AB­RECH­NUNG MIT DER EL­TERN­GE­NE­RA­TI­ON

Wer 1968 sagt, meint Auf­bruch und Re­vol­te. Die Ge­sell­schaft da­vor und da­nach ist nicht ver­gleich­bar. So­gar in Ös­ter­reich be­gann die Ju­gend, Fra­gen über den Um­gang mit der Ver­gan­gen­heit zu stel­len.

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON SU­SAN­NE MAUTH­NER-WE­BER

Jun­ge be­gan­nen, Fra­gen über die Ver­gan­gen­heit zu stel­len.

ZEI­TEN­WEN­DE. Hel­mut Kon­rad war im ge­nau rich­ti­gen Al­ter, hat­te 1966 in Kärn­ten ma­tu­riert, tick­te po­li­tisch links und das, ob­wohl das Welt­bild sei­ner El­tern auch nach dem Krieg braun un­ter­legt war. Trotz­dem in­ter­es­sier­te ihn in die­sen Früh­lings­ta­gen 1968 viel mehr, dass es sei­ner Freun­din ver­bo­ten war, bei ihm im Wie­ner Stu­den­ten­heim zu über­nach­ten. „Wir muss­ten uns al­so ein Zim­mer su­chen“, er­in­nert sich der His­to­ri­ker und ehe­ma­li­ge Rek­tor der Uni­ver­si­tät Graz. Se­xu­el­le Re­vol­te lag in der Luft. „Wir woll­ten die Hin­der­nis­se für vor­ehe­li­che Be­zie­hun­gen weg­räu­men; den­blei­er­nen Man­tel, der über Fa­mi­li­en- und Straf­recht lag – das hat je­den stark be­trof­fen.“

Wäh­rend in den USA Stu­den­ten ge­gen den Viet­nam­krieg auf die Stra­ße ge­hen und ein Ge­ne­ral­streik ganz Frank­reich lahm leg­te, war die 68er-Be­we­gung in Ös­ter­reich an­geb­lich ein Mailüf­terl. „1968ist na­tür­lich nur ei­ne Chif­fre für die Zei­ten­wen­de, die die Epo­che zwi­schen 1945 und 1989 teilt. Ein­zig in zwei Län­dern – in Frank­reich und in der CSSR – bün­deln sich die Er­eig­nis­se, die die­se Wen­de kenn­zeich­nen, tat­säch­lich im Jahr 1968“, sagt Kon­rad. Über­all sonst ste­he die­se Jah­res­zahl als Sym­bol für ge­sell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Wan­del, der äl­te­re Wur­zeln ha­be. „Dass es ei­ne ent­schei­den­de Wen­de war, ist aber un­be­strit­ten. Zu­min­dest im Wes­ten wa­ren die In­sti­tu­tio­nen, die Me­di­en, die Bil­dungs­stät­ten, die Mu­sik, die kul­tu­rel­len Aus­drucks­mög­lich­kei­ten und die Fa­mi­li­en­for­men vor­her und nach­her nicht ver­gleich­bar. “Apro­pos äl­te­re Wur­zeln: In Wi­en war es be­reits 1965 zu De­mons­tra­tio­nen ge­gen den Hoch­schul­pro­fes­sor Ta­ras Bo­ro­da­jke- wycz ge­kom­men, der in sei­nen Vor­le­sun­gen of­fen an­ti­se­mi­tisch auf­ge­tre­ten war. Was in der Rück­schau nach ei­nem ein­deu­ti­gen Auf­bäu­men vie­ler klingt, be­gann mit ei­nem ein­zi­gen: Fer­di­nand La­c­i­na, spä­ter Fi­nanz­mi­nis­ter und da­mals Welt­han­dels­stu­dent. In ei­ner Vor­le­sung im Jahr 1962 nann­te der Pro­fes­sor lin­ke Po­li­ti­ker „Kaf­fee­haus­ju­den“, ätz­te über die jü­di­sche Her­kunft des Ver­fas­sungs­schöp­fers Hans Kel­sen („Er hieß ja ei­gent­lich Kohn“) und be­zeich­ne­te den Tag der Hit­ler-Re­de am Heldenplatz als ei­nen der wich­tigs­ten sei­nes Le­bens. Ge­joh­le und Zu­stim­mung bei den Stu­den­ten.

