ALS KIN­DER ZUM HAMSTERN ERZOGEN WUR­DEN

Spä­tes­tens ab dem Win­ter 1916/’ 17 war die Bü­ro­kra­tie mit der Ver­sor­gung der Men­schen Über­for­dert. Vie­le Ös­ter­rei­cher er­leb­ten die Stun­de Null i m Elend.

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON KON­RAD KRAMAR

Vie­le Ös­ter­rei­cher er­leb­ten die Stun­de Null im Elend.

STECKRÜBENWINTER. Um zwei Uhr früh muss­te er sich ein­rei­hen in die Schlan­ge vor der Wie­ner Markt­hal­le, um auch nur die va­ge Aus­sicht auf ein Ki­lo Erd­äp­fel zu ha­ben. „Um sie­ben Uhr hat mich die Mut­ter ab­ge­löst“, er­in­ner­te sich der be­rühm­te ös­ter­rei­chi­sche Psych­ia­ter Vik­tor Frankl Jahr­zehn­te spä­ter, „da­mit ich noch recht­zei­tig in die Schu­le komm’.“

Frankl war drei­zehn Jah­re, als über das oh­ne­hin dar­ben­de Wi­en der Hun­ger­win­ter 1916/’17 her­ein­brach, in dem die Ver­sor­gung der Mon­ar­chie­haupt­stadt end­gül­tig zu­sam­men­bre­chen soll­te. Als auch das An­stel­len vor der Markt­hal­le nichts mehr ein­brach­te, wur­de Frankl, Kind bes­ser ge­stell­ter Staats­be­am­ter, zu Ver­wand­ten nach Mäh­ren ge­schickt, „dort konn­te ich bei den Bau­ern um Brot bet­teln, oder in den Fel­dern Ku­kuruz steh­len, um satt zu wer­den.“

Viel schlim­mer noch als im gut­bür­ger­li­chen Al­ser­grund ging es drau­ßen in den Ar­bei­ter­vor­or­ten wie Sim­me­ring zu. Die Kin­der, meist stamm­ten sie aus den Fa­mi­li­en böh­mi­scher Tag­löh­ner in den dort an­ge­sie­del­ten Zie­gel­fa­bri­ken, ver­brach­ten ih­re Ta­ge da­mit, auf Gü­ter­zü­ge der Ost­bahn zu war­ten. Sie ver­such­ten, auf die Zü­ge zu sprin­gen, um in den Wag­gons Res­te von Ge­trei­de oder Kar­tof­feln zu fin­den. Da­zu aber muss­ten sie an der be­rit­te­nen Po­li­zei vor­bei, die ent­lang der Glei­se Stel­lung be­zo­gen hat­te, um die Hun­gern­den fern­zu­hal­ten. Die ers­ten Ar­bei­ter­auf­stän­de 1918, et­wa in den Daim­ler-Wer­ken in Wie­ner Neu­stadt, wa­ren Hun­ger­re­vol­ten.

GE­SCHEI­TERT. Hun­ger, Frost­beu­len an Fin­gern und an den meist blo­ßen Fü­ßen, Bauch­schmer­zen von dem mit Holz­mehl ge­streck­ten Brot: Die Er­in­ne­run­gen vie­ler Ös­ter­rei­cher an den Zu­sam­men­bruch der Mon­ar­chie sind ge­prägt von schreck­li­chen Ent­beh­run­gen. Das kol­la­bie­ren­de Kai­ser­reich war an ei­ner sei­ner wich­tigs­ten Auf­ga­ben ka­ta­stro­phal ge­schei­tert: der Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung.

Es wa­ren nicht nur die Mil­lio­nen von Män­nern an der Front, die als Ar­beits­kräf­te fehl­ten, es war nicht nur der Weg­fall wich­ti­ger Agrar­flä­chen, et­wa in Ga­li­zi­en, weil sich der Krieg dort fest­ge­fres­sen hat­te. Es wa­ren Un­fä­hig­keit und feh­len­de Ko­or­di­na­ti­on der Bü­ro­kra­tie, die die Men­schen zum Hun­gern ver­ur­teil­ten.

