Ver­ges­sen, wer man ein­mal war

Der Is­rae­li Na­dav La­pid ge­wann mit sei­nem An­ti-Hei­mat­film „Syn­ony­mes“die dies­jäh­ri­ge Ber­li­na­le

Kurier - - KULTUR - VON ALEX­AN­DRA SEI­BEL

Jäm­mer­lich. Bes­tia­lisch. Derb. Wi­der­lich. Eng­stir­nig.

All die­se Be­grif­fe und noch vie­le mehr fal­len dem jun­gen Is­rae­li Yo­av ein, wenn er an sei­ne Hei­mat denkt. Wie ma­nisch mur­melt er die Syn­ony­me vor sich hin, wäh­rend er durch die Stra­ßen von Pa­ris ti­gert, ver­folgt von ei­ner wil­den Hand­ka­me­ra.

Yo­av hat den Mi­li­tär­dienst ab­ge­leis­tet. Da­nach woll­te er nichts wie weg aus Tel Aviv. Er will Is­ra­el ra­di­kal hin­ter sich las­sen, lan­det mit­tel­los in Pa­ris und wei­gert sich dort hart­nä­ckig, je wie­der ein he­bräi­sches Wort zu spre­chen.

Der is­rae­li­sche Thea­ter­und Film­schau­spie­ler Tom Mer­cier spielt den ge­trie­be­nen Yo­av mit ex­plo­si­ver Ver­ve. Er ist ein ech­ter Hin­gu­cker, wenn er in dem wun­der­bar un­be­re­chen­ba­ren, pul­sie­ren­den Film „Syn­ony­mes“(ab Frei­tag im Ki­no) durch Pa­ris fegt, bei den Leu­ten an­eckt und ver­sucht, ein gu­ter Fran­zo­se zu wer­den.

Und er ist das Al­ter Ego sei­nes Re­gis­seur Na­dav La­pid, ei­nem der wich­tigs­ten Au­to­ren des zeit­ge­nös­si­schen, is­rae­li­schen Ki­nos.

Auch Na­dav La­pid hat vor zwan­zig Jah­ren Is­ra­el Rich­tung Frank­reich ver­las­sen, um des­sen mi­li­tä­risch ge­präg­ter Kul­tur zu ent­kom­men: „Auch ich woll­te nach Ab­schluss mei­nes Mi­li­tär­diens­tes – so wie Jo­av – nach Pa­ris über­sie­deln und nie­mals wie­der nach Is­ra­el zu­rück­keh­ren“, er­zählt der heu­te 44-jäh­ri­ge, in Tel Aviv ge­bo­re­ne Fil­me­ma­cher: „Wor­an ich mich üb­ri­gens nicht ge­hal­ten ha­be, denn ich bin nach Is­ra­el zu­rück­ge­kehrt.“

„Syn­ony­mes“ist La­pids drit­ter Spiel­film und ein furcht­lo­ser, ex­zen­tri­scher

An­ti-Hei­mat­film, der die Hass­lie­be des Re­gis­seurs zu sei­nen Wur­zeln als ex­zel­len­ten, wahn­wit­zi­gen Selbst­fin­dungs­trip er­zählt und dem Re­gis­seur bei der Ber­li­na­le 2019 den Gol­de­nen Bä­ren ein­brach­te.

Be­reits mit sei­nem Film­de­büt „Po­li­ce­man“(„Der Po­li­zist“, 2011), der von ei­nem is­rae­li­schen Eli­te-Po­li­zis­ten ei­ner An­ti-Ter­ror­ein­heit er­zählt, er­reg­te La­pid gro­ßes Auf­se­hen.

Männ­lich­keit und Mi­li­tär

Kri­tik an ei­ner ze­le­brier­ten Vor­stel­lung von mi­li­tä­ri­scher Männ­lich­keit üb­te er auch im Nach­fol­ge­film „The Kin­der­gar­ten Te­acher“(2014): „In

Is­ra­el be­ginnt man die Ar­mee, vor al­lem als Bub, sehr früh, und in ge­wis­ser Wei­se be­en­det man sie nie“, weiß La­pid aus ei­ge­ner Er­fah­rung.

In sei­nem Film „The Kin­der­gar­ten Te­acher“er­zählt er von ei­nem poe­tisch be­gab­ten Kind, das ei­nes Ta­ges der Poe­sie ab­schwört. War­um?

