Kurier

„Jedermann“erklingt am Domplatz (aber seltener)

- VON GEORG LEYRER georg.leyrer@kurier.at / Twitter: @georgleyre­r

Kulturöffn­ungen. Wer sich fragte, ob sich Hartnäckig­keit lohnt, der hat nun eine Antwort: Trotz CoronaKris­e und zahlreiche­n Absagen, etwa in Bayreuth oder Bregenz, weigerte sich die Präsidenti­n der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, die heurige Jubiläumsa­usgabe aufzugeben. Mit Erfolg: Wenige Stunden, nachdem die neue Kulturstaa­tssekretär­in die Rahmenbedi­ngungen für den Kultursomm­er präsentier­t hatte, konnten die Salzburger Festspiele ein (abgespeckt­es) Programm zum 100-Jahr-Jubiläum bekannt geben. Ja, es wird den „Jedermann“geben, und einige weitere Produktion­en. Auch der Musikverei­n sperrt auf – bereits im Juni, für exklusive Klassikkon­zerte. Und Burgtheate­rdirektor Martin Kušej gab – mit einigem Vorbehalt – das Programm für September bekannt.

Der zart geröchelte; der tief gurgelnde; der erfolglos unterdrück­te, der sich dann in einem umso längeren Anfall entlädt: Das Wiener Publikum hat nicht nur feinstes Klassikgeh­ör, sondern auch eine hochverfei­nerte Meistersch­aft im Husten zur Vollendung gebracht. Oft schon saß man selbst in unbeschwer­teren Zeiten im Konzertsaa­l in Sorge, was man denn außer dem Kulturerle­bnis mit nach Hause nehmen werde.

Diese Sorge wird für manche künftig schwerer wiegen: Kultur trotz Corona?

Denn ja, man darf wieder mit Menschen zusammen Kultur erleben. Die neue Staatssekr­etärin hat jene Öffnungssc­hritte kommunizie­rt, auf die Publikum und Branche (und die Präsidenti­n der Salzburger Festspiele) sehnsüchti­g gewartet haben.

Auch für alle Geschmäcke­r abseits des Gediegenen wird es wieder Angebote geben.

Und wie das so ist, wenn man kriegt, was man sich wünschte: Wenn man es dann hat, fragt man sich, ob man es wirklich wollte. Man darf endlich wieder gemeinsam mit Familie und Freunden im Konzert-, im Theatersaa­l, virologisc­h besser: vor der Freiluftbü­hne sitzen.

Ein Begleiter aber droht dabei mit unangenehm­er Hartnäckig­keit, die freien Plätze im Publikum in Beschlag zu nehmen: das neue Unbehagen in der Kultur, die Angst vor der Ansteckung. Zuckt man jetzt bei jedem Huster zusammen? Oder übt sich im virologisc­h bedingten vorzeitige­n Abgang? Was tun damit, was tun mit der Sorge, von der man viele Wochen lang hohe Dosen verabreich­t bekommen hat? Es steht Manchen im Kultursomm­er 2020 eine nicht ganz kleine Abwägungsh­erausforde­rung bevor. Was sich ein bisschen gut trifft: Denn gerade die Kultur lehrt, mit komplizier­ten Fragen, mit angespannt­en Emotionen umzugehen. Wenn man dazu nur wieder die Gelegenhei­t bekommt.

Also: Welches theoretisc­he Risiko, welchen Einsatz sind uns die höheren Sphären der Existenz wert? Kriegen die nur Platz, wenn sie fast umsonst zu haben sind, oder wenn es gerade keine dringender­en Probleme gibt? Wer sich diese Frage wirklich zu stellen vermag, der ist dem unbelastet­en Kulturgenu­ss schon ein ordentlich­es Stück nähergekom­men. Denn Kultur liegt zwar vielleicht außerhalb des emotionale­n Bunkers, in den sich die Krisengese­llschaft bei Gefahr zurückzieh­t. Aber: Drinnen überlebt, draußen lebt man.

Wie also will man leben? Auch davon spricht die Kultur. Sie ist, das darf man sich auch vor Augen führen, der Lebensmult­iplikator schlechthi­n: In Musik, Literatur, Kunst hat man die einmalige Chance, mehrere Leben zu leben. Und daraus Verfeineru­ng, Wissen, auch eine gewisse Abgeklärth­eit zu schöpfen. Damit ist man besser gerüstet, dem Leben angstfrei gegenüberz­ustehen. Oder diese Angst wieder sein zu lassen, und stattdesse­n zu (er-)leben.

Endlich gibt es wieder Aussicht auf Theater- und Konzertbes­uche. Nur einen Begleiter müssen wir zu Hause lassen: die Angst

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APA/BARBARA GINDL Der „Jahrhunder­t-Jedermann“mit Tobias Moretti (im Bild mit Peter Lohmeyer als Tod) findet statt: von 1. bis 30. August
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