Ös­ter­reich hat „klei­nes Po­ten­zi­al an mög­li­chen IS-At­ten­tä­tern“

Die­se sind in Frei­heit, wer­den aber von der Po­li­zei über­wacht

Kurier - - ERSTE SEITE - VON DO­MI­NIK SCHREI­BER UND KID MÖCHEL

Lon­don-At­ten­tat. Nach dem Mes­ser­an­griff am Wo­che­n­en­de in Groß­bri­tan­ni­en mit zwei To­ten war die bes­se­re Zu­sam­men­ar­beit von Po­li­zei und Ge­heim­diens­ten ei­nes der The­men am Mon­tag beim EU-In­nen­mi­nis­ter­rat in Brüssel.

Auch in Ös­ter­reich ge­be es ei­ne nied­ri­ge Zahl an Per­so­nen, die zu ei­nem ähn­li­chen At­ten­tat wie in Lon­don fä­hig wä­ren. Das sagt zu­min­dest der Lei­ter der Dera­di­ka­li­sie­rungs­stel­le De­rad, Mous­sa Al-Has­san Diaw, im Ge­spräch mit dem KU­RI­ER.

Vor­zei­ti­ge Ent­las­sung

Ei­ne „Begna­di­gung“nach der hal­ben Haft­zeit, wie es in Lon­don der Fall war, ist in Ös­ter­reich bei Dschi­ha­dis­ten nur theo­re­tisch mög­lich. „Das pas­siert nicht, das ist prak­tisch aus­ge­schlos­sen“, sagt An­walt Wolf­gang Bla­schitz, der zahl­rei­che mut­maß­li­che Dschi­ha­dis­ten vor Ge­richt ver­tre­ten hat.

Ak­tu­ell sind je­den­falls in Ös­ter­reich 95 Haft­be­feh­le ge­gen IS-Kämp­fer noch of­fen, 59 Per­so­nen be­fin­den sich in Sa­chen IS laut Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um der­zeit in Un­ter­su­chungs(39) oder Straf­haft (20).

„Es gibt ein klei­nes Po­ten­zi­al von Leu­ten, die auf­grund ih­rer psy­chi­schen Si­tua­ti­on fä­hig wä­ren, ein ideo­lo­gisch mo­ti­vier­tes At­ten­tat zu be­ge­hen“, sagt Mous­sa Al-Has­san Diaw. Er lei­tet das Der adi ka­li sie rungs­pro­gra mm Der ad, das ra­di­ka­li­sier­te Dschi­ha­dis­ten in Ös­ter­reich be­treut. Der Ver­ein ar­bei­tet mit dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um und dem Ver­fas­sungs­schutz zu­sam­men.

Ei­ne ge­naue Zahl der po­ten­zi­el­len An­grei­fer will Diaw nicht nen­nen. Glaubt man In­si­dern der Si­cher­heits­be­hör­den, dann han­delt es sich um ei­ne nied­ri­ge ein­stel­li­ge Zahl, die in Frei­heit sind. Dass die­se Per­so­nen trotz­dem auf frei­em Fuß sind, hat laut Er­mitt­lern un­ter­schied­li­che Grün­de: So gibt es mit­un­ter Gut­ach­ter oder gu­te An­wäl­te, die da­für ge­sorgt ha­ben, dass sie auf frei­em Fuß sind, oder es gab Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten in­ner­halb der Jus­tiz.

Aus Si­cher­heits­krei­sen heißt es aber, dass die­se „we­ni­gen Per­so­nen“über­wacht wer­den und es re­gel­mä­ßig Kon­takt­auf­nah­men in Form so­ge­nann­ter Ge­fähr­deran­spra­chen gibt.

Vie­le ab­ge­scho­ben

„Die meis­ten, die aus dem Ge­fäng­nis kom­men, wer­den oh­ne­hin ab­ge­scho­ben“, sagt Rechts­an­walt Wolf­gang Bla­schitz, der zahl­rei­che mut­maß­li­che Dschi­ha­dis­ten ver­tre­ten hat. „Für die meis­ten geht es nach der Haft nach Tsche­tsche­ni­en, und dort wer­den sie we­gen Be­ein­träch­ti­gung der In­ter­es­sen Russ­lands zu lan­gen Haft­stra­fen ver­ur­teilt.“Be­ding­te Ent­las­sun­gen nach der hal­ben Stra­fe (wie beim At­ten­tä­ter von Lon­don) gä­be es in Ös­ter­reich nur in der Theo­rie, sagt Bla­schitz: „Das pas­siert nicht, das ist prak­tisch aus­ge­schlos­sen.“

Bald könn­ten auch mög­li­che Ge­fähr­der in Ös­ter­reich hin­zu­kom­men, denn die Tür­kei will IS-Kämp­fer in ih­re Her­kunfts­län­der ab­schie­ben. Ös­ter­reich könn­te hier mit ei­ner ein­stel­li­gen Zahl be­trof­fen sein. Die­se wer­den aber nicht ein­fach in ein Flug­zeug ge­setzt, son­dern über­ge­ben, wird im Au­ßen­mi­nis­te­ri­um be­tont. Im Fal­le von Straf­tä­tern wer­den sie von der Tür­kei rechts­staat­lich an die Jus­tiz wei­ter­ge­reicht, sonst an Ver­tre­ter des In­nen­mi­nis­te­ri­ums.

