Die un­be­kann­te Wie­den

Wie­den. Mit Frem­den­füh­rern zu den un­be­kann­ten Grät­zeln au­ßer­halb der über­lau­fe­nen Wie­ner In­nen­stadt

Kurier - - ERSTE SEITE - VON KAT­HA­RI­NA ZACH

Frem­den­füh­rer ver­las­sen ver­mehrt die über­lau­fe­ne Wie­ner In­nen­stadt und brin­gen die Wi­en-Be­su­cher auch in nicht so be­rühm­te Grät­zel.

Wer ge­nau schaut, sieht den Schrift­zug über der Tür: „Ab­ge­brann­tes Haus“ist in der Gro­ßen Neugas­se 1 in Wi­enWie­den noch heu­te zu le­sen. Ge­brannt soll es dort aber nie ha­ben. Viel­mehr soll sich dort einst ein Spiel­sa­lon be­fun­den ha­ben, in dem nie­mand ge­rin­ge­rer als Ma­ria The­re­sia gro­ße Sum­men ver­lo­ren ha­be – al­so „ab­ge­brannt“war, ver­rät Frem­den­füh­re­rin Chris­ta Bau­er.

Es ist nicht die ein­zi­ge An­ek­do­te, die sie über die Wie­den zu er­zäh­len hat. Der 4. Be­zirk rückt ab heu­te bis zum Welt­tag der Frem­den­füh­rer am Sonn­tag in den Fo­kus der Öf­fent­lich­keit (sie­he Kas­ten). Denn Wie­den hat weit mehr als den Karls­platz zu bie­ten.

Schon im­mer war der Be­zirk bei Künst­lern be­liebt. So wohn­te Richard Strauß in der Mo­zart­gas­se 4 und Franz Schu­bert starb 1828 bei sei­nem Bru­der in der Ket­ten­brü­cken­gas­se. Der 1741 ver­armt ver­stor­be­ne An­to­nio Vi­val­di wur­de am Bür­ger­spi­tal-Got­tes­acker un­weit der heu­ti­gen TU bei­ge­setzt.

„Es gibt 40 Ge­denk­ta­feln auf der Wie­den, rund die Hälf­te wid­met sich Mu­si­kern“, sagt Bau­er. Be­kannt ist das Jo­hann-Strauß-Thea­ter in der Fa­vo­ri­ten­stra­ße 8, das spä­ter Sca­la hieß und schließ­lich ei­nem Wohn­bau wei­chen muss­te. Dort wur­den Ber­tolt Brechts Stü­cke trotz des Brecht-Ver­bots auf­ge­führt. Und im Frei­haus­thea­ter fei­er­te Mo­zarts Zau­ber­flö­te 1791 Pre­mie­re.

Apro­pos: Wer sich nicht als „Zua­gras­ter“ou­ten will, sagt „auf der Wie­den“und nie­mals „in Wie­den“. Das hängt laut Phil­ipp Maurer vom Be­zirks­mu­se­um mit dem ur­sprüng­li­chen Na­men des Ge­biets ab: „Wi­dum“, was so viel wie „Wid­mung“be­deu­tet.

Wäh­rend die heu­te Wie­den zu den In­nen­stadt­be­zir­ken zählt, war sie einst die äl­tes­te Vor­stadt. 1211 wur­de sie erst­mals ur­kund­lich er­wähnt, als Her­zog Leo­pold VI. ein Sie­chen­spi­tal für Le­pra­kran­ke

er­rich­te­te. Die Ge­gend war grün, es gab Land­wirt­schaft. Von den Müh­len am Wi­en­fluss zeu­gen noch Stra­ßen­na­men: die Schleif­mühl­gas­se, die He­u­mühl­gas­se, der Bä­ren­mühl­durch­gang.

