„Nie­mand hät­te es ge­glaubt“

Adam Fi­scher. Der Di­ri­gent über #MeToo in der Klas­sik, die Politik in Un­garn und sei­nen 70er

Kurier - - Kultur - VON SU­SAN­NE ZOBL

Der Di­ri­gent Adam Fi­scher fei­ert am 9. Sep­tem­ber sei­nen 70. Ge­burts­tag. An der Wie­ner Staats­oper hat Fi­scher rund 400 Vor­stel­lun­gen di­ri­giert. An den be­deu­tends­ten Opern­häu­sern – von der New Yor­ker Me­tro­po­li­tan Ope­ra bis zur Mai­län­der Sca­la – ist er ge­fragt. In Ei­sen­stadt stand er 29 Jah­re mit sei­ner Ös­ter­rei­chi­schUn­ga­ri­schen Haydn-Phil­har­mo­nie im Zen­trum der Haydn-Ta­ge. Sei­ne Ein­spie­lung von Gus­tav Mah­lers 3. Sym­pho­nie mit den „Düs­sel­dor­fern“wur­de nun mit dem Opus Klas­sik Preis ge­kürt.

KU­RI­ER: Am En­de ih­rer Bio­gra­fie sind Sie mit dem Satz zi­tiert: „Ich ha­be Angst vor mir selbst.“Wie ist das zu ver­ste­hen?

Adam Fi­scher: Das ist ein Zitat von Char­lie Chap­lin aus „Der gro­ße Dik­ta­tor“und na­tür­lich iro­nisch ge­meint. Nach­dem ich das Buch ge­le­sen hat­te, fühl­te ich mich in sol­chen Sphä­ren an­ge­langt, wo man Hö­hen­angst be­kom­men kann. Je äl­ter ich wer­de, des­to mehr ver­ste­he ich, dass die Auf­ga­be des Di­ri­gen­ten sehr kom­plex ist. Es geht nicht dar­um, je­den Orches­ter­mu­si­ker zu kon­trol­lie­ren, son­dern zu ver­ste­hen und ihm das zu bie­ten, was er braucht. Theo­re­tisch müss­te ich je­den ein­zel­nen an­ders be­han­deln. Bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad schaf­fe ich das auch. Und wenn ein Sän­ger nicht so gut singt oder ein Mu­si­ker nicht so gut spielt, ist der Di­ri­gent mit Schuld.

Wie se­hen Sie Ihr Ver­hält­nis zu den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern?

Ich ha­be mit ei­ni­gen aus dem Orches­ter stu­diert. Aber das Le­ben ist manch­mal un­ge­recht. Ich bin noch ak­tiv, die meis­ten mei­ner Stu­di­en­kol­le­gen wie Rai­ner Küchl sind schon in Pen­si­on. Die Tra­di­ti­on wird wei­ter­ge­tra­gen, und ich mu­si­zie­re mit al­len Ge­ne­ra­tio­nen der „Wie­ner“im­mer sehr ger­ne, ganz be­son­ders Mo­zart. Das ist ih­re Mu­sik. Und die Wie­ner Staats­oper ist das Opern­haus für mich.

Sie sind Eh­ren­mit­glied. Das be­deu­tet mir sehr viel. Mein Va­ter wä­re se­lig ge­we­sen, wenn er das ge­wusst hät­te.

Gibt es schon Plä­ne mit dem künf­ti­gen Di­rek­tor Bog­dan Rošcic?

In der ers­ten Sai­son der neu­en Di­rek­ti­on wer­de ich Mo­zart und Wa­gner di­ri­gie­ren. Dar­über hin­aus wer­de ich für mein Stamm­haus und das Wie­ner Pu­bli­kum im­mer ger­ne Zeit fin­den, wenn man mich fragt.

Sie sind ein har­ter Kri­ti­ker des un­ga­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Vik­tor Or­ban. Stimmt es, dass Sie sei­net­we­gen Ih­ren Pos­ten als Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor der Bu­da­pes­ter Oper zu­rück­ge­legt ha­ben?

Ich ge­be Ih­nen ein Bei­spiel, wes­halb. Ei­ne Sän­ge­rin sag­te zum Opern­di­rek­tor. „Wenn du mei­nen Sohn nicht en­ga­gierst, ge­he ich zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, und du ver­lierst dei­nen Job.“Der Opern­di­rek­tor woll­te mich dar­auf­hin über­re­den, die­sen Kla­ri­net­tis­ten an­zu­stel­len. Das wä­re aber auch un­ter ei­ner so­zia­lis­ti­schen Re­gie­rung nicht an­ders ge­we­sen. Wo so ei­ne Men­ta­li­tät herrscht, kann ich nicht krea­tiv ar­bei­ten. Or­ban hat die­se aus­ge­nutzt. Heute ge­be ich mei­nem Va­ter recht, der sag­te, in Un­garn wer­de es nie ei­ne De­mo­kra­tie ge­ben.