Zwi­schen den bei­den Reichs­hälf­ten Ös­ter­reich und Un­garn herrsch­te stän­dig Streit um wich­ti­ge Ver­sor­gungs­gü­ter – und das bis hin­auf zur Re­gie­rungs­spit­ze. Das Agrar­land Un­garn ver­knapp­te sei­ne Le­bens­mit­tel­lie­fe­run­gen zu­neh­mend, im Ge­gen­zug ge­lang­te im­mer we­ni­ger Koh­le aus den böh­mi­schen Gru­ben

nach Un­garn. Um dem Cha­os und den Blo­cka­den bei der Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung zu ent­kom­men, schuf die K.-u.-K.-Bü­ro­kra­tie stän­dig neue Be­hör­den. Doch egal ob „Er­näh­rungs­amt“oder „Amt für Volks­er­näh­rung“, sie funk­tio­nier­ten al­le nicht. Um we­nigs­tens die Sol­da­ten an der Front zu ver­sor­gen – schließ­lich fehl­te es dort in­zwi­schen oh­ne­hin an Waf­fen und Uni­for­men – kürz­te man die Zu­tei­lun­gen an die Zi­vil­be­völ­ke­rung im­mer mehr. In den letz­ten Kriegs­mo­na­ten wa­ren ge­ra­de ein­mal noch 800 Ka­lo­ri­en pro Tag für ei­nen Er­wach­se­nen vor­ge­se­hen, ein Drit­tel der Men­ge in Frie­dens­zei­ten – und, wie man in Wi­en mit schwar­zem Hu­mor re­sü­mier­te, „zum Le­ben zu we­nig, zum Ster­ben zu viel“. Wenn es die­se 800 Ka­lo­ri­en über­haupt gab, be­stan­den sie zum größ­ten Teil aus Steck­rü­ben, die ei­gent­lich zur Schwei­ne­füt­te­rung ver­wen­det wer­den soll­ten. Nicht um­sonst hieß die­ser Kriegs­win­ter „Steckrübenwinter“.

Mit dem Hun­ger griff auch der Schleich­han­del um sich. Wa­ren Le­bens­mit­tel schon of­fi­zi­ell, al­so ge­gen Le­bens­mit­tel­mar­ken, längst drei Mal so teu­er wie vor dem Krieg, wa­ren sie im „Schleich“für die meis­ten un­er­schwing­lich. Und da es auf dem Land im­mer noch mehr zu es­sen gab als in den Städ­ten, pil­ger­ten die Wie­ner Bür­ger, die Schmuck, Pelz­män­tel oder Mu­sik­in­stru­men­te be­sa­ßen, da­mit zu den Bau­ern, um sie ge­gen Es­sen ein­zu­tau­schen.

Die Pro­le­ta­ri­er da­ge­gen schick­ten ih­re Kin­der zum „Hamstern“. Ge­ra­de in Ost­ös­ter­reich setz­te man schon Acht­jäh­ri­ge al­lei­ne in Zü­ge Rich­tung Un­garn, wo die La­ge et­was bes­ser war. In Ho­sen und Ja­cken hat­ten die­se Kin­der Ta­schen ein­ge­näht, um­sie dort mit al­lem zu fül­len, was sie fin­den konn­ten, und es dann nach Hau­se zu schmug­geln.

SCHMALZ, EIN WUN­DER. Es soll­te auch nach Kriegs­en­de noch lan­ge dau­ern, bis sich die Ver­sor­gungs­la­ge auch nur ei­ni­ger­ma­ßen ver­bes­ser­te, vie­les blieb ra­tio­niert, war al­so nur ge­gen Le­bens­mit­tel­mar­ken er­hält­lich. Man­che Le­bens­mit­tel hat­te man schon so lan­ge nicht mehr im Mund ge­habt, dass man sich kaum noch an den Ge­schmack er­in­nern konn­te.

So er­zählt der Ot­ta­krin­ger Hilfs­ar­bei­ter An­ton Ha­n­au­sek, wie er noch im Jahr 1920 völ­lig fas­sungs­los vor ei­nem Fleisch­hau­er stand, weil da ein „mit rei­nem Schwei­ne­schmalz ge­füll­ter Weit­ling“stand. Und das al­ler­bes­te dar­an, schreibt Ha­n­au­sek in sei­nen Le­ben­s­er­in­ne­run­gen, „in ihm steck­te ein Kärt­chen mit dem für mich fas­zi­nie­ren­den Be­mer­ken ‚Oh­ne Mar­ken‘.“

All­tag für die Wie­ner nicht nur 1918: Schlan­ge ste­hen vor ei­ner Fi­lia­le der An­ker Brot­fa­brik

Elends­quar­tier in der Wie­ner Vor­gar­ten­stra­ße, Kin­der vor ei­ner Kriegs­kü­che und Erd­äp­fel­an­bau im Gar­ten der Uni­ver­si­tät Graz ( v. o. n. u.)

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