Kin­der­arzt für die See­le

Der an­ge­hen­de Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­ter Va­len­tin Wol­le­nek (27) leis­tet im Neu­ro­lo­gi­schen Zen­trum Ro­sen­hü­gel De­tek­tiv­ar­beit.

Kurier - - WIEN -

Es duf­tet nach Pa­latschin­ken und über­all liegt Spiel­zeug: Wie lan­ge sind die jun­gen Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten in der Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie? Va­len­tin Wol­le­nek: Meist dau­ert es vier bis acht Wo­chen, um ab­zu­klä­ren, wie wir dem Kind hel­fen kön­nen. Bei aku­ten Kri­sen rei­chen oft ein paar Ta­ge Auf­ent­halt, um die­se zu über­win­den. Ärz­tin­nen und Ärz­te, Pfle­ge­kräf­te, Phy­sio-, Er­go-, Mu­sikund Kunst­the­ra­peu­tin­nen und -the­ra­peu­ten, Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen so­wie Psy­cho­lo­gin­nen und Psy­cho­lo­gen ar­bei­ten zu­sam­men. Wir sind für die Fa­mi­li­en oft die letz­te Hoff­nung.

Wie geht es den Kin­dern, wenn sie her­kom­men?

Das ist na­tür­lich sehr un­ter­schied­lich. Es gibt Kin­der, die ge­kränkt sind, weil die El­tern sie her­brin­gen. Man­che sind aber froh, dass sie end­lich über ihr Pro­blem spre­chen kön­nen. Sie füh­len sich ja selbst nicht wohl und wis­sen, dass bei ih­nen et­was nicht gut läuft. Die Kin­der füh­len sich er­leich­tert, dass sie hier mit je­man­dem re­den kön­nen, der da­mit um­ge­hen kann. Mit Selbst­mord­ge­dan­ken zum Bei­spiel will kein Kind sei­ne El­tern be­las­ten. Wir ha­ben auf der Sta­ti­on zwölf Bet­ten, es fühlt sich ein biss­chen an wie im Fe­ri­en­la­ger. Ich stel­le mich als Kin­der­arzt für die Ge­fühls­welt und die See­le vor. Die Kin­der fas­sen recht rasch Ver­trau­en zu mir.

Ha­ben Sie sich des­halb für die­se Fach­rich­tung ent­schie­den?

Ei­gent­lich woll­te ich in die Ge­richts­me­di­zin. Das hat im Fern­se­hen spek­ta­ku­lär aus­ge­se­hen. Nein ernst­haft: Das ist ein ex­trem span­nen­des Fach. Aber weil das Prak­ti­kum da­für nur acht Wo­chen dau­ert, muss­te ich noch et­was dran­hän­gen. Das war dann die Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie. Dar­an ha­be ich mein Herz ver­lo­ren. Ich kann gut mit Kin­dern und sie mit mir. Ich hel­fe auch bei den Pfad­fin­de­rin­nen und Pfad­fin­dern. Ich mag den Um­gang mit Kin­dern. Sie sind we­ni­ger dar­auf ge­drillt, was man sa­gen und tun darf, als wir Er­wach­se­ne. Me­di­zi­nisch ge­se­hen ist das Fach so in­ter­es­sant, weil die mul­ti­dis­zi­pli­nä­re Ar­beit wich­tig ist. Wir leis­ten De­tek­tiv­ar­beit, deu­ten non­ver­ba­le Zei­chen, spre­chen mit den El­tern, be­ob­ach­ten beim Spie­len und in den The­ra­pi­en. Wich­tig ist, die Kin­der nicht in ei­ne Schub­la­de zu ste­cken. Dia­gno­sen sind für Er­wach­se­ne ge­macht, Kin­der zei­gen oft Aspek­te ver­schie­de­ner Krank­heits­bil­der.

Ist es ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung, mit kran­ken Kin­dern zu ar­bei­ten?

Kin­der sind kei­ne of­fe­nen Bü­cher. Ih­re Pro­ble­me sind viel­schich­tig, es gibt psy­chi­sche, bio­lo­gi­sche und so­zia­le Fak­to­ren. Du kannst kei­nem Kind hel­fen, oh­ne das Um­feld mit­ein­zu­be­zie­hen. Ge­walt und Miss­brauch kön­nen ein The­ma sein, das ist sehr sen­si­bel. Was für uns al­le wich­tig ist: bei al­ler Em­pa­thie auch pro­fes­sio­nel­len Ab­stand hal­ten. Und po­si­tiv blei­ben, denn wir kön­nen fast im­mer hel­fen.

Wel­chen grund­sätz­li­chen Rat kön­nen Sie El­tern für die Er­zie­hung ge­ben?

Sei­ne Kin­der lie­ben und för­dern, al­tersad­äqua­te Gren­zen set­zen und ih­nen ver­nünf­ti­ge Ver­ant­wor­tung ge­ben.

Va­len­tin Wol­le­neks Herz hängt an der Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.