War­um ist das so?

Mein Va­ter sag­te, Un­garn sei im­mer ein feu­da­lis­ti­sches Land ge­we­sen. Der Li­be­ra­lis­mus ha­be sich dort nie wirk­lich eta­bliert. Die Ob­rig­keit sei et­was von Gott Ge­ge­be­nes. Und die Un­garn le­ben in ih­rer ei­ge­nen Welt. 95 Pro­zent spre­chen kei­ne Fremd­spra­che. Und ich war ent­setzt, als ich hör­te, dass die meis­ten Ro­ma Or­ban wäh­len, weil sie glau­ben, dass ih­nen die Mi­gran­ten die So­zi­al­hil­fe weg­neh­men.

Wie wich­tig ist Ih­nen Re­gie?

Mein Pro­blem ist, dass ich zu sehr von Ins­ze­nie­run­gen ab­hän­ge. Ich glau­be näm­lich nicht, dass man die Mu­sik un­ab­hän­gig vom Ge­sche­hen auf der Büh­ne di­ri­gie­ren kann. Emo­tio­nen, die in der Mu­sik aus­ge­drückt sind, müs­sen auch vom Re­gis­seur so um­ge­setzt wer­den. An­sons­ten geht es mir ge­gen den Strich. Der Ers­te, der sich von ei­ner un­sin­ni­gen Idee ab­brin­gen ließ, war Woo­dy Al­len an der Sca­la. In Al­lens Ins­ze­nie­rung von Puc­ci­nis „Gianni Schic­ci“in Los Angeles hin­ge­gen war vor­ge­se­hen, dass die Ti­tel­fi­gur am En­de von ei­ner ver­prell­ten Ver­wand­ten er­sto­chen wird. Das wä­re ei­ne an­de­re Ge­schich­te ge­we­sen. Aber für die Ame­ri­ka­ner ist es wich­tig, dass der Schul­di­ge be­straft wird.

In Amerika reicht heute schon die Be­schul­di­gung, um je­man­den zu­min­dest ge­sell­schaft­lich zu be­stra­fen, wie die #MeToo-De­bat­te auch am Bei­spiel von Woo­dy Al­len zeigt. Was sa­gen Sie da­zu, dass #MeToo den Klas­sik­be­trieb er­reicht hat?

Schon vor vier­zig Jah­ren hat man ge­wusst, dass man als jun­ger Mann nicht al­lein in das Zim­mer von Ja­mes Le­vi­ne ge­hen soll­te. Ich ha­be auch so et­was er­lebt. Ich nen­ne kei­ne Na­men, aber ein pen­sio­nier­ter In­ten­dant hat mich ein­mal in sein Bü­ro ge­holt und mich be­grapscht. Und als Zehn­jäh­ri­ger pas­sier­te mir et­was Ähn­li­ches in ei­nem Auf­zug. Das ha­be ich so­fort mei­nen El­tern er­zählt. Die woll­ten den Tä­ter ver­kla­gen.

Ver­ste­hen Sie, dass die meis­ten Op­fer jah­re­lang ge­schwie­gen ha­ben?

Ja und Nein. Frü­her war es un­mög­lich, sich zu be­schwe­ren. Nie­mand hät­te ei­nem ge­glaubt.

Wür­den Sie heute als Ju­gend­li­cher die­sen In­ten­dan­ten ver­kla­gen?

Das weiß ich nicht. Aber ich glau­be, er wür­de das heute nicht mehr ma­chen, weil sich die Zei­ten ge­än­dert ha­ben. Aber er hat mir auch nicht mit Job­ver­lust ge­droht. Die­ses Ver­hal­ten war da­mals nicht un­üb­lich. Das kann man nicht mit heu­ti­gen Maß­stä­ben be­ur­tei­len. Ich ha­be mich als jun­ger Di­ri­gent auch durch die Ar­beit in fast je­de Sän­ge­rin ver­liebt. Aber das ist ge­fähr­lich. Man kann oft nicht sa­gen, wo die Ab­hän­gig­keit an­fängt und die ge­gen­sei­ti­ge Zu­nei­gung auf­hört.

Gibt der 70. Ge­burts­tag An­lass für wei­te­re Plä­ne?

Ich möch­te Haydns 103. Sym­pho­nie noch bes­ser ma­chen. Und ich be­gin­ne jetzt ei­nen Brahms-Zy­klus in Düsseldorf und in Ko­pen­ha­gen. Brahms muss ge­macht wer­den, wie ein Traum, den man nicht ver­mit­teln kann. Und mei­ner drei­jäh­ri­gen En­ke­lin ha­be ich ver­spro­chen, dass sie mit mir die Ker­zen auf mei­ner Tor­te aus­pus­ten darf.

Adam Fi­scher: Zum 70er er­scheint ei­ne Bio­gra­fie des Di­ri­gen­ten

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.