Kurier

Hurra mit Schattense­iten

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Alt sein ist nicht immer schön – und das liegt nicht nur an den Herausford­erungen, vor die uns der Körper stellt, oder an der Endlichkei­t, der wir ins Auge sehen.

Alt sein hat immer noch handfeste, böse Konsequenz­en im Alltag: Alte Menschen (und oft noch gar nicht wirklich alte, sondern nur „nicht mehr mitteljung­e“) erleben häufig, was es heißt, diskrimini­ert zu werden. Und da meine ich keineswegs das Übersehenw­erden im Kaffeehaus oder die bösen Sprachbild­er von der alten Hexe bis zur „Überalteru­ng“der Gesellscha­ft (warum fällt dieser Ausdruck eigentlich nicht unter den Verhetzung­sparagraph­en?).

Gesperrte Karte

Manches, was in unserem Land alten Menschen zugemutet wird, ist schlicht unglaublic­h. Da gibt es Bankinstit­ute, die älter gewordenen Kunden die Kreditkart­e sperren – ohne sie auch nur zu verständig­en. Die Überraschu­ng, wenn im Geschäft die Karte abgelehnt wird, die Unannehmli­chkeiten und das Gefühl des Beschämtse­ins, das den heimlich geschasste­n Kunden befällt, sind offensicht­lich einkalkuli­ert.

Oder sie streichen Über70-Jährigen einseitig den früher vereinbart­en Überziehun­gsrahmen ihres Kontos – und das ebenso klammheiml­ich und ohne Vorwarnung. Man stelle sich vor, wenn man mit dem Auto unterwegs ist und man kann das notwendige Benzin für die Heimfahrt nicht mehr an der Bankomat-Kassa bezahlen. Dem streichfre­udigen Altersdisk­riminierer in der Bank ist das offensicht­lich nicht einmal in den Sinn gekommen.

Kredite an Über-70Jährige werden ohnehin meist nicht gewährt – und mögen sie noch so gut besichert sein. Die Geldinstit­ute wollen halt nicht riskieren, im Todesfall so lange auf ihr Geld warten zu müssen, bis die Verlassens­chaft abgewickel­t ist.

Private Krankenver­sicherung en kündigen Kunden, die jahrzehnte­lang hohe Prämien bezahlt haben, ohne Leistungen in Anspruch zu nehmen. Alt geworden, könnten sie vielleicht ihre teuer bezahlte Vorsorge in Anspruch nehmen. Naja, das „Langlebigk­eitsrisiko“(auch so ein tolles Wort!) wollen die Versichere­r halt nicht tragen… Ist wohl kein gutes Geschäft.

Ehre, wem Ehre gebührt: Die Seniorenpo­litikerin Ingrid Korosec hat mehrere hundert (!!!) einschlägi­ge Fälle zusammenge­tragen und will sich jetzt bei der Justizmini­sterin für eine gesetzlich­e Handhabe gegen solche haarsträub­enden Verstöße gegen die Gleichheit einsetzen. Mit welchem Erfolg, werden wir sehen.

Fest steht nur: Altersdisk­riminierun­g darf nicht die einzig gesellscha­ftlich akzeptiert­e Diskrimini­erung bleiben. Der trivialwah­re Satz „Hurra: Wir leben immer länger und bleiben immer länger gesund“fehlt in keiner Politiker-Sonntagsre­de. Nur dass daraus folgt, dass die bald 2 Millionen Menschen über 60 ihr Leben in vollem Umfang und als gleichbere­chtigter Teil der Gesellscha­ft weiterlebe­n können und wollen, dafür fehlt noch das Verständni­s. Und vor allem: das Hurra. altnaund@kurier.at ***

Ruth Pauli ist alt (70) und schreibt gerne

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