Ste­fan Bor­gas, RHI-Chef

RHI Ma­g­ne­si­ta. Vor­stands­chef Ste­fan Bor­gas for­dert eu­ro­päi­sche So­li­da­ri­tät

Kurier - - ERSTE SEITE - VON MARTIN MEYRATH

Aus Sicht des Ma­na­gers müs­sen wir von der Den­ke weg­kom­men, dass der Staat die Wirt­schaft stützt. Es sei ge­nau um­ge­kehrt.

Wie wirkt sich die Pan­de­mie auf ei­nen glo­bal agie­ren­den Kon­zern aus? Ste­fan Bor­gas: Un­se­re glo­ba­le Prä­senz sorgt für Sta­bi­li­tät, weil uns die­se Kri­se zwar Schritt für Schritt trifft, aber nicht über­all gleich­zei­tig. Der zwei­te Aspekt ist: Wir kön­nen dort, wo die Kri­se schon wei­ter fort­ge­schrit­ten ist, für die Re­gio­nen ler­nen, wo sie noch am An­fang steht.

Wel­che An­ti-Co­ro­na-Stra­te­gie funk­tio­niert am bes­ten?

Ich glau­be, da ein Ur­teil ab­zu­ge­ben ist viel zu früh, weil wir über­haupt noch nicht zu 100 Pro­zent wis­sen, wel­che Aus­wir­kun­gen die­se Pan­de­mie auf die Ge­sund­heit der Men­schen hat. In­so­fern kön­nen wir nicht ab­schät­zen, ob wir recht­zei­tig, zu stark oder zu schwach re­agiert ha­ben. Die Po­li­ti­ker müs­sen in die­ser Un­si­cher­heit ent­schei­den und das ist echt schwer.

War der Shut­down in Ös­ter­reich rich­tig?

Ich glau­be, das wer­den wir lang­fris­tig se­hen. Es ist na­tür­lich ein bru­ta­ler wirt­schaft­li­cher Im­pact und wir müs­sen erst se­hen, was er für Kol­la­te­ral­schä­den an­rich­tet. Viel­leicht stellt sich im Nach­hin­ein her­aus, es war zu viel. Aber auch beim Fuß­ball weiß je­der im Nach­hin­ein bes­ser, wel­che Auf­stel­lung man hät­te ma­chen sol­len.

Und jetzt?

Wir er­war­ten erst­mal ei­ne Re­zes­si­on der Welt­wirt­schaft 2020 von min­des­tens zehn Pro­zent und er­war­ten, dass wir 2021 noch nicht be­reits wie­der auf die Grö­ße der Welt­wirt­schaft kom­men, die wir vor der Kri­se hat­ten.

Was er­war­ten Sie als nächs­ten wich­ti­gen wirt­schafts­po­li­ti­schen Schritt?

Wirt­schafts­po­li­tisch ist wich­tig, dass wir mit öf­fent­li­chen Gel­dern nicht kon­su­mie­ren, son­dern in­ves­tie­ren, al­so et­wa in In­fra­struk­tur, Di­gi­ta­li­sie­rung und Bil­dung. Din­ge, die ei­ne lang­fris­ti­ge Wir­kung ha­ben, sind viel bes­ser als ein­fach Trans­fers. Und man muss re­la­tiv schnell da­von weg­kom­men, dass der Staat al­les ret­tet, dass der Staat die Wirt­schaft stützt. Es ist um­ge­kehrt, die Wirt­schaft stützt den Staat, des­we­gen muss die Wirt­schaft mög­lichst schnell wie­der Ge­win­ne ma­chen und wach­sen. Da­mit sie Steu­ern zah­len kann, und der Staat über­lebt.

Die Wirt­schafts­mi­nis­te­rin will laut Han­dels­blatt ei­ne Re­nais­sance des Pro­duk­ti­ons­stand­orts Eu­ro­pa – hal­ten Sie das für rea­lis­tisch?

Ich hal­te das für rea­lis­tisch, wenn wir uns auf die Zu­kunft kon­zen­trie­ren und nicht der Ver­gan­gen­heit nach­wei­nen. Ich glau­be, al­te Struk­tu­ren wie­der neu auf­zu­bau­en ist Un­sinn. Aber wenn wir uns in Eu­ro­pa neu­en Tech­no­lo­gi­en öff­nen und nicht die Ri­si­ken, son­dern mehr die Chan­cen se­hen, ist das ei­ne ech­te Chan­ce.

Wie kann die Re­fi­nan­zie­rung auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne ge­lin­gen?

Wir brau­chen in Eu­ro­pa ein kla­res Zei­chen der So­li­da­ri­tät. Die Star­ken müs­sen die Schwa­chen un­ter­stüt­zen, das ist in je­der Ge­sell­schaft so und in der eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaft muss das auch pas­sie­ren, an­sons­ten se­he ich schwarz für die Idee Eu­ro­pa. Es wird ei­nen Geld­trans­fer von den rei­che­ren Na­tio­nen, zu de­nen auch Ös­ter­reich ge­hört, zu den är­me­ren Na­tio­nen ge­ben müs­sen.

