„Ich war sau­hübsch“ wohl die Frau sein. Wenn man’s so ein­fach deu­ten will. Nein. Weil dann mal’ ich drü­ber. In mei­nen Bil­dern oder in mei­ner Be­glei­tung?

Christian Lud­wig At­ter­see. Der Uni­ver­sal­künst­ler über Hei­mat, Sekt­glä­ser, sein Frau­en­bild und das Lei­den für die Schön­heit

Kurier - - Kultur - VON MICHA­EL HU­BER Aber es pas­siert, dass Ih­nen et­was nicht ge­lingt? Ihr Frau­en­bild hat sich auch ver­än­dert, oder?

Christian Lud­wig At­ter­see (*1940) war in der jün­ge­ren Kunst­ge­schich­te Ös­ter­reichs nie zu ka­te­go­ri­sie­ren, da­bei war er trotz­dem (fast) übe­r­all. Das Bel­ve­de­re 21 zeigt nun mit ei­ner um­fas­sen­den Schau, dass der Künst­ler ak­tu­el­le Kunst­trends schon früh vor­weg­nahm.

KU­RI­ER: Ihr Werk ist sin­nes­über­grei­fend: Es geht um Ma­le­rei, Mu­sik, ums Es­sen. Kön­nen Sie Bil­der auch schme­cken? Christian Lud­wig At­ter­see:

Vie­les, was in mei­nem Werk auf­ge­ar­bei­tet wird, kommt aus mei­ner Ju­gend. Das mit dem Es­sen kommt aus der Stu­di­en­zeit, die war ja nicht ein­fach – da­mals hat kei­ner von uns ein Bild ver­kauft. Aber es war ei­ne schö­ne Zeit, die Künst­ler sind zu­sam­men­ge­rückt. Ich bin mit den Ak­tio­nis­ten auf­ge­wach­sen, mit den Dich­tern Os­wald Wie­ner, Ger­hard Rühm, H. C. Art­mann. Und mich ha­ben vie­le Din­ge gleich­zei­tig in­ter­es­siert, ja. In­ner­halb mei­nes Schaf­fens se­he ich das als ei­ne Ein­heit. Es hat sich so ent­wi­ckelt, dass die Ma­le­rei an ers­ter Stel­le steht, das war nicht im­mer so – ich ha­be jah­re­lang ver­sucht, Mu­si­ker zu wer­den. Aber wenn ich ans Kla­vier ge­he, ma­le ich halt am Kla­vier.

Aber sind die Über­gän­ge wirk­lich so flie­ßend?

Die Brü­che se­he und spü­re ich nicht so, wie Sie das viel­leicht tun. Wenn ich ma­le und da­bei trau­rig wer­de oder nicht wei­ter­kom­me, setz’ ich mich ans Kla­vier, er­fin­de mir ein Lied, das mich glück­lich macht, und dann geh’ ich wie­der ma­len.

Wel­che Mu­sik hö­ren Sie beim Ma­len?

Al­les. Free Jazz kann ich nim­mer hö­ren, da werd’ ich zu ner­vös. Aber ich hö­re Volks­mu­sik und viel aus der al­ten Zeit: Char­lie Min­gus war lang mein Held. Es gibt aber viel Neu­es, auch in der Klas­sik. Bei der Schla­ger­mu­sik tu’ ich mir schwer, weil die sich so wie­der­holt.

Apro­pos Schla­ger: Ein pro­mi­nen­ter Schla­ger­sän­ger führt heu­te gern den Be­griff Hei­mat im Mund. Das The­ma ist bei Ih­nen ja auch wich­tig.

Das ist na­tür­lich an­ders zu ver­ste­hen. Ich hab’ kei­ne Hei­mat – für mich ist Hei­mat dort, wo ich ge­ra­de zu­frie­den ar­bei­ten kann. Das ist auch der Sinn ei­nes Bil­der­zy­klus, den ich ge­ra­de ma­le. Ich ver­su­che, die Welt so zu be­grei­fen, dass wir in ei­ner gro­ßen Hei­mat­ver­schie­bung le­ben. Die gilt für Men­schen, für Tie­re und auch für die Na- tur. Die Men­schen rui­nie­ren die Er­de in ra­san­ter Ge­schwin­dig­keit, und sie zie­hen im­mer nur dort­hin, wo sie Geld ver­die­nen kön­nen. Und Tie­re lei­den dar­un­ter.

Sie ha­ben in den 60ern be­gon­nen, Hei­mat­kitsch iro­nisch in Ih­re Bil­der zu in­te­grie­ren.

Das „Ös­ter­reich-Buch“, das nun am Be­ginn der Ausstellun­g zu se­hen ist, be­steht aus Kit­sch­auf­nah­men ein­zel­ner Bun­des­län­der, aus Aus­schnit­ten von Schund­heftln und so ge­nann­ten ero­ti­schen Hef­ten je­ner Zeit. Ich ha­be das, was da­mals in der Tra­fik ge­han­gen ist, ge­nom­men und zu ei­nem groß­ar­ti­gen Kunst­werk ge­macht. Na­tür­lich geht es mir im­mer auch um Land- schaft, ich bin ein Seg­ler. Ich bin mein Le­ben lang auf Jol­len ge­le­gen, wie auf Frau­en.

Das Se­gel­boot ist ein stets wie­der­keh­ren­des Sym­bol in Ih­ren Bil­dern.

