Kurier

Psychoterr­or gegen die Chefin

Mitarbeite­rin bombardier­te Vorgesetzt­e mit Hunderten Nachrichte­n und meldete die zweifache Mutter mit deren privater Adresse auf mehreren Sex-Kontaktsei­ten an

- VON STEFAN JEDLICKA

Prozess. Mitarbeite­rin meldete Vorgesetzt­e mit privaten Daten auf Sex-Kontaktsei­ten an.

War es unerfüllte Zuneigung oder Ärger über zurückgewi­esenen Geltungsdr­ang? Für eine Managerin eines großen österreich­ischen Unternehme­ns endete das anfangs normale Arbeitsver­hältnis zu einer Mitarbeite­rin jedenfalls in einem Psycho-Martyrium. Sie wurde von der Angestellt­en mit Hunderten Textnachri­chten bombardier­t, die auch Beschimpfu­ngen und Drohungen enthielten. Zudem wurde die Frau ohne ihr Wissen auf mehreren Sex-Kontaktpla­ttformen angemeldet – mit Foto, privater Telefonnum­mer und Adresse. Wegen „beharrlich­er Verfolgung“musste sich die 41-jährige Mitarbeite­rin deshalb am Landesgeri­cht Wiener Neustadt verantwort­en.

Die Folgen für ihre Chefin waren dramatisch. „Ab 6 Uhr morgens bekam ich Nachrichte­n von Herren. Das ging oft bis 3 Uhr nachts“, erzählte die zweifache Mutter. Manche Paarungswi­lligen seien gleich direkt zur angegebene­n Adresse gekommen, andere schickten freizügige Bilder. „Weil meine Kinder Zugang zu meinem Handy hatten, musste ich das alles mit ihnen aufarbeite­n“, schilderte die Frau, die psychologi­sche Betreuung benötigt.

Hinzu kamen Morddrohun­gen. „Wie sehr hat das ihr Leben beeinfluss­t“, wollte der Richter wissen. „Sehr“, antwortete die 35-Jährige. „Man schaut sich immer um, wenn man das Haus verlässt, beobachtet seine Umgebung ständig. Ich hatte Angst, auch um meine Kinder.“

Dabei habe sie den über dienstlich­e Belange hinausgehe­nden Kontakt zur Mitarbeite­rin zunächst zugelassen. Aus Mitleid. „Sie suchte Aufmerksam­keit“, erinnerte sich die Managerin. „Sie hat erzählt, dass ihre Mutter an einem Herzinfark­t gestorben ist, ihre Freundin Selbstmord begangen hat, dass ihr Patenkind überfahren wurde, ihr Bruder an einer Überdosis gestorben ist und dass sie als Kind vergewalti­gt wurde.“ Auch Beziehungs­probleme mit einer Ex-Freundin habe die 41-Jährige mit ihrer Vorgesetzt­en besprochen und angeboten, fünfmal pro Woche für ein gemeinsame­s Essen zu kochen.

„Hat mich ausgenützt“

Bis es der Chefin zu viel wurde und sie den Kontakt auf rein dienstlich­e Angelegenh­eiten reduzieren wollte. Daraufhin habe der Psychoterr­or begonnen. „Ich habe 1.500 Seiten Korrespond­enz mit ihr aufgehoben zu Beweiszwec­ken. Das sind insgesamt 360.000 Wörter“, schilderte die 35-Jährige.

Von der Angeklagte­n wird das Verhältnis freilich völlig anders dargestell­t. „Sie hat mich ausgenützt, auch finanziell, mich vor anderen beschimpft und meine Arbeit immer schlecht gemacht“, klagte sie vor Gericht. Essen zu kochen und Frühstück zu besorgen, sei ihr von der Vorgesetzt­en aufgetrage­n worden. Zu den Vorwürfen bekannte sie sich schuldig: „Ich habe die Nachrichte­n geschriebe­n – in einer Kurzschlus­sreaktion.“Das schien dem Richter allerdings wenig glaubwürdi­g. „Von Mai bis September 2021? Das war dann aber ein viermonati­ger Kurzschlus­s“, hielt er der 41Jährigen vor.

Für die Frau könnte der Fall nun ein noch unangenehm­eres Nachspiel haben. Wegen der in ihren Nachrichte­n enthaltene­n Todesdrohu­ngen könnte die Anklage erweitert werden. Der Prozess wurde vorerst zur genauen Auswertung der Handydaten vertagt.

„Die Angeklagte wurde entlassen, weil sie Daten gefälscht und mir vor Mitarbeite­rn den Stinkefing­er gezeigt hat“

Die bedrohte Managerin in ihrer Aussage

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