Ist ab­seh­bar, ob Sie ne­ben der Kurz­ar­beit wei­te­re Staats­hil­fen be­an­tra­gen?

Wir ha­ben ei­nen zu­sätz­li­chen Kre­dit von der Oes­ter­rei­chi­schen Kon­troll­bank auf­ge­nom­men, das ist aber im Rah­men der nor­ma­len Fi­nan­zie­rung. Wir ha­ben kei­ne Son­der­kre­di­te auf­neh­men müs­sen, un­se­re Li­qui­di­tät ist in ei­nem ver­nünf­ti­gen Maß, des­we­gen brau­chen wir wahr­schein­lich kei­ne an­de­ren Staats­hil­fen.

RHI Ma­g­ne­si­ta be­kennt sich zu den UN-Nach­hal­tig­keits­zie­len. Ist da­mit zu rech­nen, dass in Zei­ten der Wirt­schafts­kri­se we­ni­ger Geld für Um­welt­ver­träg­lich­keit aus­ge­ge­ben wird?

Ganz kurz­fris­ti­ge Prio­ri­tät hat in der Kri­se im­mer die Li­qui­di­tät der Un­ter­neh­men. So­bald man die so­for­ti­ge Kri­sen­zeit über­wun­den hat, gilt die glei­che Prio­ri­tät wie vor­her. Den CO2-Aus­stoß müs­sen wir re­du­zie­ren oder eli­mi­nie­ren, da­mit hat die­se Kri­se nichts zu tun.

Was ist Ihr Aus­blick für die Zu­kunft?

Wir ha­ben fünf Leh­ren aus die­ser Kri­se ge­zo­gen. Ers­tens, wir wer­den ei­ne län­ge­re Re­zes­si­on ha­ben. Das dau­ert wahr­schein­lich zwei Jah­re. Das zwei­te The­ma ist, wir ha­ben ei­nen ech­ten Push der Di­gi­ta­li­sie­rung er­fah­ren. Die Kon­nek­ti­vi­tät als glo­ba­le Fir­ma zwi­schen den Mit­ar­bei­tern, aber auch zu den Kun­den

und Lie­fe­ran­ten, ist dra­ma­tisch ge­stie­gen und das müs­sen wir in die Zu­kunft brin­gen. Drit­tens, wir kön­nen nicht mehr so viel rei­sen wie vor­her. So­lan­ge es kei­ne Impf­stof­fe gibt, müs­sen wir un­ser ge­sam­tes Rei­se­ver­hal­ten än­dern, und da­mit auch, wie wir mit­ein­an­der ar­bei­ten.

Ist das das En­de der Glo­ba­li­sie­rung?

Das ist der vier­te Punkt. Die Glo­ba­li­sie­rung als Sol­che kommt jetzt mal zu ei­nem En­de, Re­gio­na­li­sie­rung wird wich­ti­ger wer­den. Dem zu­fol­ge müs­sen wir mehr re­gio­na­li­sie­ren und auch Ent­schei­dun­gen de­zen­tra­li­sie­ren. Die fünf­te Lek­ti­on ist: Wir ha­ben ei­ne ho­he Un­si­cher­heit, was die Zu­kunft bringt. Die Vo­la­ti­li­tät wird stei­gen, des­halb müs­sen wir ei­nen gro­ßen Teil un­se­rer Kos­ten va­ria­bi­li­sie­ren, so­dass wir fle­xi­bler sein kön­nen. Zu die­sen fünf Lek­tio­nen ha­ben wir ein Pro­jekt­team zu­sam­men­ge­stellt, das in den nächs­ten Wo­chen Maß­nah­men er­ar­bei­tet.

„Die­se Hal­tung der Ge­werk­schaft wird da­durch im Lau­fe des heu­ti­gen Ta­ges 300 gut be­zahl­te Ar­beits­plät­ze in Wi­en ver­nich­ten“, warn­te die Lau­da-Füh­rung. Sie ap­pel­lier­te nun an Mi­nis­ter Blü­mel und die ös­ter­rei­chi­sche Re­gie­rung, heu­te zu han­deln und die Ar­beits­plät­ze der Lau­da-An­ge­stell­ten zu ret­ten.

Ver­kehrs­mi­nis­te­rin Leo­no­re Ge­wess­ler (Grü­ne) sprach sich wäh­rend­des­sen im News für die Ein­füh­rung ei­nes Bran­chen-KV aus.

Bor­gas: „Brau­chen in Eu­ro­pa ein kla­res Zei­chen der So­li­da­ri­tät“

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