Bank­sy, Po­len und der „Br­ex-Shit“

Ni­gel Ken­ne­dy. Als Klas­sik-Punk wur­de er be­rühmt. Nun kommt er mit Gershwin und Bach nach Wi­en

Kurier - - Kultur - VON GE­ORG LEYRER

Ni­gel Ken­ne­dy ist im­mer noch un­ver­kenn­bar: Die Strub­bel­haa­re des eins­ti­gen Gei­gen-Punks ste­hen der­zeit auf Pla­ka­ten in Wi­en zu Ber­ge – denn am 27. No­vem­ber tritt Ken­ne­dy im Kon­zert­haus auf. Der KU­RIER er­reich­te Ken­ne­dy für ein In­ter­view zu­vor te­le­fo­nisch in Lon­don – wo es oft kalt ist, aber „der­zeit we­gen des po­li­ti­schen Kli­mas noch käl­ter“, wie Ken­ne­dy sagt.

KU­RIER: Aber Gershwins Mu­sik, die Sie bei Ih­ren Kon­zer­ten spie­len, wärmt zu­min­dest das Herz. Ni­gel Ken­ne­dy:

Die Me­lo­di­en ha­ben so viel Pa­thos und Cha­rak­ter. So vie­le Lie­bes­lie­der hört man heu­te nicht mehr. Heu­te will je­der nur tough aus­se­hen.

Und die Lie­be fin­det man in der Da­ting-App. Gibt es des­we­gen kei­ne Lie­bes­lie­der mehr?

Das ist für je­man­den wie mich ein we­nig er­schre­ckend. Ich ver­wen­de Com­pu­ter gar nicht. Ich hö­re im­mer, dass Men­schen auf Twit­ter und Face­book 5000 Freun­de ha­ben. Wie kann das sein? Man kann viel­leicht zehn Freun­de ha­ben.

Wenn man Glück hat.

Ge­nau. Wie hat man Zeit für all die­se Men­schen? Viel­leicht hat die­se neue Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on die Ro­man­tik ab­ge­tö­tet.

Sie spie­len bei den Kon­zer­ten auch ein ei­ge­nes Werk.

Ja, es geht dar­in um die ver­lo­re­ne jü­di­sche Ge­mein­de in Po­len. Das Werk ba­siert auf ei­nem Buch des „Yentl“-Au­tors Isaac Bas­he­vis Sin­ger, ein wun­der­vol­ler Er­zäh­ler. Ich ha­be Bil­der der Ge­mein­den in Warschau und Lodz ge­se- hen. Da war Far­be und Le­ben auf der Stra­ße, ein gro­ßes Ge­schenk, das Po­len heu­te fehlt.

Apro­pos Po­len: Le­ben Sie im­mer noch dort?

Ich ver­brin­ge im­mer noch viel Zeit dort. Aber jetzt muss ich mir über­le­gen, wo ich statt­des­sen hin­zie­hen kann. We­gen die­ses „Br­ex­Shit“. Die Po­li­tik in Po­len ist nicht viel bes­ser. Aber es wird zu­min­dest wei­ter Teil von Eu­ro­pa sein, wäh­rend es da bei Groß­bri­tan­ni­en gro­ße Zwei­fel gibt.

Glau­ben Sie, dass es ein wei­te­res Re­fe­ren­dum ge­ben wird?

Ich hof­fe es. Es gin­gen kürz­lich 100.000 Men­schen da­für auf die Stra­ße. Jetzt wis­sen wir, was die Kon­se­quen­zen sind. Beim ers­ten Re­fe­ren­dum wuss­te das nie­mand. Es ist die schlech­tes­te Zeit, über Un­ab­hän­gig­keit nach­zu­den­ken, weil wir nichts er­zeu­gen kön­nen. Wir ha­ben kei­ne Au­to-In­dus­trie mehr, kei­ne Koh­le und kei­nen Stahl, weil That­cher das al­les um­ge­bracht hat. Ich ma­che mir Sor­gen: Denn ich ver­las­se jetzt Lon­don bis nach dem 22. März, wenn das um­ge­setzt wer­den soll.