Zwei Kin­der ge­holt

„Schwie­ri­ger ist die Si­tua­ti­on in den kur­di­schen La­gern“, sagt Au­ßen­amts­spre­cher Pe­ter Gu­schel­bau­er, da ge­be es kei­ne ge­re­gel­ten Über­ga­ben. Dort sit­zen aber vor al­lem Frau­en und Kin­der. Zwei Kin­der wur­den be­reits zu­rück­ge­bracht: „Von de­nen soll­te aber kei­ne Ge­fahr aus­ge­hen“, wird be­tont.

Die „For­eign Ter­ror­rist Figh­ters (aus­län­di­sche Kämp­fer, Anm.), die zu­rück­keh­ren kön­nen, sind ein The­ma, das für die Si­cher­heit der Bür­gers Eu­ro­pas von be­son­de­rer Be­deu­tung ist“, sagt In­nen­mi­nis­ter Wolf­gang Pe­schorn zum KU­RI­ER. Er war am Mon­tag beim EU-In­nen­mi­nis­ter­rat in Brüssel, wo über bes­se­re in­ter­na­tio­na­le Ko­ope­ra­ti­on ge­spro­chen wur­de. „Da­zu wer­den nicht nur Maß­nah­men der na­tio­na­len Ge­setz­ge­ber, son­dern vor al­lem auch Ko­ope­ra­tio­nen auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne er­for­der­lich sein. Ein wich­ti­ger Schritt wä­re es, ver­stärk­te Sy­ner­gi­en zwi­schen Eu­ro­pol und der Coun­ter Ter­ro­rism Group (CDG) zu fin­den.“

Die­se CTG ist ein Teil des be­rühm­ten Ber­ner Clubs, in dem 28 Ge­heim­diens­te sit­zen. Dort lau­fen wich­ti­ge Er­kennt­nis­se über die ter­ro­ris­ti­sche Be­dro­hung zu­sam­men, die auch für die Po­li­zei­ar­beit von Nut­zen wä­ren.

Kei­ne Be­zah­lung

Ne­ben der Ver­fol­gung ist die Prä­ven­ti­ons­ar­beit ein wich­ti­ger Fak­tor. Da­bei lau­fe die Zu­sam­men­ar­beit mit den Be­hör­den und De­rad laut des­sen Chef Diaw prin­zi­pi­ell gut. Ver­bes­se­run­gen sei­en aber im Schul­be­reich not­wen­dig, au­ßer­dem bei der Be­zah­lung. So ord­nen vie­le Ge­rich­te ei­ne Dera­di­ka­li­sie­rung zwar an, be­zah­len da­für aber nicht.

Ob Ter­ro­ris­ten über­haupt be­kehr­bar sind? Diaw: „Das kommt auf den Fall an. Es geht je­den­falls nicht von heu­te auf mor­gen und oft auch nicht in ei­nem hal­ben Jahr.“Wich­tig sei es, Er­sat­zi­deo­lo­gi­en an­zu­bie­ten. „Man kann ei­ne Über­zeu­gung nicht lö­schen, aber wir kön­nen Er­satz­an­ge­bo­te ma­chen.“Ein At­ten­tä­ter sei laut Diaw „wie ein Amok­läu­fer, aber mit Ideo­lo­gie“. Vie­le Prin­zi­pi­en sei­en ähn­lich, es ge­be für sie die gu­te Wir-Grup­pe und bö­se Fein­de. „Es gibt aber auch Is­la­mis­ten, die das ma­chen, um die Macht über an­de­re zu ge­nie­ßen“, er­klärt der De­rad-Mann. Die Mo­ti­ve sind viel­fäl­tig, ein­fa­che Lö­sun­gen gibt es nicht.

„Ei­ne be­ding­te Ent­las­sung nach hal­ber Stra­fe? Das ist in Ös­ter­reich prak­tisch aus­ge­schlos­sen.“

Wolf­gang Bla­schitz

Dschi­ha­dis­ten-An­walt

„Ein wich­ti­ger Schritt wä­re, die Sy­ner­gi­en von Eu­ro­pol und der Coun­ter Ter­ro­rism Group zu nut­zen.“

Wolf­gang Pe­schorn

In­nen­mi­nis­ter

Trau­er um die Op­fer von Lon­don: Der Tä­ter war ein ver­ur­teil­ter Ter­ro­rist

Zwei Men­schen tö­te­te der At­ten­tä­ter, be­vor er er­schos­sen wur­de – vor al­lem dem Ein­grei­fen von Zi­vi­lis­ten ist zu ver­dan­ken, dass nicht mehr Men­schen zu Scha­den ka­men

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