NA­TO wird 70: Fei­ern von Streit über­schat­tet

Gip­fel­tref­fen des Bünd­nis­ses in Lon­don

Kurier - - ERSTE SEITE - AUS BRÜSSEL IN­GRID STEI­NER-GA­SHI

Ma­cron ge­gen al­le. Im Vor­jahr war es US-Prä­si­dent Do­nald Trump. Die­ses Mal ist es Frank­reichs Staats­chef Em­ma­nu­el Ma­cron, der das NA­TO-Gip­fel­tref­fen ge­hö­rig durch­rüt­telt. 70 Jah­re nach sei­ner Grün­dung soll­te das Mi­li­tär­bünd­nis heu­te und mor­gen in Lon­don ei­gent­lich kräf­tig ge­fei­ert wer­den. Doch die Ver­tei­di­gungs­al­li­anz steckt in ei­ner po­li­ti­schen Kri­se, Ma­cron be­zeich­ne­te die Al­li­anz gar als „hirn­tot“. Da­mit hat er al­le an­de­ren NA­TO-Mit­glie­der ge­gen sich auf­ge­bracht, die Stim­mung vor dem Gip­fel war an­ge­spannt. Doch Ma­crons Kri­tik, so def­tig sie auch aus­fiel, mach­te deut­lich: Von Trump bis Er­doğan ver­fol­gen im­mer mehr NA­TO-Mit­glie­der ei­ge­ne In­ter­es­sen.

Tot­ge­sag­te le­ben län­ger: So zu­min­dest sieht es NATOChef Jens Stol­ten­berg, der von Em­ma­nu­el Ma­crons dras­ti­scher Dia­gno­se über den Zu­stand der NA­TO nichts hö­ren will. Als „hirn­tot“hat­te der fran­zö­si­sche Staats­chef vor Kur­zem das west­li­che Mi­li­tär­bünd­nis be­zeich­net. Oder an­ders ge­sagt: Als ver­al­tet, ver­braucht und ne­ben der Spur.

Noch vor dem heu­te in Lon­don be­gin­nen­den NA­TOGip­fel aber hör­te Stol­ten­berg das Herz der NA­TO kräf­tig schla­gen. Näm­lich in Form des Be­kennt­nis­ses ih­rer 29 Mit­glieds­staa­ten zum Bünd­nis­fall nach Ar­ti­kel 5: „So lan­ge po­ten­zi­el­le Geg­ner wis­sen, dass ein An­griff auf ei­nen Ver­bün­de­ten zu ei­ner Ant­wort des gan­zen Bünd­nis­ses führt, so lan­ge wird uns kein Geg­ner an­grei­fen“, sag­te er. Genau die­se Ver­pflich­tung – al­le für ei­nen, ei­ner für al­le – ma­che die NA­TO zur „stärks­ten Mi­li­tär­macht der Welt“.

Dar­an, so Stol­ten­berg, hät­ten sich al­le Bünd­nis­staa­ten zu hal­ten – auch Frank­reich. Erst ein ein­zi­ges Mal in sei­ner 70jäh­ri­gen Ge­schich­te hat die NA­TO den Bünd­nis­fall aus­ge­löst: Nach den Ter­ror­an­schlä­gen des 11. Sep­tem­ber 2001.

„Das geht ein­fach gar nicht, Ar­ti­kel 5 in­fra­ge zu stel­len“, sagt auch Ja­mie Shea, His­to­ri­ker und NA­TO-Ex­per­te ge­gen­über dem KU­RI­ER. „Die­ser Ar­ti­kel ist das Wich­tigs­te, das Herz­stück des Bünd­nis­ses.“Als ge­ra­de­zu pa­ra­dox er­ach­tet der lang­jäh­ri­ge frü­he­re Spre­cher der Mi­li­ar­al­li­anz denn auch, dass Ma­cron die NA­TO at­ta­ckiert, „wäh­rend sie doch ak­ti­ver ist denn je“. Tat­säch­lich agiert die ge­wal­ti­ge Mi­li­tär­ma­schi­ne gut ge­ölt. Ge­mein­sam wird ge­übt und ge­plant, stär­ke­re Ver­bän­de wer­den an die Ost­gren­ze zu Russ­land ver­legt. Sie stellt sich auf den neu­en, mäch­ti­gen Her­aus­for­de­rer Chi­na ein, auf Cy­ber­an­grif­fe, auf hy­bri­de Be­dro­hun­gen. Kei­ne Re­de von ei­nem Ab­zug ame­ri­ka­ni­scher Sol­da­ten aus Eu­ro­pa, im Ge­gen­teil. Auf dem Bo­den der mi­li­tä­ri­schen Rea­li­tä­ten ist die NA­TO quick­le­ben­dig.

Die Aus­ga­ben stei­gen

Nach Jah­ren des Spa­rens stei­gen – nicht zu­letzt auf­grund des mas­si­ven Drucks des pol­tern­den US-Prä­si­den­ten Do­nald Trump – die Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben wie­der. So wer­den die 29 NA­TO-Staa­ten bis En­de 2020 zu­sätz­lich 130 Mil­li­ar­den Eu­ro, bis En­de 2024 so­gar zu­sätz­li­che 400 Mil­li­ar­den Eu­ro in das Si­cher­heits­bünd­nis ein­zah­len (sie­he auch Gra­fik).

