­gung im Ge­sund­heits­we­sen ha­ben, ge­ra­de bei chro­ni­schen Be­schwer­den. „Manch­mal kommt die kon­ven­tio­nel­le Me­di­zin ein­fach nicht wei­ter“, sagt Christian Plaue, kom­ple­men­tär­me­di­zi­nisch tä­ti­ger Arzt in Wi­e­n­un­dimVor­stand­des­Dach­ver­bands für ärzt­li­che Ganz­heits­me­di­zin. Er hat et­wa bei chro­ni­schen Ne­ben­höh­len­ent­zün­dun­gen oder stän­di­gen Her­pes-sim­plex-In­fek­tio­nen gu­te Er­fah­run­gen mit al­ter­na­ti­ven Me­tho­den ge­macht. Un­ter an­de­rem setzt er auf die Ho­mo­to­xi­ko­lo­gie (Spe­zi­al­form der Ho­möo­pa­thie, die das Im­mun­sys­tem stär­ken und die Selbst­hei­lungs­kräf­te an­re­gen soll, Anm.).

80 Pro­zent sei­ner Pa­ti­en­ten sind aber Tu­mor­pa­ti­en­ten – seit 25 Jah­ren be­han­delt er er­gän­zend zu Che­mo- und Strah­len­the­ra­pie. Da­mit sol­len die ne­ga­ti­ven Be­gleit­erschei­nun­gen die­ser The­ra­pie ge­mil­dert wer­den. „Da gibt es wirk­lich­sehr gu­teEr­fol­ge. DieLe­bens­qua­li­tät­ver­bes­sert sich – und auch die Che­mo wirkt bes­ser, wenn­man­die rich­ti­gen Sub­stan­zen ver­wen­det.“Da­her ge­hört ei­ne Be­hand­lung in die Hän­de von Ex­per­ten.

Denn das größ­te Pro­blem in derAl­ter­na­tiv­me­di­zin: die­man­geln­de oder feh­len­de Aus­bil­dung vie­ler An­bie­ter. Durch Er­fol­ge füh­len sich vie­le be­stä­tigt, sie nei­gen zu Selbst­über­schät­zung und er­ken­nen ih­re Gren­zen nicht, fin­det Plaue. Bhal­la be­tont eben­so: „Häu­fig fehlt me­di­zi­ni­sches Ba­sis­wis­sen für die An­zei­chen von schwe­ren oder chro­ni­schen Krank­hei­ten. In vie­len Aus­bil­dun­gen wer­den we­der In­di­ka­tio­nen noch Kon­tra­in­di­ka­tio­nen ge­lehrt oder es wird­zu­we­nig­in­dieTie­fe­ge­gan­gen“, be­tont Bhal­la. Ähn­lich ar­gu­men­tiert Plaue: „Wich­tig ist, den ge­sam­ten Über­blick zu ha­ben, was im Kör­per ab­läuft –

„Die sys­te­mi­schen Pro­ble­me der Schul­me­di­zin trei­ben die Pa­ti­en­ten zur Al­ter­na­tiv­me­di­zin.“

Dr. As­hish Bhal­la Kom­ple­men­tär­me­di­zi­ner

„An­bie­ter al­ter­na­ti­ver Kon­zep­te ken­nen oft ih­re Gren­zen nicht.“

Dr. Christian Plaue Kom­ple­men­tär­me­di­zi­ner

auch imHin­ter­grund. Weiß der Ver­ord­ner et­wa, ob ein Tee, der ‚gut für die Le­ber‘ sein soll, mit ein­zu­neh­men­den Me­di­ka­men­ten in­ter­agie­ren kann?“Manch­mal kön­ne schon die Ein­nah­me ver­meint­lich harm­lo­ser Mit­tel kon­tra­pro­duk­tiv sein. „Da­her braucht es je­man­den mit ei­ner me­di­zi­ni­schen Aus­bil­dung, um al­les rich­tig ein­zu­ord­nen.“

Schul­me­di­zin wird vom Ge­sund­heits­sys­tem be­zahlt – doch Pa­ti­en­ten sind kri­ti­scher ge­wor­den und su­chen ganz­heit­li­che Lö­sun­gen und Ge­bor­gen­heit

Buch­tipp: As­hish Bhal­la, Christian F. Wolf, „Bö­se Hei­ler – Wie Sie Schar­la­ta­ne in der Al­ter­na­tiv­me­di­zin er­ken­nen“, Ver­lag edi­ti­on a, 20 €

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