De­menz: Wie man Schmerz er­kennt

Her­aus­for­de­rung. Häu­fig wer­den Sym­pto­me falsch in­ter­pre­tiert. Be­treu­er müs­sen ler­nen, sie rich­tig zu deu­ten

Kurier - - Lebensart - VON IN­GRID TEUFL

Wenn De­menz­pa­ti­en­ten zu essen auf hö­ren, un­ru­hig oder ag­gres­siv wer­den, muss das kein Sym­ptom ih­rer Er­kran­kung sein. Häu­fig wird die Ve­rän­de­rung aber als sol­ches in­ter­pre­tiert – und falsch be­han­delt. Mit der stei­gen­den Zahl an De­menz­kran­ken rückt das The­ma Schmerz in die­ser Pa­ti­en­ten­grup­pe in den Fo­kus von Schmerz­me­di­zi­nern.

„De­menz­kran­ke kön­nen sich oft nicht mehr selbst hel­fen und auch Schmerz schlech­ter aus­drü­cken. Wenn wir nicht wissen, dass der Pa­ti­ent Schmer­zen hat, kön­nen wir ihn auch nicht ad­äquat the­ra­pie­ren“, er­klärt Prim. Ne­n­ad Mi­tro­vic, Vi­ze­prä­si­dent der Ös­ter­rei­chi­schen Schmerz­ge­sell­schaft (ÖSG) die Pro­ble­ma­tik.

Ver­hal­tens­auf­fäl­lig

Schmerz gilt als wich­tigs­te Ur­sa­che für neu­ro­psych­ia­tri­sche Sym­pto­me, sagt Ga­b­rie­le Grögl-Arin­ger, Prä­si­den­tin der ÖSG und Lei­te­rin der Schmerz­am­bu­lanz in der Ru­dolfs­stif­tung. An­ders aus­ge­drückt: Da die Be­trof­fe­nen ih­re Schmer­zen nicht mehr ver­bal äu­ßern kön­nen, re­agie­ren sie mit Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten. Wie die ein­gangs er­wähn­te Un­ru­he, aber auch mit Ag­gres­si­on, Apa­thie, De­pres­si­on, Hal­lu­zi­na­tio­nen oder Rück­zugs­ten­den­zen.

Die Fol­gen die­ser Ar­ti­ku­lie­rungs­schwä­chen zei­gen mitt­ler­wei­le be­reits kli­ni­sche Stu­di­en: De­menz­pa­ti­en­ten er­hiel­ten et­wa bei ver­gleich­ba­ren Er­kran­kun­gen we­ni­ger Schmerz­mit­tel als Pa­ti­en­ten, de­ren Ge­dächt­nis­leis­tung nicht ein­ge­schränkt war. Mi­tro­vic nennt eben­so ope­ra­ti­ve Ein­grif­fe, et­wa Hüft­ge­len­ke: „Wir wissen aus Un­ter­su­chun­gen, dass De­menz­kran­ke um ein Drit­tel we­ni­ger Mor­phin-Do­sen be­kom­men, als an­de­re Pa­ti­en­ten.“Ver­gleich­s­er­geb­nis­se lie­gen auch bei gän­gi­gen Schmerz­mit­teln wie Par­acet­amol vor. „Hier er­hiel­ten De­menz­kran­ke ei­ne um 50 Pro­zent ge­rin­ge­re Do­sis im Ver­gleich zu Schmerz­pa­ti­en­ten oh­ne De­menz.“

Schmerz tritt mit zu­neh­men­dem Al­ter ge­ne­rell häu­fi­ger auf. Eben­so steigt die An­zahl der De­menz­kran­ken mit zu­neh­men­dem Al­ter – von 130.000 Be­trof­fe­nen der­zeit in Ös­ter­reich auf dop­pelt so vie­le im Jahr 2050. Et­wa je­der zwei­te äl­te­re Mensch dürf­te un­ter zum Teil chro­ni­schen Schmer­zen und De­menz­er­kran­kun­gen lei­den. „Schon aus die­sen Grün­den ver­dient die­se Grup­pe in un­se­rer im­mer äl­ter wer­den­den Ge­sell­schaft Be­ach­tung“, be­tont Grögl im Rah­men der 18. Schmerz­wo­chen (In­fos: www.oesg.at). Lei­der wer­den Pa­ti­en­ten häu­fig nur „ru­hig­ge­stellt“, weil der Schmerz nicht er­kannt wird. „Das ist nicht op­ti­mal und ver­bes­sert die De­menz­sym­pto­me nicht“, be­tont Mi­tro­vic.

Schmerz­ska­la

Wie fin­det man nun aber her­aus, ob ein De­menz­pa­ti­ent Schmer­zen hat? „Wenn sich der Pa­ti­ent nicht mehr ar­ti­ku­lie­ren kann, müs­sen wir als Ärz­te und Be­treu­er ak­tiv auf ihn zu­ge­hen“, er­klärt Mi­tro­vic. Ei­ne we­sent­li­che Rol­le kom­me da­bei dem Pfle­ge- per­so­nal in Al­ters­hei­men und Hos­pi­zen zu. Die In­stru­men­te da­für gibt es be­reits. Ei­ne die­ser Me­tho­den, die in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren ent­wi­ckelt wur­den, ist die so­ge­nann­te BESD-Ska­la (Beur­tei­lung von Schmerz bei De­menz).

Bei leich­ter De­menz kön­nen be­reits ein­fa­che Fra­gen aus­rei­chen, bei schwe­rer De­menz wird der Zu­stand nach ei­nem in­ter­na­tio­nal ent­wi­ckel­ten Punk­te­sys­tem ein­ge­ord­net. „Man be­ach­tet da­bei un­ter an­de­rem Mi­mik, Kör­per­stel­lung, At­mung oder die Re­ak­ti­on auf Trost“, er­klärt Mi­tro­vic. „Je hö­her die Punk­te­an­zahl, des­to grö­ßer ist die Mög­lich­keit, dass der De­menz­kran­ke un­ter Schmer­zen lei­det.“

Im Zwei­fels­fall sei ein „vor­sich­ti­ger The­ra­pie­ver­such mit Schmerz­mit­teln“ge­recht­fer­tigt. „Doch wie bei al­len Schmerz­pa­ti­en­ten kön­nen auch nicht­me­di­ka­men­tö­se Maß­nah­men wie Mu­sik­the­ra­pie oder mehr per­sön­li­che Zu­wen­dung die Le­bens­si­tua­ti­on ver­bes­sern.“

Bei der Ein­schät­zung von Schmerz bei De­menz­kran­ken ist die Hil­fe der Be­treu­ungs­per­so­nen ge­fragt

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