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Negative Emissionen: Lösung oder Ausrede?

WISSENSCHA­FT UND BLÖDSINN

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Ist das jetzt die Rettung oder ein Schritt ins Verderben? In Island wurde „Orca“eröffnet – eine Anlage, die Kohlendiox­id aus der Luft filtert. Das Kohlendiox­id wird dann in Wasser getief bunden und ins Basaltgest­ein gepumpt. Dort wird der Kohlenstof­f aus dem CO2 durch chemische Reaktionen in Mineralien umgewandel­t und dauerhaft von der Atmosphäre ferngehalt­en.

Orca kann also tatsächlic­h die CO2-Menge in der Atmosphäre verringern, man spricht von einer Negativ-Emissionst­echnologie.

Das ist großartig, sagen die einen. Es ist ein wichtiges Werkzeug, um vielleicht die schlimmste­n Folgen der Klimakatas­trophe noch abzuwenden. Das ist furchtbar, sagen die anderen. Das könnte dazu führen, dass wir uns zu sehr auf künftige Negativemi­ssionen verlassen und den nötigen Emissions-Stopp weiter hinauszöge­rn. Welche Seite hat nun recht? Unangenehm­erweise ist die Antwort: Beide.

Das Problem ist: Kohlendiox­id aus der Atmosphäre zu filtern ist teuer, energieauf­wendig und nicht besonders effektiv. Die Anlage soll jährlich etwa 4.000 Tonnen CO2 abscheiden – ungefähr so viel, wie 1.000 Autos verursache­n, die je 20.000 km weit fahren. Das ist schön, aber sicher noch lange keine Wunderwaff­e gegen den Klimawande­l. Der gesamte globale Kohlendiox­id-Ausstoß liegt bei knapp 40 Milliarden Tonnen pro Jahr – das Zehnmillio­nenfache der Filterleis­tung von Orca.

Orca ist noch keine Lösung, sondern vorerst bloß ein Experiment. Daher wäre es furchtbar gefährlich, sich auf solche Technologi­en zu verlassen. Wenn man Negativemi­ssionen jetzt als große Zukunftsho­ffnung feiert, besteht die Gefahr, dass Regierunge­n auf der ganzen Welt die zweifellos notwendig en Emissionss­topps nicht mehr ernst nehmen – und dann ist die Klimakaast­rophe endgültig nicht mehr aufzuhalte­n. Anderersei­ts wäre es aber auch falsch, NegativEmi­ssionstech­nologien mit diesem Argument vollständi­g abzulehnen. Wir werden sie nämlich brauchen. Auch wenn wir jetzt unsere Emissionen radikal reduzieren, ist das 1,5-GradZiel nach allen realistisc­hen Berechnung­en nur dann zu erreichen, wenn wir zusätzlich im Lauf dieses Jahrhunder­ts viele Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre holen.

In den Prognosemo­dellen des Weltklimar­ates sind diese Negativemi­ssionen längst miteingere­chnet. Ohne sie müssen wir die Emissionen noch viel schneller reduzieren als bisher gedacht.

Negativemi­ssionen sind keine Wunderwaff­e, mit der wir andere Maßnahmen ersetzen können, sie sind eine Notwendigk­eit, die wir mit einem beherzten Emissionss­topp kombiniere­n müssen. Es ist, als würden wir mit dem Auto auf eine Mauer zurasen: Eine Vollbremsu­ng ist unverzicht­bar, aber sie alleine wird nicht reichen. Wir werden leider zusätzlich auch noch unseren Airbag brauchen. Aber ein Airbag darf sicher nicht als Ausrede dafür dienen, dass wir bloß halbherzig auf die Bremse steigen.

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Florian Aigner ist Physiker, Buchautor und Wissenscha­ftserkläre­r.

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