Aber in mei­nen Bil­dern kom­men auch im­mer wie­der Sekt­gla­serln vor, ob­wohl ich nie Sekt trin­ke. Ich weiß auch nicht, wie­so. Wenn der Kör­per das ma­len will, soll er ein Sekt­gla­serl ma­len. Und er will lei­der in je­des Bild ein Sekt­gla­serl ma­len! Ich ver­su­che es dann im­mer mit Deck­weiß wie­der weg­zu­ma­len. Es muss was Un­ter­be­wuss­tes sein. Ich den­ke, das Boot ist wie ein Pfeil, das ist der Mann, und die Pfei­le lan­den im­mer in ei­nem Sekt­glas, das muss

Zen­su­rie­ren Sie sich?

Nein. Ich hab in mei­nem Le­ben noch kein Bild weg­ge­schmis­sen. Und ich mach’ kei­ne Skiz­ze.

Bei Ih­nen steht die Kunst stets mit­ten im Le­ben. Was ist für Sie der Wert des dis­tan­zier­ten Be­trach­tens?

Ich be­trach­te mein Werk nicht dis­tan­ziert. Für mich sind das al­les Halb­le­be­we­sen, wenn man so will. Das ist ei­ne spe­zi­el­le Art, das Le­ben zu ver­brin­gen – dass man die gan­ze Welt dau­ernd neu er­fin­den kann und dass sie ei­nen zu­frie­den macht, nur mit ei­nem Stück Pa­pier und ei­nem Blei­stift. Da­mit kann man so­wie­so al­les sa­gen. Ich brauch’ nicht mit ei­nem Bag­ger über zwei Au­tos zu fah­ren, um zu zei­gen, dass der Bag­ger stär­ker ist.

Re­den wir erst ein­mal über die Bil­der.

Na­tür­lich. Wenn wir über die 1960er spre­chen, müs­sen wir wohl auch in der Ge­sell­schaft blei­ben, in der wir da leb­ten. Wenn ich in der Hip­pie­kul­tur auf­wach­se, ha­be ich ein an­de­res Frau­en­bild, als wenn ich heu­te auf­wach­se. Ich bin ge­al­tert, das muss ich ja lei­der zu­ge­ben, in der Zwi­schen­zeit sind fast 50 Jah­re ver­gan­gen, da muss das Frau­en­bild ein an­de­res sein. Das Frau­en­bild in mei­nen Bil­dern war im­mer so ge­hal­ten wie das Män­ner­bild auch – dass der Mann ei­ne Frau sein könn­te und die Frau auch ein Mann. Die Dop­pel­se­xua­li­tät hat mich in­ter­es­siert. In mei­nen Fo­to­zy­klen ha­be ich das am ei­ge­nen Kör­per aus­pro­biert – das hat sich an­ge­bo­ten, weil ich ein­fach so sau­hübsch war.

In den 1960ern ha­ben Sie Frau­en auch ein­mal mit Wür­fel-BHs aus­ge­stat­tet oder mit ei­nem BH ge­malt, des­sen Kör­be Fuchs­köp­fe wa­ren.

Mei­ne liebs­ten Frau­en wa­ren in der Ju­gend bein­am­pu­tier­te Man­ne­quins – das hat mich in­ter­es­siert, weil ja ei­ne Pro­the­se auch ein Klei­dungs­stück ist....

Pro­the­sen sind oft dop­pel­deu­tig – ei­ner­seits en­gen sie den Kör­per ein, an­de­rer­seits ver­stär­ken sie ihn.

Das ist bei der Mo­de iden­tisch, die soll den Men­schen ja auch ver­bes­sern. Und wenn man sich ent­schei­det, dass man Frau­en zur Hälf­te als ei­ge­nes Kunst­werk sieht und zur an­de­ren Hälf­te als Men­schen, mit de­nen man ger­ne zu­sam­men sein will, wird es in­ter­es­sant. Mich be­schäf­tigt auch die Fra­ge, war­um Men­schen mit Ver­let­zun­gen le­ben, um schö­ner zu wer­den. Mit Schmuck, Nar­ben und Tä­to­wie­rung pas­siert da sehr viel.

Man­che Ih­rer Ar­bei­ten wa­ren de­zi­diert für den All­tag be­stimmt. Kön­nen Sie nach­voll­zie­hen, wenn ein Werk in ei­nem an­de­ren Kon­text an­ders re­zi­piert wird – Stich­wort ÖSV-Pla­kat?

Ich füh­le mich da sehr miss­ver­stan­den. Ich ha­be ja kein Pla­kat ab­ge­lie­fert, son­dern ein Kunst­werk. Das geht in ei­ner Druck­auf­la­ge, von mir si­gniert, an die Ski­fah­re­rin­nen. Es wur­de da­ne­ben von ei­nem Gra­fi­ker ein Pla­kat ge­druckt, das war kein At­ter­see-Pla­kat. Der ÖSV ist ver­ant­wort­lich für das, was in sei­nem Be­reich pas­siert ist, der soll (im Be­zug auf Miss­brauchs­fäl­le, Anm.) Klar­heit schaf­fen und nicht mein Pla­kat ab- oder auf hän­gen. Wenn es noch Schul­di­ge gibt, ge­hö­ren die zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen. Nur hat das mit mei­nem Pla­kat nichts zu tun.

At­ter­see im Bel­ve­de­re 21: „Mei­ne Bil­der ma­len sich so, wie man ei­ne Sup­pe kocht. Es kommt im­mer noch ei­ne Idee da­zu“

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