Als dann die Habs­bur­ger im 17. Jahr­hun­dert mit der „Fa­vo­ri­ta“– dem heu­ti­gen The­re­sia­num – ih­re Som­mer­re­si­denz nach Wie­den ver­leg­ten, er­leb­te die Vor­stadt ei­nen Auf­schwung. Ade­li­ge lie­ßen Pa­lais er­rich­ten, von de­nen aber nicht mehr vie­le üb­rig sind: Wo einst et­wa ei­nes der Pa­lais der Fa­mi­lie Roth­schild stand, be­fin­det sich heu­te et­wa die Ar­bei­ter­kam­mer.

1850 wur­de Wie­den dann of­fi­zi­ell ein Teil Wi­ens. En­de des 19. Jahr­hun­derts ver­än­der­te sich das Orts­bild mit der Ein­hau­sung des Wi­en­flus­ses mas­siv.

Da­mals wohn­ten 55.000 Men­schen in Wie­den, heu­te sind es 33.218. Die größ­te Be­völ­ke­rungs­grup­pe stel­len – vor al­lem we­gen der TU Wi­en – die 25- bis 29-Jäh­ri­gen.

Wi­der­stand

Was we­ni­ge wis­sen: Der 4. Be­zirk hat­te einst ei­nen ho­hen jü­di­schen Be­völ­ke­rungs­an­teil, er­zählt Maurer vom Be­zirks­mu­se­um. 1935 gab es dort aber auch den höchs­ten An­teil an NSDAP-Wäh­lern. Der Chef der Zen­tral­stel­le für jü­di­sche Aus­wan­de­rung im Pa­lais Roth­schild (der heu­ti­gen AK) war der be­rüch­tig­te Adolf Eich­mann – der Mi­t­or­ga­ni­sa­tor des Ho­lo­caust.

Auch Wi­der­stand gab es. So ver­fass­te die Au­to­rin und ka­tho­li­sche Ak­ti­vis­tin Ire­ne Ha­rand 1935 das Buch „Sein Kampf. Ant­wort an Adolf Hit­ler“. 1938 wur­de ein Kopf­geld von 100.000 Reichs­mark auf sie aus­ge­setzt, sie war aber auf Le­se­rei­se in En­g­land und ent­kam dem NS-Re­gime. Schau­spie­le­rin Do­ro­thea Neff wie­der­um ver­steck­te von 1940 bis 1945 ei­ne Jü­din.

Und was Maurer noch ver­rät: Be­vor er flie­hen muss­te, wohn­te auch der jun­ge Bru­no Kreis­ky auf der Wie­den. Dort trat er dem Ver­band der so­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­ju­gend bei. Zu Tref­fen er­schien er im An­zug – den El­tern er­zähl­te er, er ge­he in die Tanz­schu­le. Nach 1946 blieb Wie­den bür­ger­lich – bis 2010. Da er­rang die SPÖ mit Leo­pold Plasch den Sieg. Ihm folg­te 2018 Lea Halb­widl als Be­zirks­che­fin.

Wie­den war stets pro­gres­siv. Nicht nur, weil es schon ab 1970 den ers­ten Wie­ner UBahn-Tun­nel zwi­schen Karls­platz und Süd­ti­ro­ler Platz gab. Schon um 1800 gab es et­wa Kur­se im Fah­ren von „Stram­pel­wa­gen“– Lauf­rä­dern oh­ne Pe­da­le. Und im Ab­ge­brann­ten Haus star­te­te 1784 die ers­te un­be­mann­te Bal­lon­fahrt in Wi­en – bis es we­gen „Hys­te­rie“der Be­völ­ke­rung ein Flug­ver­bot gab.

Die Eli­sa­be­th­brü­cke (re.) führ­te einst beim Karls­platz über den Wi­en­fluss. Die Kai­se­rin über­quer­te sie beim fei­er­li­chen Ein­zug nach Wi­en. 1897 wur­de sie ab­ge­tra­gen

Der Nasch­markt ge­hör­te – zum Teil – bis 2009 zu Wie­den

Der Süd­ti­ro­ler Platz hieß 1890 noch Fa­vo­ri­ten­platz

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