Ae­ro­so­le: War­um sich Co­ro­na über Mi­kro­par­ti­kel in der Luft ver­brei­tet

Ei­ne Mas­sen-In­fek­ti­on ei­nes Chors in den USA wirft vie­le Fra­gen auf

Kurier - - ERSTE SEITE - VON MARLENE PATSALIDIS

Wir hal­ten Ab­stand, wir wa­schen uns die Hän­de und nie­sen in den Ell­bo­gen – und trotz­dem kann es zu ei­ner Co­ro­na-In­fek­ti­on kom­men. Grund könn­ten so­ge­nann­te Ae­ro­so­le sein. Die Kleinst­par­ti­kel, die bei In­fi­zier­ten mit dem Vi­rus be­las­tet sein kön­nen, ge­lan­gen un­ter an­de­rem durch Sin­gen, Spre­chen oder La­chen in die Luft und schwe­ben dort län­ger auf Ge­sichts­hö­he. Grö­ße­re Trop­fen, die et­wa beim Nie­sen ent­ste­hen, fal­len hin­ge­gen schnel­ler zu Bo­den.

Gan­zer Chor in­fi­ziert

Be­son­de­res In­ter­es­se bei For­schern hat nun ein Fall in den USA aus­ge­löst. Ob­wohl al­le Si­cher­heits­maß­nah­men strikt ein­ge­hal­ten wur­den, er­krank­ten durch ei­ne In­fi­zier­te 53 von 61 Chor­mit­glie­dern nach ei­nem Ge­s­angs­tref­fen.

Die Ge­fahr ist auch ös­ter­rei­chi­schen For­schern be­kannt. Micha­el Wa­gner von der Uni Wi­en be­rich­tet von Fäl­len in Fit­ness­stu­di­os, Re­stau­rants oder Call­cen­tern. Den­noch bleibt die Tröpf­chen­in­fek­ti­on (Hus­ten, Nie­sen) wei­ter die größ­te An­ste­ckungs­quel­le.

Als sich die Mit­glie­der des US-Cho­res von Mount Ver­non an ei­nem küh­len März­abend in der ört­li­chen Kir­che tra­fen, wa­ren sie vor­be­rei­tet. Die Nach­richt über die Aus­brei­tung des Co­ro­na­vi­rus hat­te sich be­reits her­um­ge­spro­chen; in New York war die Zahl der To­des­op­fer in den

Ta­gen zu­vor nach oben ge­schnellt. Man stell­te Des­in­fek­ti­ons­mit­tel be­reit, ver­zich­te­te auf herz­li­che Be­grü­ßungs­ges­ten. Statt der üb­li­chen 122 Sän­ger er­schie­nen nur 61. Heu­te, rund zwei Mo­na­te spä­ter, ist be­sag­ter Chor in al­ler Mun­de. Denn trotz der Vor­sichts­maß­nah­men mu­tier­te das Tref­fen zum Co­vid19-De­ba­kel. Ei­ne Per­son – sie war mit leich­ten Er­käl­tungs­sym­pto­men bei der Pro­be auf­ge­taucht und wur­de spä­ter po­si­tiv auf SARS-CoV-2 ge­tes­tet – steck­te 53 der 61 Sän­ger an. Drei von ih­nen muss­ten ins Spi­tal ge­bracht wer­den, zwei star­ben. Über die In­fek­ti­ons­ket­te wur­de be­reits An­fang März be­rich­tet, nun hat die US-Seu­chen­schutz­be­hör­de Cen­ters for Di­sea­se Con­trol

ih­ren Ab­schluss­be­richt ver­öf­fent­licht.

Dar­in hal­ten die Ex­per­ten fest, war­um das Vi­rus un­ter den Chor-Mit­glie­dern der­art rasch um sich grei­fen konn­te: Grund da­für sind dem­nach so­ge­nann­te Ae­ro­so­le, win­zi­ge, we­ni­ge Mi­kro­me­ter gro­ße Par­ti­kel, die beim At­men, vor al­lem aber beim Sin­gen und lau­ten Spre­chen in der Um­ge­bungs­luft lan­den. Ist man et­wa er­käl­tet, an der Grip­pe oder am neu­en Co­ro­na­vi­rus er­krankt, kön­nen mit die­sen Ae­ro­sol­teil­chen auch Vi­ren aus­ge­schie­den wer­den.

