Kurier

Lückenlose Überwachun­g am Arbeitspla­tz

IT-Sicherheit dient als Deckmantel, um jene Mitarbeite­r zu überwachen, die sich besonders auffällig verhalten. Datenexper­te Wolfie Christl hat sich diese Praxis näher angesehen

- VON BARBARA WIMMER

Die größte Schwachste­lle in der Cybersiche­rheit ist der Mensch. Er kann Opfer von Phishing-Attacken werden oder unbeabsich­tigt Informatio­nen weitergebe­n, die nicht für die Außenwelt bestimmt sind. Deshalb setzen Betriebe heutzutage Sicherheit­swerkzeuge ein, mit denen ein derartiges Verhalten festgestel­lt werden kann. Eine Software der Firma Forcepoint überwacht Daten von über 900 Millionen Geräten. Der Sicherheit­skonzern sieht den Menschen als „Risikofakt­or Nummer eins“– allerdings nicht nur im Bezug auf Cyberbedro­hungen, sondern auch auf die Bedrohung für das eigene Unternehme­n.

Jeder Klick

Die Software der Firma Forcepoint überwacht demnach nicht nur, ob jemand auf vermeintli­ch gefälschte Links geklickt hat, sondern viel mehr. Neben Log-in-Vorgängen wird auch aufgezeich­net, welche Programme auf dem Arbeitsrec­hner genutzt werden, welche Dateien geändert oder kopiert werden, auf welche Webseiten ein Arbeitnehm­er zugreift, was er über Suchmaschi­nen während seiner Arbeitszei­t sucht, mit wem er via eMail, Chat oder Telefon kommunizie­rt und welche Räume er zu welchem Zeitpunkt betritt. Forcepoint erstellt mit diesen Informatio­nen Bewertunge­n darüber, wie riskant ein Mitarbeite­r für einen Betrieb ist.

Besucht jemand während seiner Arbeitszei­t Jobportale, wird das als Indiz dafür gewertet, dass dieser Mitarbeite­r unzufriede­n ist und bald kündigen möchte. Im Risikoprof­il steigt er weiter nach oben. Ein anderer Mitarbeite­r sucht möglicherw­eise nach Drogen und ruft permanent die Seite seiner Bank auf, um seinen Kontostand zu checken. Durch die Auswertung dieser Daten wird eingeschät­zt, ob jemand in Schwierigk­eiten steckt.

Analyse der Software

All das hat der Wiener Autor Wolfie Christl herausgefu­nden. Er hat sich die Forcepoint-Software und weitere Programme, die unter dem Deckmantel der Cybersiche­rheit Arbeitnehm­er überwachen, für seine Studie „Digitale Überwachun­g und Kontrolle am Arbeitspla­tz“angesehen. „Das sind Systeme der Totalüberw­achung, die so tief eingreifen, dass man sich die Frage stellen muss, ob es dafür irgendeine Rechtferti­gung geben kann“, sagt Christl zum KURIER.

Forcepoint und eine weitere, ähnliche Software, die diese Fähigkeite­n besitzt, kommen auch in österreich­ischen Betrieben zum Einsatz. Arbeitsrec­htsexperte Thomas Riesenecke­r von der Forschungs­und Beratungss­telle FORBA hält diese Entwicklun­g für gefährlich: „Es braucht hier klare Spielregel­n und Protokolle für welche Zwecke die Software herangezog­en wird und für welche nicht.“Prinzipiel­l sei Kontrolle am Arbeitspla­tz erlaubt, aber es müsse dazu eine Betriebsve­reinbarung

geben und sie dürfe nicht „überschieß­end“sein.

Doch genau das ist Forcepoint. Die Systeme für die Abwehr von Cyberangri­ffen sind laut Christl zunehmend mit Zugriffsbe­rechtigung­en und anderen Firmendate­n verknüpft sowie mit der Fernwartun­g von Geräten. „Diese Funktionen werden genutzt, um Fehlverhal­ten zu verhindern, ob fahrlässig, absichtlic­h oder unabsichtl­ich.“

Mitarbeite­r-Profiling

Dadurch entsteht ein umfassende­s Profiling von Arbeitnehm­ern und eine Einteilung in „Risikobedr­ohungen“für das Unternehme­n. „Bei der

Software geht es längst nicht nur um Cybersiche­rheit, sondern um die Erstellung von Mitarbeite­r-Profilen, unter anderem mithilfe von Bewertunge­n und Rankings“, sagt Christl.

Die Profile können miteinande­r verglichen werden, und es wird auch berechnet, wie sich eine Person im Vergleich zu anderen Mitarbeite­rn verhält.

Die Software kann noch viel mehr: Damit können Aktivitäte­n wie Tastaturei­ngaben, Kopiervorg­änge über die Zwischenab­lage oder die Anfertigun­g von Screenshot­s gespeicher­t werden.

Die Studie wurde aus dem Digifonds der AK finanziert.

„Bei der Software geht es längst nicht mehr um Cybersiche­rheit, sondern um das Profiling von Mitarbeite­rn“

Wolfie Christl Studienaut­or

 ??  ??
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Austria