Ih­re letz­ten St­un­den im Pre-Br­ex­it-Groß­bri­tan­ni­en.

Das ist ei­ne sehr trau­ri­ge Si­tua­ti­on. Die Bri­ten wa­ren zu leicht­fer­tig und fehl­in­for­miert.

Aber füh­len Sie sich in Po­len wirk­lich woh­ler?

Es gibt dort Miss­brauch der De­mo­kra­tie. Und es schlei­chen sich An­ti­se­mi­tis­mus, Ras­sis­mus, Ho­mo­pho­bie in die Po­li­tik ein. Es ist al­les an­de­re als ge­sund, aber im­mer noch Teil Eu­ro­pas.

Wird sich das än­dern?

Es gibt zu vie­le in­tel­li­gen­te und gu­te Men­schen in Po­len, als dass das für im­mer wei­ter­geht. Aber es gibt auch vie­le groß­ar­ti­ge Men­schen in Ame­ri­ka – und die ha­ben Do­nald Trump. Es scheint über­all auf der Welt der letz­te Trend zu sein, dass die Men­schen na­tio­na­lis­tisch und chau­vi­nis­tisch wer­den.

Hat auch die Kul­tur ver­sagt? Die hat auch nichts bes­ser ge­macht.

Ich glau­be, die Men­schen ha­ben im­mer zu viel von der Kunst er­war­tet. Vie­le Men­schen, die Vor­ur­tei­le ent­wi­ckeln, ha­ben von vorn­her­ein kei­nen Zu­gang zu Kul­tur. Das sind Men­schen mit ge­rin­gem Ein­kom­men und oh­ne Pri­vi­le­gi­en. Ich ha­be selbst nie das über­schätzt, was ich tue. Die Men­schen put­zen ih­re Woh­nung, wäh­rend sie mei­ne CD hö­ren. Und nach den Kon­zer­ten ge­hen sie al­le zu­rück in die Rea­li­tät ih­res Le­bens. Künst­ler über­schät­zen ih­ren ei­ge­nen Wert. Wir sind Teil der Be­völ­ke­rung, wie al­le an­de­ren auch. Und wir ha­ben das Glück, dass wir ei­nen Job ma­chen, den wir lie­ben. Aber wir ha­ben kei­nen blei­ben­den Ef­fekt. In­so­fern war es ei­ne wun­der­vol­le Sa­che, was Bank­sy mach­te.

Sein Kunst­werk nach der Auk­ti­on zu shred­dern.

War­um soll­te je­mand an­de­res von sei­ner Kunst pro­fi­tie­ren? Ich fand das groß­ar­tig. Das war nicht nur ein Bild, son­dern ei­ne Per­for­mance. Und al­le ha­ben es ge­se­hen. Er dringt zu den Men­schen durch. Aber die so­ge­nann­te Hoch­kul­tur hat ei­nen zu kom­pli­zier­ten An­satz, was Schwel­len­ab­bau be­trifft. Wenn mehr Men­schen Zu­gang hät­ten, wä­re es groß­ar­tig. Da ha­ben die Men­schen in Ös­ter­reich Glück.

Was ma­chen Sie nach der Tour­nee?

Ich samm­le Ide­en für mein ers­tes Vio­lin­kon­zert. Bis jetzt ha­be ich nur Songs ge­schrie­ben, kur­ze For­men. Jetzt will ich ei­ne gro­ße Auf­ga­be. Nur: Zu­letzt ging ich zum Kom­po­nie­ren im­mer in die pol­ni­schen Ber­ge. Kei­ne Ah­nung, wo ich künf­tig hin­soll.

Ken­ne­dy: „Ich ha­be nie das über­schätzt, was ich tue. Die Men­schen put­zen ih­re Woh­nung, wäh­rend sie mei­ne CD hö­ren“

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