Län­ger in Luft

„Die­se Par­ti­kel sind so klein und leicht, dass sie als Schwe­be­teil­chen mit der dar­in ent­hal­te­nen Vi­rus­last län­ger in der Luft ver­blei­ben“, er­klärt Micha­el Wa­gner, Lei­ter des Zen­trums für Mi­kro­bio­lo­gie und Um­welt­sys­tem­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Wi­en und wis­sen­schaft­li­cher Be­ra­ter der Co­vid-19-Dia­gnos­tikinitia­ti­ve in Wi­en. „Grö­ße­re Tröpf­chen, die in der Re­gel beim Hus­ten, Nie­sen oder feuch­ter Aus­spra­che aus­ge­sto­ßen wer­den, fal­len ra­scher zu Bo­den.“Das An­ste­ckungs­ri­si­ko, das von ih­nen aus­geht, sei da­mit schnel­ler ge­bannt.

Das Ro­bert-Koch-In­sti­tut weist dar­auf hin, „dass SARSCoV-2-Vi­ren über Ae­ro­so­le auch im ge­sell­schaft­li­chen Um­gang über­tra­gen wer­den kön­nen“. Das sieht auch Her­wig Kol­la­ritsch, In­fek­tio­lo­ge und Mit­glied der Co­ro­naTask­force des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums, so: „Prin­zi­pi­ell, und das ha­ben bis­her auch ei­ni­ge Fall­be­rich­te wie et­wa je­ner des US-Cho­res ge­zeigt, ist ei­ne sol­che Über­tra­gung mög­lich. Es ist aber si­cher­lich nicht der Haupt­über­tra­gungs­weg. Das ist und bleibt die Tröpf­chen­in­fek­ti­on.“Im epi­de­mio­lo­gi­schen Ge­sche­hen spie­len Ae­ro­so­le laut Kol­la­ritsch dem­nach ins­ge­samt ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le.

Wa­gner weist den­noch dar­auf hin, dass im­mer mehr Be­rich­te über An­ste­ckun­gen in Fit­ness­stu­di­os, Re­stau­rants, Bus­sen und Call­cen­tern er­schei­nen, die auf Ae­ro­so­le als wich­ti­gen Über­tra­gungs­weg hin­deu­ten. Hier ist laut Kol­la­ritsch aber noch vie­les un­ge­wiss, zum Bei­spiel auch, wie lan­ge der in­fek­tiö­se Vi­rus­kern in der Luft ver­bleibt. Ein Vi­rus­par­ti­kel al­lein rei­che auf den Schleim­häu­ten kei­nes­falls aus. „Und die An­zahl der Vi­ren in der Luft ist je­den­falls um ein Viel­fa­ches ge­rin­ger als in ei­nem aus­ge­hus­te­ten Tröpf­chen.“

Stich­wort Luft: Ge­si­chert scheint, dass Ae­ro­so­le drin­nen ein grö­ße­res An­ste­ckungs­ri­si­ko dar­stel­len als drau­ßen, „denn Luft­zug wirkt sich ne­ga­tiv auf ih­ren Ver­bleib in der Luft aus“, sagt Kol­la­ritsch. Das be­stä­tigt auch Mi­kro­bio­lo­ge Wa­gner – und fügt hin­zu: „Wenn ge­rin­ge Luft­feuch­tig­keit herrscht, ge­ben die aus­ge­sto­ße­nen Tröpf­chen Feuch­tig­keit ab, wer­den klei­ner und blei­ben noch län­ger in der Luft ste­hen.“Auch die UV-Strah­lung im Son­nen­licht hilft, Vi­ren un­schäd­lich zu ma­chen.

Al­le Fens­ter öff­nen

Ein Mund-Na­sen-Schutz bie­tet den bei­den Ex­per­ten zu­fol­ge nur be­grenzt Schutz. Wa­gner: „Das Tra­gen von Mas­ken in Räu­men ist trotz­dem sinn­voll, da sie je nach Mas­ken­typ ei­nen be­stimm­ten An­teil der Tröpf­chen und Ae­ro­so­le ab­fan­gen.“Auch Lüf­ten hilft, das Ri­si­ko in ge­schlos­se­nen Räu­men zu mi­ni­mie­ren: „In Re­stau­rants oder Ge­schäf­ten, wo sich mehr Men­schen tum­meln, wür­de ich emp­feh­len, al­le Fens­ter auf­zu­ma­chen.“Noch si­che­rer wä­re es, das Le­ben – so­weit mög­lich – nach drau­ßen zu ver­le­gen.

Her­wig Kol­la­ritsch ist Spe­zia­list für In­fek­ti­ons­krank­hei­ten

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.