War­um 1918, 1938 und 1968 un­trenn­bar ver­bun­den sind

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - EDITORIAL -

Auf das En­de Ös­ter­reich- Un­garns folg­te der gro­ße Auf­bruch in der Ers­ten Re­pu­blik, folg­ten Gr­a­ben­kämp­fe zwi­schen den po­li­ti­schen La­gern, folg­te das En­de Ös­ter­reichs, folg­te letzt­lich die Ab­rech­nung mit der El­tern­ge­ne­ra­ti­on: Al­le Er­eig­nis­se der ver­gan­ge­nen 100 Jah­re ste­hen in ei­nem in­ne­ren Zu­sam­men­hang. 1968 wird man oh­ne 1938 nicht ver­ste­hen und 1938 nicht oh­ne 1918. Und 2018 ist will­kom­me­ner An­lass, sich dar­an zu er­in­nern.

DIE ACH­TER-JAH­RE. We­ni­ge Ta­ge nach dem En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges spiel­ten die Phil­har­mo­ni­ker wie­der – mit­ten im ver­wüs­te­ten Wi­en. Psy­cho­lo­gen sa­gen, man kön­ne das nicht an­ders be­wäl­ti­gen als durch ei­nen Mas­sen­ver­drän­gungs­pro­zess. Die ers­ten hun­dert Jah­re der Re­pu­blik Ös­ter­reich sind voll­ge­stopft mit Psy­cho­lo­gie: Die jun­ge Ers­te Re­pu­blik war ei­ne sehr fra­gi­le. Staat­lich wie öko­no­misch gab es vie­le Kri­sen. Die ei­nen – vol­ler Hoff­nung – woll­ten ei­ne neue Welt bau­en. Die an­de­ren – vol­ler Angst – fühl­ten sich nach Jahr­hun­der­ten Mon­ar­chie oh­ne den Va­ter Kai­ser ver­lo­ren.

Ös­ter­reichs Stun­de Null hat ei­ne Vor­ge­schich­te: Mit dem Ers­ten Welt­krieg sind gleich drei gro­ße, tra­di­tio­nel­le Dy­nas­ti­en zer­fal­len: Die der Habs­bur­ger, der Ho­hen­zol­ler und der Ro­ma­now. Das war trau­ma­ti­sie­rend und neu­ro­ti­sie­rend. Will hei­ßen: Am An­fang steht der Zer­fall. Die neu­en Mas­sen­par­tei­en stie­ßen in das Macht­va­ku­um vor. Es ist nicht die Ge­burt des Neu­en aus dem Geist der Schöp­fung, son­dern aus dem Geist des Zer­falls.

Karl Ren­ner hat­te ei­ne Vi­si­on für das Jahr Acht­zehn, das gleich­zei­tig das Jahr Eins war – die der Ver­ei­nig­ten Staa­ten Mit­tel­eu­ro­pas. Re­al muss­te un­se­re Ur­groß­el­tern-Ge­ne­ra­ti­on aber klein bei­ge­ben – sehr klein: Die ehe­ma­li­gen Kron­län­der er­klär­ten sich für un­ab­hän­gig, Ös­ter­reich blieb al­lei­ne üb­rig. Der Na­me „Deutsch­ös­ter­reich“und der „An­schluss“an Deutsch­land wur­den von den Sie­ger­mäch­ten ver­bo­ten. De­mo­kra­tie trifft De­mü­ti­gung.

