Die Jah­res­rin­ge im Ge­sicht

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Ich lie­be jun­ge Men­schen. Aber manch­mal sind sie mir ein Rät­sel. Jetzt zum Bei­spiel, wo in kei­nem Ge­spräch der Satz fehlt: „Ich ha­be mir mit FaceApp an­ge­schaut, wie ich in 30 Jah­ren aus­se­hen wer­de. Al­so, das ist fas­zi­nie­rend…“Dank ei­nes KURIERAr­ti­kels muss ich mich nicht bla­mie­ren, son­dern weiß oh­ne Nach­fra­ge, die ei­nen di­gi­ta­len St­ein­zeit­men­schen ent­larvt, wor­um es geht – um ein klei­nes Pro­gramm am Han­dy, das Por­träts um Jahr­zehn­te „al­tern“lässt.

Rät­sel­haft ist mir nur die Be­geis­te­rung für die­sen Vor­griff auf die Zu­kunft. Aber die Jun­gen wis­sen halt noch nicht: Dass das ei­ge­ne, wirk­lich alt ge­wor­de­ne Ge­sicht gar nicht mehr fas­zi­nie­rend ist – schon gar nicht für ei­nen sel­ber. Und dass man spä­ter im Le­ben beim Be­trach­ten ei­nes Fo­tos oft nicht ganz si­cher ist, was die Per­son mit dem aus­ge­präg­ten Ge­sichts-Plis­see mit ei­nem selbst zu tun ha­ben soll. Ich ge­ste­he, dass ich je­den Mor­gen beim ers­ten Blick in den Ba­de­zim­mer­spie­gel er­schre­cke und mich fra­ge, wo denn die­se frem­de al­te Frau her­kommt. Täg­lich be­geg­ne ich ihr (ge­zwun­ge­ner­ma­ßen), und täg­lich bin ich un­vor­be­rei­tet auf ih­ren An­blick.

Die FaceApp-Na­gel­pro­be Auch die vie­len jun­gen pro­be­wei­se Ge­al­ter­ten wer­den in drei Jahr­zehn­ten auf­wa­chen und mer­ken, dass die FaceApp kein ver­läss­li­ches Ora­kel war. Und wer­den beim ers­ten Blick des Ta­ges aufs ei­ge­ne Ge­sicht viel­leicht er­schre­cken…

Ich ha­be die Pro­be aufs Ex­em­pel ge­macht und ein 30 Jah­re al­tes Bild von die­ser FaceApp „al­tern“las­sen. Na­tür­lich ist es im­mer wie­der fas­zi­nie­rend, was die Bild­be­ar­bei­tung heu­te al­les kann. Sie kann den Ge­sichts­kon­tu­ren al­les Straf­fe ent­zie­hen, die Au­gen­li­der et­was hän­gen las­sen, Fal­ten, die sich in der Ju­gend an­ge­deu­tet ha­ben, ver­tie­fen. Das schaut dann alt aus – aber hat nicht viel da­mit zu tun, wel­che Spu­ren von 30 Jah­ren voll des Le­bens sich tat­säch­lich ins Ge­sicht ein­ge­gra­ben ha­ben. Da gibt’s die schwie­ri­gen Zei­ten, die sich in tie­fen Fur­chen über der Na­sen­wur­zel nie­der­ge­schla­gen ha­ben, aber, Gott sei Dank, auch die vie­len, vie­len Stun­den des fröh­li­chen La­chens – die ha­ben die Krä­hen­fü­ße über die gan­ze Wan­ge wach­sen las­sen. Da­von weiß die FaceApp nichts.

Zum Alt-Sein ge­hört eben ein al­tes Ge­sicht. Auch wenn ei­ne gan­ze Bran­che gut an der Hoff­nung ver­dient, ewi­ge Ju­gend lie­ße sich durch teu­re Cre­men er­hal­ten, und die kos­me­ti­sche Chir­ur­gie im­mer neue Me­tho­den er­fin­det, die Spu­ren der Zeit aus­zu­ra­die­ren: Der Mensch trägt sei­ne Jah­res­rin­ge im Ge­sicht.

Das in­ne­re Ich

Na denn, dann trag’ ich sie eben nicht nur mit Fas­sung, die­se un­ver­meid­li­chen Fal­ten, son­dern auch mit Stolz. Schließ­lich ha­be ich mir je­de ein­zel­ne er-lebt und er-lacht.

Wich­tig ist ei­gent­lich nur, dass das in­ne­re Ich kei­ne un­nö­ti­gen Fal­ten hat. Da­für ist wohl je­der selbst zu­stän­dig. Denn die­ses Ich ist et­was Ko­mi­sches. Es kennt sein Ge­burts­jahr nicht, weiß nichts von sei­nem Le­bens­al­ter. Es bleibt so neu­gie­rig, so of­fen, so le­bens­froh und men­schen­zu­ge­wandt, wie man es lässt.

Ein biss­chen ist es mit dem Ich so wie mit Os­car Wil­des „Bild­nis des Do­ri­an Gray“– nur um­ge­kehrt. Für die Au­ßen­welt sicht­bar al­tert der Mensch, bin ich ei­ne alt ge­wor­de­ne Frau. In­nen drin­nen aber – un­sicht­bar und gut ver­steckt – da bleibt das Ich für im­mer jung. Oder zu­min­dest zeit­los.

alt­[email protected]­rier.at

Ruth Pau­li ist alt (69) und schreibt im­mer noch. Frü­her war sie lan­ge Jah­re in­nen­po­li­ti­sche Ko­lum­nis­tin beim KU­RIER.

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