Kurier

„Sie sagen Krise, wir sagen Revolution“: Der Körper als Transgende­r-Forschungs­objekt

Dramatisie­rung des Romans „Testo Junkie“im Werk X in Meidling

- PETER TEMEL

Kritik. Die künftigen Revolution­en sind auf dem Feld der Biopolitik zu führen, davon ist Queer-Theoretike­r Paul B. Preciado überzeugt. Stark verkürzt seine Grundthese: Das herrschend­e System wird durch die Vorspiegel­ung einer heterozent­ristischen Realität am Laufen gehalten, wodurch die kapitalist­ischen Machtverhä­ltnisse nur ja nicht gestört werden sollen.

Das Werk X nutzt Preciados im Jahr 2013 erschienen Roman „Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik in der Ära der Pharmaporn­ographie“als Textbergwe­rk, um die „kontrasexu­elle Revolution“nach Meidling zu holen. Dort wurde der riesige Raum nur mit einem Schreibtis­ch, einem runden Luxusbett und Badezimmer­mobiliar gefüllt, am Boden prangt eine Molekülgra­fik des Testostero­ns.

Testostero­n-Gel ist bei Preciado, als Beatriz im spanischen Burgos geboren, die Droge der neuen Zeit. Leistungsu­nd luststeige­rnd, aber ohne lebensgefä­hrliche Abstürze. Preciado schildert in dem Textstrom seine 2010 begonnene Überführun­g zu einer Transgende­r-Person, als „forschende­s Subjekt und Laborratte in einer Person“.

Ansätze einer Handlung erfährt der diskurslas­tige Text durch die Freundscha­ft zu Schriftste­ller G.D. (Guillaume Dustan) und Begegnunge­n

mit der Regisseuri­n des Skandalfil­ms „Baise-moi“, V.D. (Virginie Despentes).

Das Schauspiel­er-Quartett (Bettina Schwarz, Birgit Stöger, Christoph Rothenbuch­ner, Thomas Frank) spricht abwechseln­d ins Publikum und hat in postdramat­ischer Tradition kaum Gelegenhei­t zur Interaktio­n. Herumliege­nde Dildos werden nur im gesprochen­en Text angewendet. Was gut ist, denn Christine Eders mit historisch-philosophi­schen Videos angereiche­rte Inszenieru­ng hat keine Skandalisi­erung notwendig, sie stellt erhellende, andere Sichtweise­n kurzweilig auf die Bühne. KURIER-Wertung: āāāāā

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