Co­ro­na­vi­rus: Tau­sen­de In­fi­zier­te mehr, Wirt­schaft bricht jetzt ein

Sprung­haf­ter An­stieg der Fäl­le weckt Zwei­fel an Trans­pa­renz in Chi­na

Kurier - - ERSTE SEITE - VON ERNST MAURITZ UND SAN­DRA SCHO­BER

16.000 Per­so­nen sind in­ner­halb nur ei­nes Ta­ges neu am Co­ro­na­vi­rus er­krankt: Die­ser ge­wal­ti­ge Sprung weckt in­ter­na­tio­nal Zwei­fel an der Trans­pa­renz bei der Er­he­bung der Da­ten in Chi­na. „Trans­pa­renz sieht an­ders aus“, sa­gen Ex­per­ten. Muss­te bis­her das Vi­rus per Gen­test ein­deu­tig nach­ge­wie­sen wer­den, ge­nügt jetzt ei­ne spe­zi­el­le Rönt­gen­auf­nah­me der Lun­ge. Da­mit ist aber kei­ne ein­deu­ti­ge Dia­gno­se mög­lich. Er­kran­kun­gen oh­ne Sym­pto­me flie­ßen auch nicht in die Sta­tis­tik ein.

We­ni­ger Öl­nach­fra­ge

Die Fol­gen der Kri­se wer­den in der Volks­re­pu­blik im­mer deut­li­cher spür­bar. We­gen der Werks­schlie­ßun­gen und un­ter­bro­che­nen Lie­fer­ket­ten dürf­ten et­wa die Han­dy­Aus­lie­fe­run­gen aus Chi­na um 40 Pro­zent sin­ken, pro­phe­zei­en Ex­per­ten. Im ers­ten Quar­tal könn­te Chi­nas Wirt­schafts­leis­tung nur um 4,1 Pro­zent wach­sen – für das rie­si­ge Schwel­len­land ein schwa­cher Wert. Das hat glo­ba­le Fol­gen, die Nach­fra­ge nach Roh­öl dürf­te erst­mals seit zehn Jah­ren zu­rück­ge­hen.

Ein Plus von 15.000 be­stä­tig­ten In­fek­tio­nen mit dem neu­en Co­ro­na­vi­rus von ei­nem Tag auf den an­de­ren – statt sonst im Schnitt „nur“rund 2000: Die­se Ent­wick­lung in Chi­na sorgt für Skep­sis un­ter Ex­per­ten. Be­grün­det wird der star­ke An­stieg mit ei­ner neu­en Me­tho­de, wie die Fäl­le ge­zählt wer­den.

Die am stärks­ten be­trof­fe­ne Pro­vinz Hu­bei mit der Stadt Wu­han ge­stand ein: Es ge­be doch mehr In­fi­zier­te als bis­her ver­lau­tet. Durch den ge­wal­ti­gen Sprung in­ner­halb ei­nes Ta­ges sind es be­reits mehr als 60.000, dar­un­ter 1300 To­des­fäl­le. „Trans­pa­renz sieht an­ders aus“, zi­tie­ren Agen­tu­ren Di­plo­ma­ten.

Bis­her wur­den in Chi­na – so wie auch in Ös­ter­reich – Ra­chen­ab­stri­che ent­nom­men. Dann wur­de ver­sucht, Gen­ab­schnit­te, die ty­pisch für das neue Co­ro­na­vi­rus sind, nach­zu­wei­sen. Das war Vor­aus­set­zung für ei­ne of­fi­zi­el­le Be­stä­ti­gung. Jetzt ge­nügt ei­ne spe­zi­el­le Rönt­gen­un­ter­su­chung (Lun­gen-CT) plus Be­fra­gung des Pa­ti­en­ten.

Kei­ne Dia­gno­se

„In ei­nem Lun­gen-CT er­kennt man le­dig­lich, dass es an be­stimm­ten Stel­len ein ver­dich­te­tes Ge­we­be gibt“, sagt Micha­el Stud­nicka, Vor­stand der Uni-Kli­nik für Lun­gen­heil­kun­de des Uni­k­li­ni­kums Salz­burg. „Das kann, aber muss kei­ne Lun­gen­ent­zün­dung sein. Und wenn es ei­ne ist, kann in Chi­na das neue Co­ro­na­vi­rus ge­nau­so die Ur­sa­che sein wie ein an­de­rer Er­re­ger, et­wa die In­flu­en­za.“Es sei al­so nicht mög­lich, ei­ne si­che­re Dia­gno­se zu stel­len: „Ich kann nur sa­gen, dass bei ei­nem Pa­ti­en­ten in Wu­han mit Fie­ber, Husten und hel­le­ren Stel­len im Lun­gen-CT ei­ne In­fek­ti­on mit dem Co­ro­na­vi­rus ei­ne wahr­schein­li­che Ur­sa­che sein kann.“

