Ent-So­li­da­ri­sie­rung.

Macht­kämp­fe und ge­schei­ter­te Auf­stän­de ha­ben die Kri­se der So­zi­al­de­mo­kra­tie ver­schärft. Fünf The­sen, was da­zu ge­führt hat

Kurier - - POLITIK - VON CHRIS­TI­AN BÖH­MER

Si­cher hat sie schon schlim­me­re Wo­chen ge­se­hen, die SPÖ. Im­mer­hin ist die Par­tei bald 130 Jah­re alt.

Sehr vie­le sehr viel schlim­me­re Wo­chen kön­nen es in der jün­ge­ren Zeit­ge­schich­te aber kaum ge­we­sen sein. Denn was in den ver­gan­ge­nen Ta­gen in, mit und um die Bun­des-SPÖ pas­siert ist, bleibt oh­ne Ver­gleich:

Da ist der Um­stand, dass die Bun­des­par­tei fi­nan­zi­ell de fac­to am En­de ist.

Da ist die Tat­sa­che, dass man zum ers­ten Mal in der Ge­schich­te rund ein Vier­tel der Par­tei­mit­ar­bei­ter zur Kün­di­gung an­mel­den muss­te.

Und als wä­re all das nicht be­kla­gens­wert ge­nug, setz­ten Mit­te der Wo­che ein­zel­ne Lan­des­par­tei­chefs zu ei­nem Auf­stand ge­gen Pa­me­la Ren­di-Wa­gner an, der nicht et­wa des­halb miss­lun­gen ist, weil Wi­en, Kla­gen­furt und Ei­sen­stadt so über­zeugt von den Füh­rungs­qua­li­tä­ten der strau­cheln­den Bun­des­par­tei­che­fin wä­ren, son­dern nur, weil man es – noch – für wahl­tak­tisch güns­ti­ger hält, sie zu hal­ten.

Wie konn­te es nur so weit kom­men? Wie konn­te die äl­tes­te Par­tei des Lan­des in ei­ne Si­tua­ti­on schlit­tern, in der sie Mei­nungs­for­scher schon hart an der 20 Pro­zent-Mar­ke se­hen? Der KU­RI­ER be­gab sich auf Ur­sa­chen­for­schung – und fand fol­gen­de Grün­de.

Die SPÖ ist struk­tu­rell falsch auf­ge­stellt „Tei­le der Par­tei sind zu struk­tur­kon­ser­va­tiv“, be­fun­de­te zu­letzt der frü­he­re Spre­cher von SPÖ-Kanz­lern und Me­di­en­ma­na­ger Ger­hard Zei­ler – und er ist mit die­ser An­sicht nicht nur nicht al­lein, son­die­sem

1 dern ver­mut­lich zu mil­de. Die SPÖ ist die struk­tur­kon­ser­va­tivs­te Par­tei im Land. Or­ga­ni­sa­ti­on und Funk­ti­ons­wei­se ori­en­tie­ren sich an den 1980er-Jah­ren, man denkt in Be­zir­ken und Sek­tio­nen.

Das Zau­ber­wort für den Er­folg heißt: Kam­pa­gnen­fä­hig­keit. Die SPÖ ist fürs Kam­pagni­sie­ren nicht gut auf­ge­stellt. In­so­fern ist ih­re Fi­nanz­kri­se mög­li­cher­wei­se ei­ne Chan­ce. Denn nun muss sich die Par­tei viel in­ten­si­ver mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, wie man im di­gi­ta­len Zeit­al­ter Sym­pa­thi­san­ten er­reicht – und Wah­len ge­winnt.

Die SPÖ ist zu prag­ma­tisch ge­wor­den Be­dingt durch ei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Re­gie­rungs­be­tei­li­gung hat die So­zi­al­de­mo­kra­tie in Ös­ter­reich wie im Rest Eu­ro­pas die Fä­hig­keit ver­lo­ren, mu­ti­ge, ja vi­el­leicht so­gar kom­pro­miss­lo­se Vi­sio­nen zu for­mu­lie­ren.