Aus der Dis­tanz mit der Gna­de der spä­ten Ge­burt be­trach­tet, greift ei­nes ins an­de­re, wenn man den Ers­ten und den Zwei­ten Welt­krieg be­trach­tet. „Al­le die­se Er­eig­nis­se ste­hen in ei­nem in­ne­ren Zu­sam­men­hang und be­ein- flus­sen ein­an­der wech­sel­sei­tig“, schreibt da­her auch Bun­des­prä­si­dent a.D. Heinz Fi­scher über das Ge­denk­jahr 2018. „Man muss Ge­schich­te ken­nen, um die Zu­sam­men­hän­ge bes­ser zu ver­ste­hen.“

Apro­pos Zu­sam­men­hän­ge: Mit der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se, die in den 1930er-Jah­ren be­son­ders in Zen­tral­eu­ro­pa ge­wü­tet hat, ist das de­mo­kra­ti­sche Prin­zip auch schon wie­der weg. „Was schei­ter­te, war die Kom­pro­miss­kul­tur, die man in der De­mo­kra­tie un­be­dingt braucht“, sagt der Ge­ne­ral­di­rek­tor des Ös­ter­rei­chi­schen Staats­ar­chi­ves Wolf­gang Ma­dert­ha­ner. Statt­des­sen be­kam die Ideo­lo­gie des „sieg­haf­ten Her­ren­men­schen“Ober­was­ser. „Mot­to: Mei­ne Wür­de wur­de mir ge­nom­men, aber ich bin we­nigs­tens An­ge­hö­ri­ger ei­ner Her­ren­ras­se.“

VER­DRÄN­GEN. Was dann pas­sier­te, sei ein his­to­ri­sches Lehr­stück, sagt Ma­dert­ha­ner: „Um­d­as Jahr 1968 wur­den die Men­schen in Ös­ter­reich und Deutsch­land von den nach­kom­men­den Ge­ne­ra­tio­nen da­mit kon­fron­tiert, dass sie Teil ei­nes gro­ßen Mensch­heits­ver­bre­chens wa­ren. Mehr noch, dass sie die­ses Mensch­heits­ver­bre­chen teil­wei­se mit­ge­tra­gen ha­ben. Und wenn es nur durch Weg­schau­en war. Sie mach­ten et­was, das man wun­der­bar bei Freud nach­le­sen kann: Sie ver­dräng­ten, in­sze­nier­ten sich als ‚ers­tes Op­fer‘ und kom­pen­sier­ten – durch be­son­de­re An­stän­dig­keit, durch be­son­ders har­tes Ar­bei­ten, durch be­son­de­ren Ein­satz in der Nach­kriegs­zeit“– Wirt­schafts­wun­der in­klu­si­ve. Mit 1968 schließt sich al­so die Klam­mer zwi­schen den drei Ach­ter-Jah­ren. Obend­gül­tig, wird die Zu­kunft wei­sen.

P.S. Um­fra­gen zei­gen, dass brei­te Schich­ten selbst mit wich­ti­gen Eck- da­ten, zen­tra­len Er­eig­nis­sen und Per­so­nen der ös­ter­rei­chi­schen Ge­schich­te der ver­gan­ge­nen 100 Jah­re kaum noch et­was an­zu­fan­gen wis­sen. Das mag da­mit zu­sam­men­hän­gen, dass das „kom­mu­ni­ka­ti­ve Ge­dächt­nis“auf die münd­li­che Über­lie­fe­rung der vor­an­ge­gan­ge­nen drei Ge­ne­ra­tio­nen be­grenzt ist – al­so auf et­wa 80 Jah­re. So ha­ben es die bei­den deut­schen Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Jan und Alei­da Ass­mann her­aus­ge­fun­den. Das kom­mu­ni­ka­ti­ve Ge­dächt­nis stirbt mit sei­nen Trä­gern. Jetzt eben. Doch wer jetzt nicht mehr hin­hört, dem ent­ge­hen Par­al­le­len zur Ge­gen­wart. Mit dem His­to­ry-Ma­ga­zin möch­te der KURIER da­zu bei­tra­gen, dass kei­ner sa­gen kann: „Wir ha­ben von nichts ge­wusst.“

100 Jah­re auf 84 Sei­ten: Ein Team rund um Su­san­ne Mauth­ner-We­ber und Ge­org Mar­kus reis­te für Sie durch Ös­ter­reichs Ge­schich­te

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