„Ich fin­de al­le geil“

Die­ter Boh­len. Der Pop-Ti­tan über sei­ne Tour, Ma­riah Ca­rey und Koh­le

Kurier - - KULTUR - VON NI­NA OBERBUCHER

Mu­si­ker, Pro­du­zent, TV-Ju­ror, Ins­ta­gram­mer: Die­ter Boh­len (65)

Ach­tung, der Ohr­wurm kommt spä­tes­tens, wenn Sie die fol­gen­den Song­ti­tel le­sen: „You’re My He­art, You’re My Soul“, „Che­ri Che­ri La­dy“, „Bro­ther Lou­ie“– mit die­sen Pop-Hits fei­er­ten Die­ter Boh­len und Tho­mas An­ders in den 80ern als Mo­dern Tal­king Er­fol­ge. Die Band ist mitt­ler­wei­le Ge­schich­te und Boh­len vor al­lem als Ju­ror in Cas­ting­shows un­ter­wegs. Nach 16 Jah­ren Pau­se tourt er ak­tu­ell aber wie­der durch den deutsch­spra­chi­gen Raum – und gas­tiert am 6. De­zem­ber in der Wie­ner Stadt­hal­le.

KU­RI­ER: Ei­nen Groß­teil Ih­rer Kon­zer­te für 2020 muss­ten Sie wie­der ab­sa­gen. Ha­ben Sie sich bei der Pla­nung Ih­rer Tour ein we­nig über­nom­men?

Die­ter Boh­len: Ja (lacht). Ich wur­de von mei­nen Fans auf Ins­ta­gram ty­ran­ni­siert, doch auch mal im deutsch­spra­chi­gen Raum auf­zu­tre­ten und nicht im­mer nach Mos­kau oder Chi­le zu f lie­gen. Das hat­te­für­mich­denVor­teil,dass­die Me­di­en in Deutsch­land nix da­von mit­be­kom­men ha­ben und ich ganz ent­spannt ma­chen konn­te, was ich woll­te (lacht). Ich ha­be dann ein Kon­zert in Berlin ver­an­stal­tet und das war in ein paar St­un­den aus­ver­kauft. Dann ha­ben mich al­le be­drängt, noch mehr zu­spie­len,al­so­ha­ben­wir­zehn ge­macht und die lie­fen toll: Berlin 21.000, Ham­burg 10.000, Dort­mund 10.000. In die­ser Eu­pho­rie ha­be ich ge­sagt: Komm, wir ma­chen 2020 noch wei­ter!

Aber das war zu viel?

Es ist ja nicht so, dass man nur die­ses Kon­zert spielt und das war’s. Ma­riah Ca­rey war in Ham­burg und hat­te 3.800 Zu­schau­er. Ich hat­te 10.000 und das liegt jetzt nicht dar­an, dass ich viel bes­ser sin­ge als Ma­riah Ca­rey (lacht), son­dern, dass ich viel da­für ge­ar­bei­tet ha­be, Pro­mo­ti­on ge­macht ha­be un­d­so­wei­ter. Ich bin zeit­lich so ein­ge­spannt – ich ma­che ja auch Fern­seh­sen­dun­gen und Wer­be­sa­chen – und man hat je­den Tag die­se Angst: Ich darf nicht krank wer­den! Bei je­dem, der ei­nen ir­gend­wie an­hus­tet oder wo man sieht, der ist er­käl­tet, rennt man weg. Ich des­in­fi­zier’ mir, glau­be ich, 40Ma­l­amTagdieHä­n­de.Das ist ein Druck, den hält man auf Dau­er nicht aus. Des­halb zie­he ich das jetzt bis zum Jah­res­en­de noch durch, aber dann muss auch mal Ru­he ein­keh­ren.

Sie könn­ten ja von den Tan­tie­men für „Che­ri Che­ri La­dy“ei­gent­lich le­ben.

