„Herr Pro­fes­sor, ha­ben Sie sich Ih­re Hän­de des­in­fi­ziert?“

Pa­ti­en­ten­si­cher­heit. Ni­veau in Ös­ter­reich ist hoch, Ex­per­ten se­hen aber noch Ver­bes­se­rungs­be­darf – et­wa im of­fe­nen Um­gang mit Feh­lern

Kurier - - LEBENSART - ERNST MAURITZ

Hän­de­des­in­fek­ti­on: Pa­ti­en­ten sol­len fra­gen, ob sie durch­ge­führt wur­de „Je­de Mi­nu­te ster­ben welt­weit fünf Men­schen we­gen feh­ler­haf­ter Be­hand­lung“, warnt die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on. „In Ös­ter­reich hat sich auf dem Ge­biet der Pa­ti­en­ten­si­cher­heit in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren sehr viel ge­tan, aber noch nicht ge­nug“, sagt Bri­git­te Ettl (ärzt­li­che Di­rek­to­rin im Kran­ken­haus Hiet­zing und Prä­si­den­tin der Platt­form Pa­ti­en­ten­si­cher­heit) zum Welt­tag der Pa­ti­en­ten­si­cher­heit. Das ös­ter­rei­chi­sche Ge­sund­heits­sys­tem sei aber ei­nes der si­chers­ten der Welt.

Legt man in­ter­na­tio­na­le Da­ten auf Ös­ter­reich um, muss jähr­lich mit 245.000 Zwi­schen­fäl­len und 2.900 bis 6.800 To­des­fäl­len in Kran­ken­an­stal­ten ge­rech­net wer­den, die mit in­ter­nen Ab­läu­fen zu tun ha­ben. „10 bis 30 Pro­zent der Spi­tals­in­fek­tio­nen wä­ren ver­hin­der­bar“, sagt Ettl. „Es muss ein of­fe­nes Kli­ma ge­ben, in dem Mit­ar­bei­ter sich trau­en zu sa­gen, was pas­siert ist.“

Feh­ler als Hel­fer

„Je­der Feh­ler ist auch ein Hel­fer“, sagt der Ju­rist Gerhard Ai­g­ner (In­sti­tut für Ethik und Recht in der Me­di­zin). Er se­he aber noch ei­nen Nach­bes­se­rungs­be­darf beim of­fe­nen Um­gang mit Feh­lern. Na­tür­lich sol­len Pa­ti­en­ten, de­nen ein Scha­den zu­ge­fügt wur­de, Scha­den­er­satz er­hal­ten. Ein Ar­beit­ge­ber sol­le sich aber nicht durch Re­gress an ei­nem Mit­ar­bei­ter schad­los hal­ten kön­nen: „So wird ge­währ­leis­tet, dass der Sach­ver­halt auf­ge­klärt wird und sich Feh­ler nicht wie­der­ho­len.“

Pa­ti­en­ten­si­cher­heit ist auch ei­ne Fra­ge von aus­rei­chend Per­so­nal, be­tont Ärz­te­kam­mer­chef Tho­mas Sze­ke­res: „Wir ha­ben zu we­nig Per­so­nal, das ist ein Fak­tor, der Feh­ler be­güns­tigt.“

„Die heu­ti­ge Me­di­zin ist wie ein hoch wirk­sa­mes Me­di­ka­ment, viel ef­fek­ti­ver als frü­her, aber auch mit Ne­ben­wir­kun­gen“, zieht Klaus Mark­stal­ler (Lei­ter der Uni-Kli­nik für Anäs­the­sie , All­ge­mei­ne In­ten­siv­me­di­zin und Schmerz­the­ra­pie von Me­dU­ni / AKH Wi­en) ei­nen Ver­gleich. Di­gi­ta­le Tech­nik kön­ne die Pa­ti­en­ten­si­cher­heit aber deut­lich er­hö­hen – so könn­te man nach der Ent­las­sung von der In­ten­siv­sta­ti­on auch auf der Nor­mal­sta­ti­on mit Sen­so­ren Atem-, Herz­fre­quenz, Sau­er­stoff­sät­ti­gung und Tem­pe­ra­tur kon­trol­lie­ren – und da­mit Ver­schlech­te­run­gen schon im Vor­feld er­ken­nen und ge­gen­steu­ern. „Wich­tig sind aber auch mün­di­ge Pa­ti­en­ten, die sich trau­en, Fra­gen zu stel­len und so die Si­cher­heit er­hö­hen“, be­tont Ettl. Al­ler­dings: „Da­von, dass sie fra­gen, ,Herr Pro­fes­sor, ha­ben Sie sich Ih­re Hän­de des­in­fi­ziert?‘, sind wir noch weit ent­fernt – aber es wird bes­ser.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.