KRIS­TAL­LI­SA­TI­ONS­PUNKT. La­c­i­na schrieb mit und über­gab die No­ti­zen sei­nem Freund Heinz Fi­scher, der in der Ar­bei­ter-Zei­tung das Trei­ben an­pran­ger­te. Kon­rad: „Die Af­fä­re Bo­ro­da­jke­wycz war ein to­ta­ler Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt, man hat ge­se­hen, dass die al­ten Na­zis nicht mehr tun konn­ten, wie sie woll­ten.“Die Uni ha­be sich in die­sen Jah­ren sehr ver­än­dert. Jun­ge lin­ke As­sis­ten­ten hät­ten die Tü­ren auf­ge­macht. Und „den Muff von 1000 Jah­ren hin­aus­ge­weht“, wie ei­nes der Schlag­wor­te lau­te­te. „Und plötz­lich gin­gen an­de­re Din­ge. Als ich sag­te, ich möch­te mich mit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit mei­ner El­tern­ge­ne­ra­ti­on aus­ein­an­der­set­zen und das an­de­re Ös­ter­reich, das im Wi­der­stand, su­chen, war das plötz­lich mög­lich“, er­zählt der His­to­ri­ker.

Das En­de des Na­zi­re­gimes lag da erst gut zwei Jahr­zehn­te zu­rück. In der äl­te­ren Ge­ne­ra­ti­on ha­ben vie­le ih­re Na­zi-Ver­gan­gen­heit ver­drängt und es sich im Wirt­schafts­wun­der­land be­quem ge­macht. Der Op­fer­my­thos war noch nicht ein­mal in An­sät­zen auf­ge­ar­bei­tet. Erst 1963 war das Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des ös­ter­rei­chi­schen Wi­der- stan­des ge­grün­det wor­den, das zur An­lauf­stel­le für jun­ge His­to­ri­ker wur­de, „die nach Men­schen such­ten, die nicht, wie mein On­kel, die Blut­grup­pe un­ter der Ach­sel, son­dern die Häft­lings­num­mer auf dem Un­ter­arm ein­tä­to­wiert hat­ten“, sagt Kon­rad.

Den­noch wur­de die Au­f­ar­bei­tung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und das Ver­hal­ten der Par­tei­en im Um­gang mit den so­ge­nann­ten „Ehe­ma­li­gen“lan­ge igno­riert. Erst die Wald­heim-Dis­kus­si­on brach­te das The­ma ins Schein­wer­fer­licht. 1968 stritt man lie­ber über den Bür­ger­krieg von 1934 und die po­li­ti­sche Be­wer­tung des Stän­de­staa­tes. Doll­fuß als Ar­bei­ter­mör­der oder als hel­den­haf­tes, ers­tes Op­fer in der Ver­tei­di­gung des Lan­des ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus – die­se The­men lie­ßen die Emo­tio­nen hoch­ge­hen. Nicht zu ver­ges­sen die Uni­fer­ke­lei: Spä­ter welt­weit an­er­kann­te Künst­ler wie Pe­ter Wei­bel und Gün­ter Bru­sprie­sen am 7. Ju­ni 1968 Re­vo­lu­ti­on und Kunst, ei­ner ona­nier­te, ein an­de­rer ver­rich­te­te die Not­durft – im Hör­saal 1 der Uni­ver­si­tät Wi­en. Es galt zu pro­vo­zie­ren, in ei­ner Ra­di­ka­li­tät, die die Per­for­mance Art in­ter­na­tio­nal auf ei­ne neue Ebe­ne hob. Viel frü­her, viel nach­hal­ti­ger und auch in­ter­na­tio­nal viel be­ach­te­ter hat­te die Kunstszene da­mit auf die Lei­chen im Kel­ler der ös­ter­rei­chi­schen Nach­kriegs­ge­schich­te re­agiert.

KLAM­MER. Ir­gend­wann muss­ten auch hier­zu­lan­de die re­ak­tio­nä­ren Kräf­te ka­pi­tu­lie­ren: Ein neu­es Fa­mi­li­en­recht kam, Ab­trei­bung und Ho­mo­se­xua­li­tät wur­den ent­kri­mi­na­li­siert, ei­ne Dis­kus­sio­nen rund um die Haus­ar­beit ent­brann­te – all das, was be­reits in den Jah­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg dis­ku­tiert wor­den war.

So ge­se­hen ist das die Klam­mer zwi­schen den Ach­ter-Jah­ren.

Hel­mut Kon­rad, ’68 und heu­te. Er war His­to­ri­ker an der Uni­ver­si­tät Graz und ist Zeit­zeu­ge

Auch in Ös­ter­reich wur­de 1968 hef­tig de­mons­triert: Ge­gen Alt-Na­zis und für Ru­di Dutsch­ke

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