Der deut­sche Po­li­tik­wis­sen­schaf­ter Felix Butzlaff or­tet Par­al­le­len zwi­schen SPD und der SPÖ. Er das Pro­blem so: „Kon­zep­te müs­sen aus­ge­feilt und ,um­setz­bar‘ sein, be­vor man sich traut, öf­fent­lich über sie zu spre­chen.“Wer es wa­ge, zu sehr über Ide­en zu re­den, der müs­se wie der deut­sche Ju­soChef Ke­vin Küh­nert da­mit rech­nen, „dass ihm von der ei­ge­nen Par­tei so­gleich Unernst­haf­tig­keit und Par­tei­schä­di­gung vor­ge­wor­fen wird. Uto­pi­en hät­te man schon ger­ne – aber bit­te ge­gen­fi­nan­ziert“.

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Die SPÖ hat den Avant­gar­de­und Fort­schritts­be­griff auf­ge­ge­ben Die So­zi­al­de­mo­kra­tie ist in ih­rem Kern fort­schritts­be­ja­hend. Ideo­lo­gisch eint ih­re Mit­glie­der der fes­te Glau­be, dass die Welt – und da­mit die Le­bens­si­tua­ti­on je­des Ein­zel­nen – bes­ser wer­den kann und muss. Die­se vi­ta­le Funk­ti­on, al­so ein Sam­mel­be­cken für all je­ne zu sein, die über ei­ne bes­se­re Welt nach­den­ken wol­len, hat die Par­tei längst an­de­ren Be­we­gun­gen und Par­tei­en über­las­sen.

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Wich­ti­ge Tei­le der Par­tei wer­den von al­ten ClanFeh­den be­hin­dert

Seit Jahr­zehn­ten lähmt ein Macht­kampf zwi­schen zwei ri­va­li­sie­ren­den „Clans“die Wie­ner Lan­des­par­tei – und da­mit den Bund. Zu

4 be­schreibt Schluss kommt auch ei­ne in höchs­ten Wie­ner Par­tei­krei­sen zir­ku­lie­ren­de Ana­ly­se (der KU­RI­ER be­rich­te­te).

Im We­sent­li­chen geht es bei dem Kon­flikt um die Kon­kur­renz zwi­schen dem Häupl-La­ger und der Lie­sin­ger Grup­pe um Wer­ner Fay­mann. An zen­tra­ler Po­si­ti­on der Lie­sin­ger agie­ren bis heu­te Do­ris Bu­res und Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Chris­ti­an Deutsch. Ih­nen wur­de in­tern von Kri­ti­kern vor­ge­hal­ten, sie hät­ten die nö­ti­gen Kün­di­gun­gen in der Lö­wel­stra­ße vor al­lem nach „Clan-Zu­ge­hö­rig­keit“ent­schie­den. Al­lein dass dies so dis­ku­tiert wird, zeigt: Der Kon­flikt ist un­ge­löst – und zer­stört die Par­tei.

Die SPÖ er­mög­licht Mit­ar­beit – nimmt die­se aber nicht ernst

Die Ver­trau­ens­kri­se der SPÖ be­steht – auch – dar­in, dass Wäh­ler zu­neh­mend nicht dar­auf ver­trau­en, dass die Par­tei ih­re Wün­sche kon­se­quent ernst nimmt. Die Mit­glied­schaft in der SPÖ bie­tet Mit­glie­dern kaum po­li­ti­sche Vor­tei­le. We­sent­li­che Ent­schei­dun­gen wie Par­tei­vor­sitz oder Re­gie­rungs­be­tei­li­gung wer­den von den „Gre­mi­en“ent­schie­den. Di­rekt de­mo­kra­ti­sche In­stru­men­te wie die Bür­gerBe­fra­gung in Wi­en wer­den mit „No-Na“-Fra­gen ad ab­sur­dum ge­führt – und ver­fes­ti­gen den Ein­druck, dass letzt­lich ei­ne ver­schwo­re­ne Grup­pe an der Spit­ze ent­schei­det, was sie für rich­tig hält – un­ab­hän­gig da­von, was das Gros der Ge­nos­sen will.

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