Die chi­ne­si­sche Sta­tis­tik ist aber schon län­ger um­strit­ten: Denn be­reits vor ei­ner Wo­che gab es ei­ne ers­te Um­stel­lung: Da wur­de be­kannt, dass Chi­na Per­so­nen mit nach­ge­wie­se­ner In­fek­ti­on dann nicht zur Ge­samt­zahl der In­fi­zier­ten zählt, wenn die­se kei­ne Sym­pto­me zei­gen. Laut Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO sind aber bis zu 80 Pro­zent der Fäl­le

Asia­ten in Ös­ter­reich „ras­sis­tisch an­ge­fein­det“

mild – und oft oh­ne Sym­pto­me. Aus al­le die­sen Grün­den sind fun­dier­te Pro­gno­sen über den Ver­lauf der Epi­de­mie nicht mög­lich.

„Al­le Zah­len aus Chi­na ha­ben der­zeit den Cha­rak­ter von Haus­num­mern“, sagt der In­fek­ti­ons­spe­zia­list Her­wig Kol­la­ritsch. „Und es gibt ei­ne gro­ße Dun­kel­zif­fer. Das heißt, al­le Da­ten, die wir ha­ben, zei­gen höchst­wahr­schein­lich nicht das tat­säch­li­che Bild.“Wich­ti­ger als die täg­li­chen Zah­len sei aber der Ver­lauf: „Auch wenn die Zah­len feh­ler­haft sind: Da die Feh­ler und Un­ge­nau­ig­kei­ten je­den Tag ähn­lich sein wer­den, kann man – wenn man bei ei­ner Er­he­bungs­me­tho­de bleibt – zu­min­dest ei­ne Ent­wick­lung er­ken­nen. Das ist wich­ti­ger als kon­kre­te Zah­len­an­ga­ben.“

Trotz des star­ken An­stiegs müs­se man ei­nen rea­lis­ti­schen Blick be­wah­ren, be­tont Kol­la­ritsch: „Der­zeit gibt es in Chi­na rund 4,5 In­fek­tio­nen mit dem Co­ro­na­vi­rus auf 100.000 Ein­woh­ner. In Ös­ter­reich kommt der­zeit auf 40 Men­schen ein Grip­pe-Pa­ti­ent. Und der An­teil der töd­li­chen Fäl­le ist beim Co­ro­na­vi­rus nicht viel hö­her als bei der Grip­pe.“

Ei­nen Co­ro­na­vi­rus-To­des­fall au­ßer­halb von Chi­na gibt es jetzt ne­ben den Phil­ip­pi­nen auch in Ja­pan: Ei­ne zir­ka 80 Jah­re al­te Frau ist an den Fol­gen der In­fek­ti­on ge­stor­ben.

We­gen Co­ro­na­vi­rus. Der Aus­bruch des Co­ro­na­vi­rus in Chi­na bringt auch in Ös­ter­reich dis­kri­mi­nie­ren­de Tö­ne mit sich. So sind bei der An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­stel­le ZA­RA bis Don­ners­tag be­reits mehr als ein Dut­zend Mel­dun­gen ein­ge­gan­gen. Von „ras­sis­ti­schen An­fein­dun­gen“be­trof­fen wa­ren auch Kin­der, sag­te ei­ne ZA­RA-Spre­che­rin auf An­fra­ge der APA.

Asia­tisch aus­se­hen­de Per­so­nen wür­den aus­schließ­lich auf­grund ih­res Aus­se­hens als po­ten­zi­ell an­ste­ckend ge­se­hen – und aus­ge­schlos­sen so­wie an­ge­fein­det. Die ras­sis­ti­schen und ag­gres­si­ven Be­mer­kun­gen fän­den im öf­fent­li­chen Raum, in Schu­len und in so­zia­len Me­di­en statt.

Kin­der wüst be­schimpft

Be­son­ders auf­fäl­lig sei, dass so­gar Kin­der und Ju­gend­li­che in der Öf­fent­lich­keit von frem­den Er­wach­se­nen be­schimpft und an­ge­fein­det wur­den. Das pas­sier­te et­wa zwei Kin­dern auf dem Schul­weg: Sie wa­ren in ei­nem Bus von ei­nem Mann ver­bal an­ge­grif­fen und be­schimpft wor­den, au­ßer­dem wur­de den Kin­dern Ge­walt an­ge­droht, wes­halb sie vor­zei­tig aus­stie­gen. Nie­mand der im Bus An­we­sen­den griff ein, sag­te ei­ne ZA­RA-Spre­che­rin.

Ei­ne Kran­ken­schwes­ter gibt ei­nem schwer Er­krank­ten Es­sen an der Uni-Kli­nik von Wu­han: 80 Pro­zent der In­fek­tio­nen ver­lau­fen aber mild

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