Ja, lo­cker (lacht).

War­um tun Sie sich das dann an? An­de­re ge­hen mit 65 in Pen­si­on.

Ich ha­be das gro­ße Glück, dass ich mein Hob­by zum Be­ruf ge­macht ha­be, des­halb kommt mir al­les, was ich so ma­che, nicht wie Ar­beit vor. Aber wenn es eben so viel wird, dann kommt ei­ne Schwel­le, wo es kei­nen Spaß mehr macht.

Gibt es ei­gent­lich Boh­lenSongs, die Sie nicht mehr hö­ren kön­nen?

Nee, ich fin­de al­le geil (lacht laut). Vor 35 Jah­ren ha­ben die Men­schen ge­sagt und – Ent­schul­di­gung – ge­ra­de auch die Zei­tun­gen ge­schrie­ben, das ist al­les Quatsch und Weg­werf­mu­sik und man wird in ein paar Jah­ren nichts mehr da­von hö­ren. Für „You’re My He­art, You’reMySoul“be­kom­m­eich fast je­den Tag von ir­gend­wo auf der Welt ei­ne An­fra­ge, ob das je­mand co­vern kann oder ob das in ir­gend­ei­nem Film ge­spielt wer­den darf. Ca­pi­tal Bra hat jetzt „Che­ri Che­ri La­dy“ge­co­vert, wo mich die Leu­te frü­her noch ver­arscht ha­ben. Von we­gen „Kir­sche Kir­sche Da­me“, da­bei war „Che­ri“ja vom Fran­zö­si­schen ab­ge­lei­tet, es hat nur kei­ner ab­ge­rafft. Jetzt hat Ca­pi­tal Bra bei Spo­ti­fy 80 Mil­lio­nen Streams, ich hab’ ’ne hal­be Mil­li­ar­de Klicks auf YouTu­be. Das sind al­les Per­len, die mir seit 35 Jah­ren ’ne Men­ge Geld brin­gen, die kann man ja nur ger­ne hö­ren (lacht).

Heu­te wür­den Sie wahr­schein­lich HipHop ma­chen? Heut­zu­ta­ge muss man erst mal die Hür­de Spo­ti­fy über­win­den. Oh­ne Spo­ti­fy geht nix mehr in die Sing­le-Charts. Mit der Mu­sik, die wir da­mals ge­macht ha­ben, wä­ren wir heu­te chan­cen­los, ab­so­lut. Spo­ti­fy wür­de uns nie­mals spie­len. Mo­men­tan läuft da ein­fach deut­scher Hip Hop, al­le an­de­ren Sa­chen lau­fen nicht. Punkt. 99 Pro­zent der Men­schen, die bei mir vor dem Tor ste­hen oder bei „Deutsch­land sucht den Su­per­star“, ha­ben über­haupt noch nicht be­grif­fen, dass sich der Mu­sik­markt durch die Di­gi­ta­li­sie­rung völ­lig ver­än­dert hat. Da nützt dir kei­ne tol­le Num­mer mehr, da nützt dir kein tol­ler Sän­ger. Wenn die Struk­tu­ren und Zu­ta­ten nicht stim­men, kannst du gleich auf hö­ren. Des­halb wür­de ich jun­gen Leu­ten auch ra­ten, ei­nen Plan B zu ha­ben, falls das mit ih­rem krea­ti­ven Pro­jekt nicht klappt. Ich hab’ ja auch erst mal stu­diert (BWL, Anm.) und mein Ex­amen ge­macht. Wenn das bei mir nicht funk­tio­niert hät­te, hät­te ich tau­send an­de­re Sa­chen ma­chen kön­nen, vom Steu­er­be­ra­ter bis zum Plat­ten­boss.

Sie fei­er­ten als Mo­dern Tal­king Er­fol­ge, dann kam das Zer­würf­nis: Tho­mas An­ders und Die­ter Boh­len

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