Die Schwach­stel­len beim Ge­walt­schutz für Frau­en

Wo es hakt. Män­ner wer­den nach Ge­walt­ta­ten al­lein­ge­las­sen – aus Da­ten­schutz­grün­den. Frau­en müs­sen nach An­zei­gen oft um ih­re Exis­tenz ban­gen

Kurier - - Österreich - – MICHAE­LA REIBENWEIN

Je­de fünf­te Frau wird Op­fer von Ge­walt – die Zahl ist nicht neu. Doch die fünf Mor­de an Frau­en seit Jah­res­be­ginn in Ös­ter­reich las­sen auch die Po­li­tik tä­tig wer­den. Ges­tern lud die Zwei­te Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin Do­ris Bu­res (SPÖ) zum par­la­men­ta­ri­schen Dia­log. Und hier­bei wur­den kon­kre­te Schwach­stel­len an­ge­spro­chen.

– Da­ten­schutz vs. Tä­ter­ar­beit

Spricht die Po­li­zei ei­ne Weg­wei­sung aus, wer­den die Da­ten des Op­fers so­fort an ei­ne Hilfs­ein­rich­tung wei­ter­ge­reicht. Der Tä­ter be­kommt ei­nen Zet­tel mit sei­nen Rech­ten und Pflich­ten und ei­ner Te­le­fon­num­mer, wo er sich selbst Hil­fe su­chen kann. „Mit den Män­nern be­schäf­tigt sich da­nach kei­ner“, sagt Alex­an­der Haydn von der Män­ner­be­ra­tung. Da­bei wä­re es wich­tig, den Tä­ter so­fort zu kon­tak­tie­ren – das schei­tert aber am Da­ten­schutz. „Da­durch könn­ten wir auch ei­ne ra­sche Ri­si­ko­ein­schät­zung vor­neh­men“, sagt Haydn.

Im jüngs­ten Mord­fall in Tulln soll­te der mutmaßlich­e Tä­ter nach ei­ner Weg­wei­sung ein An­ti-Ge­walt-Trai­ning ab­sol­vie­ren – das schei­ter­te aber an den Sprach­kennt­nis­sen. Der­ar­ti­ge The­ra­pi­en wer­den nur in Deutsch an­ge­bo­ten. Ei­ne psy­cho­lo­gi­sche Be­treu­ung nach al­len Fäl­len häus­li­cher Ge­walt ist aber nicht nur ei­ne Geld­fra­ge – es feh­len auch Psy­cho­lo­gen.

Spür­ba­re Sank­tio­nen sei­en für Tä­ter ex­trem wich­tig. „Tä­ter ge­hen la­chend aus dem Ge­richt“, sagt Kers­tin Schin­nerl von der In­ter­ven­ti­ons­stel­le ge­gen Ge­walt in der Fa­mi­lie. Be­hörd­lich be­kann­te Tä­ter wür­den oft nur auf frei­em Fuß an­ge­zeigt. „Be­tre­tungs­ver­bo­te rei­chen nicht aus. In ex­tre­men Fäl­len muss auch U-Haft mög­lich sein.“

– Ver­ur­tei­lungs­quo­te 10 Pro­zent

„Staats­an­wäl­te und Rich­ter brau­chen für die Beur­tei­lung häus­li­cher Ge­walt ent­spre­chen­de Schu­lun­gen“, sagt die ju­ris­ti­sche Pro­zess­be­glei­te­rin Son­ja Aziz. So ge­be es ak­tu­ell für Rich­ter gar kei­ne ent­spre­chen­de Fort­bil­dungs­mög­lich­keit, und zu we­ni­ge Staats­an­wäl­te sei­en dar­auf spe­zia­li­siert. Nicht im­mer wer­den die Op­fer von der Staats­an­walt­schaft be­fragt, sel­ten das so­zia­le Um­feld – al­so zum Bei­spiel Nach­barn. „So kommt es schnell zur Ein­stel­lung von Ver­fah­ren“, sagt Aziz. Die Rich­ter se­hen ein Kers­tin Schin­nerl In­ter­ven­ti­ons­stel­le an­de­res Pro­blem: Oft ver­wei­gern Op­fer die Aus­sa­ge – weil der Tä­ter ein na­her An­ge­hö­ri­ger ist. „Wir nut­zen jetzt ver­mehrt kon­tra­dik­to­ri­sche Ver­neh­mun­gen. Das hat den Vor­teil, dass das Op­fer bei ei­ner Ver­hand­lung nicht mehr aus­sa­gen muss und das Ge­sag­te auch dann ver­wen­det wer­den kann, wenn sich das Op­fer spä­ter ei­ner Aus­sa­ge ent­schlägt“, sagt Fried­rich Forst­hu­ber, Prä­si­dent des Lan­des­ge­richts für Straf­sa­chen in Wien.

Ei­ne An­zei­ge ge­gen den Part­ner hat für Frau­en oft auch fi­nan­zi­el­le Fol­gen. „Frau­en ha­ben Angst, die Woh­nung zu ver-

– Exis­tenz­angst

lie­ren, kei­ne Un­ter­halts­zah­lun­gen mehr zu be­kom­men. Wie soll ei­ne Al­lein­er­zie­he­rin bei ei­nem 12-St­un­den-Tag oh­ne Kin­der­be­treu­ung den All­tag meis­tern?“, fragt sich Kri­mi­no­lo­gin Kat­ha­ri­na Be­clin. Auch Do­ris Bu­res drängt dar­auf, dass in sol­chen Fäl­len der Staat für Un­ter­halts­zah­lun­gen ein­springt.

Wenn Frau­en akut be­droht sind und Un­ter­schlupf im Frau­en­haus su­chen, ist ei­ne Un­ter­brin­gung in ei­nem an­de­ren Bun­des­land oft pro­ble­ma­tisch. Man­che Bun­des­län­der wol­len nicht für Frau­en aus an­de­ren Bun­des­län­dern zah­len.

– Län­der­kom­pe­ten­zen

„Be­tre­tungs­ver­bo­te rei­chen nicht aus. In ex­tre­men Fäl­len muss auch die U-Haft mög­lich sein.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.