„Weil die­ser Sechs­jäh­ri­ge denkt, dass ein Po­et zu sein, et­was zu Fra­gi­les, zu Ver­wund­ba­res ist. Kräf­tig, stark und selbst­si­cher zu sein, das ist hin­ge­gen po­si­tiv be­setzt. Das heißt, die Ar­mee be­deu­tet ei­ne Um­for­mung. Der Preis da­für ist, dass man ver­gisst, wer man da­vor war.“

Für La­pid lässt sich der prä­gen­de Ein­fluss des Mi­li­tärs

auf sei­ne Mit­glie­der gar nicht hoch ge­nug ein­schät­zen: „Der Ein­tritt in den Mi­li­tär­dienst wird als der wich­tigs­te Tag im Le­ben emp­fun­den“, er­in­nert er sich an sei­ne ei­ge­ne Ju­gend: „Jetzt konn­te man zei­gen, aus wel­chem Stoff man ge­macht ist. Ich ging in die Ar­mee, weil ich ein Cow­boy wer­den woll­te, ein Mus­ke­tier und ein Held. Ich er­in­ne­re mich dar­an, dass wir oft über den Tod ge­spro­chen ha­ben, doch in Wahr­heit stell­te ich mir den Tod wie ein Er­eig­nis für mei­nen Le­bens­lauf vor. Man ka­piert nicht, dass es da­nach vor­bei ist und nichts mehr folgt.“

Neu­start

In „Syn­ony­mes“will Yo­av nach sei­ner Ar­mee­er­fah­rung – wie auch La­pid selbst – sein mi­li­tä­ri­sches Ich hin­ter sich las­sen und in Pa­ris ei­nen Neu­start hin­le­gen. Er flüch­tet nach Frank­reich – „in dem al­les, was in Is­ra­el hoch im Kurs steht, ver­ach­tet wird – und um­ge­kehrt.“

In Pa­ris ge­lan­det, möch­te sich Yo­av nur noch mit dis­tin­gu­ier­ten Fran­zo­sen um­ge­ben. Gleich­zei­tig aber ver­bin­det ihn ei­ne selt­sa­me Freund­schaft mit ei­nem is­rae­li­schen Sol­da­ten na­mens Ya­ron, der eben­falls in Pa­ris lebt: „Yo­av ist süch­tig nach die­sen Be­geg­nun­gen mit Ya­ron, ob­wohl er ei­gent­lich vor so je­man­dem wie ihm da­von läuft“, er­klärt La­pid die­sen Wi­der­spruch: „Ent­ge­gen all sei­ner In­ten­tio­nen gibt es ei­ne in­ne­re Stim­me, die ihn in die­ses is­rae­li­sche Ter­rain führt: Es ist ein Is­ra­el der jun­gen, mus­ku­lö­sen, lä­cheln­den Män­ner, die nie­mals me­lan­cho­lisch sind; die ihr Land lie­ben und den gan­zen Rest ver­ab­scheu­en; die kei­ne Fra­gen stel­len und kei­nen Zwei­fel he­gen.“

Su­per­be Sa­ti­re

Dass „Syn­ony­mes“auch ei­ne su­per­be Sa­ti­re ist, kommt in irr­wit­zi­gen Sze­nen zum Vor­schein, et­wa, wenn Ya­ron die Leu­te in der Pa­ri­ser Me­tro mit sei­ner jü­di­schen Her­kunft kon­fron­tiert und zu An­ti­se­mi­tis­men pro­vo­zie­ren möch­te, in­dem er ih­nen die is­rae­li­sche Bun­des­hym­ne in die Ohr­mu­schel singt.

Ei­ne Par­odie auf ei­ne be­stimm­te Form des „Is­rae­lisch­seins“? „Ja, ge­wiss“, be­kräf­tigt der Re­gis­seur, dem im ei­ge­nen Land viel Res­sen­ti­ment für sei­ne kri­ti­sche Hal­tung ent­ge­gen­schlägt schlägt: „Als ich auf­ge­wach­sen bin, hat man mir er­zählt, was der Un­ter­schied zwi­schen ei­nem Is­rae­li und ei­nem Ju­den ist. Der Ju­de ha­be im­mer Angst und wür­de sei­ne Iden­ti­tät ver­ber­gen. Der Is­rae­li sagt hin­ge­gen: ‚Wenn ihr ein Pro­blem mit mei­nem Is­rae­lisch­sein habt, ist das auch eu­er Pro­blem.‘ “

Tom Mer­cier spielt ei­nen jun­gen Is­rae­li, der sei­ne Hei­mat ver­ges­sen und sich in Pa­ris neu er­fin­den will: „Syn­ony­mes“von Na­dav La­pid

Is­rae­li­scher Re­gis­seur Na­dav La­pid: ful­mi­nan­te Selbst­fin­dung

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