„Nach fast vier­zig Jah­ren Tä­tig­keit in der NA­TO ha­be ich je­de nur er­denk­li­che Kri­se mit­er­lebt“, sagt Shea. „Und da­bei ha­be ich auch ge­lernt: Die NA­TO ge­rät nicht in Pa­nik, son­dern wächst an Kri­sen.“Wo­bei der bri­ti­sche His­to­ri­ker die har­sche Dia­gno­se Ma­crons nicht als Kri­se, son­dern eher als ei­ne Art ra­bia­ten An­stoß se­hen will, die stra­te­gi­sche Aus­rich­tung der NA­TO wie­der neu zu über­den­ken.

Wo­bei Ma­cron auch hier­bei hef­ti­ger Ge­gen­wind ent­ge­gen bläst. Nicht Chi­na und nicht Russ­land sei­en die Fein­de, hat­te der fran­zö­si­sche Prä­si­dent be­haup­tet, son­dern der Ter­ro­ris­mus. Doch da kön­nen die an­de­ren NATOMit­glie­der nicht mit. Be­son­ders Po­len und die bal­ti­schen Staa­ten re­agier­ten em­pört.

Li­nie ge­gen Russ­land

„Nach den Krim-Er­eig­nis­sen und der Ukrai­ne ging es der NA­TO vor al­lem dar­um, ei­ne ge­mein­sa­me, so­li­de Li­nie ge­gen Russ­land auf­zu­bau­en und zu hal­ten“, schil­dert NA­TO-Ex­per­tin Kris­ti­ne Ber­zi­na vom Ger­man Mar­shall Fund in Brüssel. „Von Russ­land ge­hen noch im­mer rea­le Si­cher­heits­be­dro­hun­gen aus“, be­tont die Ex­per­tin. Da­her sei nicht nach­voll­zieh­bar, die Be­zie­hun­gen zu Russ­land neu auf­zu­set­zen, wie der fran­zö­si­sche Prä­si­dent es for­dert, „so­lan­ge Russ­land sein Ver­hal­ten nicht än­dert“.

Ma­cron kön­ne zu­frie­den sein, „dass er mit sei­nem Tor­pe­do ge­gen die NA­TO die in­ter­ne Dis­kus­si­on an­ge­feu­ert hat“, meint Ber­zi­na. „Aber beim Gip­fel in Lon­don wird es nicht sehr har­mo­nisch wer­den, wenn er wei­ter für sei­ne ei­ge­nen Prio­ri­tä­ten pusht.“Und da­zu zäh­le auch ei­ne viel grö­ße­re Rol­le für die ei­ge­ne, eu­ro­päi­sche Ver­tei­di­gung.

„Ein Eu­ro­pa, das sich selbst ver­tei­di­gen kann – da­von sind wir noch sehr, sehr weit ent­fernt“, gibt Ja­mie Shea zu be­den­ken. Und dar­um ist es an ih­rem 70. Ge­burts­tag der NA­TO so wich­tig, zu wis­sen, war­um die NA­TO noch im­mer wich­tig ist: Oh­ne NA­TO kei­ne ef­fi­zi­en­te eu­ro­päi­sche Ver­tei­di­gung. Und oh­ne USA kei­ne NA­TO“, führt Shea aus. Des­halb, so der Ex­per­te, sei es ei­ne der be­deu­tends­ten Auf­ga­ben des Bünd­nis­ses, die USA an Bord zu hal­ten.

Tür­ki­sche Blo­cka­de

Für Auf­re­gung hat­te im Vor­feld des Gip­fels ein­mal mehr die Tür­kei ge­sorgt. An­ka­ra droht mit der Blo­cka­de ei­nes Ver­tei­di­gungs­plans für das Bal­ti­kum und für Po­len. Mit dem Ve­to will An­ka­ra die an­de­ren Bünd­nis­staa­ten da­zu zwin­gen, den jüngs­ten Ein­marsch der tür­ki­schen Ar­mee in Sy­ri­en ab­zu­seg­nen. Doch was schon wie die nächs­te Kri­se an­mu­tet, ver­or­tet Ja­mie Shea un­ter kal­ku­lier­ter öf­fent­li­che Auf­re­gung. Die­se Plä­ne ge­be es längst, sie müss­ten nur er­neu­ert wer­den, sagt der Ex-NA­TO-Spre­cher. „Und ich ha­be kei­ne Zwei­fel, dass die­ses The­ma beim Gip­fel ge­löst wird.“

In bes­ter Stim­mung wird der Ge­burts­tag­gip­fel zu Eh­ren der 70-jäh­ri­gen NA­TO den­noch kaum en­den. Da­für sorg­te schon im Vor­feld Ma­crons Kri­tik am NA­TO-Part­ner Tür­kei. An­ka­ra kön­ne den Rest der Mi­li­tär­al­li­anz nicht ein­fach mit sei­nem Ein­marsch in Sy­ri­en vor voll­ende­te Tat­sa­chen stel­len und dann So­li­da­ri­tät vom Bünd­nis ein­for­dern, är­ger­te er sich. Der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­doğan re­agier­te dar­auf ge­wohnt rau: Ma­cron sol­le sich doch, emp­fahl er sei­nem fran­zö­si­schen Amts­kol­le­gen, „auf Hirn­tod un­ter­su­chen las­sen“.

Frank­reichs Prä­si­dent Ma­cron (re.) er­ach­tet die NA­TO als „hirn­tot“, aber NA­TO-Chef Stol­ten­berg fühlt das Herz der NA­TO schla­gen

Ex-NA­TO-Spre­cher Shea: Eu­ro­pa al­lein kann sich nicht ver­tei­di­gen

NA­TO-Ex­per­tin Ber­zi­na: Ma­cron ließ ei­nen Tor­pe­do los

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