DER „AN­SCHLUSS“VER­ÄN­DERT IHR LE­BEN

Die bru­ta­le Macht­er­grei­fung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten am 11. und 12. März 1938 – aus der Sicht von Tä­tern und Op­fern.

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON UWE MAUCH

Na­zi-Macht­er­grei­fung aus Sicht von Tä­tern und Op­fern.

ZÄ­SUR IM LE­BEN. Es ist kurz vor 14 Uhr, als der jun­ge Herr im Stei­rer­an­zug sei­ne Woh­nung ver­lässt. Am Him­mel ist kei­ne ein­zi­ge Wol­ke zu se­hen. Die Son­ne scheint warm, für die Jah­res­zeit zu warm. Man­fred Jas­ser, 29 Jah­re alt, ver­hei­ra­tet, Va­ter zwei­er klei­ner Kin­der, hat es ei­lig. Er strebt der Gra­zer In­nen­stadt ent­ge­gen.

Der 12. März 1938 soll das Le­ben des be­ken­nen­den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nach­hal­tig ver­än­dern. In der Nacht ha­ben Par­tei­gän­ger der NSDAP­über­all in Ös­ter­reich die Füh­rung über­nom­men. Auch in Gra­zer Zei­tungs­re­dak­tio­nen wer­den jü­di­sche un­d­po­li­tisch an­ders den­ken­de Jour­na­lis­ten ver­haf­tet oder ver­trie­ben.

Jas­ser hat sei­nen gro­ßen Auf­tritt noch vor sich: Am frü­hen Nach­mit­tag wird er der neu­en bzw. noch ver­blie­be­nen Be­leg­schaft im ka­tho­li­schen Sty­ria-Ver­lag als „Haupt­schrift­lei­ter“vor­ge­stellt. Al­les, was ver­öf­fent­licht wird, muss ihm zu­vor vor­ge­legt wer­den.

DIEBERAUBTEN. Ein Hor­ror ist der Sie­ges­zug der Na­zis da­ge­gen für den da­mals 18-jäh­ri­gen Wie­ner Eric San­ders: „Ich ha­be Hit­ler nicht so sehr ge­hasst, weil ich aus mei­ner Hei­matraus­ge­wor­fen wur­de. Ich ha­be ihn mehr da­für ge­hasst, weil er mir die Mu­sik ge­raubt hat.“San­ders hat für ein neu­es Stück im Thea­te­ran der Wi­en meh­re­re Schla­ger kom­po­niert. Er be­sitzt auch schon ei­nen Ver­trag, gilt als ein auf­ge­hen­der Stern am Wie­ner Mu­sik­er­him­mel, doch da kom­men ihm die lär­men­den Braun­hem­den in die Que­re.

Der Zeit­zeu­ge er­in­nert sich für den KURIER: „An die­sem Sams­tag stand ich am Geh­steig in der Wi­en­tal-Ein­fahrt, in der Nä­he der Stadt­bahn-Sta­ti­on Hüt­tel­dorf, wir wohn­ten ja in der Au­hof­stra­ße. Ich sah Hit­lers An­kunft. Er stand vor­ne in ei­nem of­fe­nen Wa­gen, den Arm un­be­weg­lich aus­ge­streckt. Mei­ne El­tern hat­ten mir ver­spro­chen, dass ich im kom­men­den Schul­jahr Mu­sik stu­die­ren wür­de. Das hat­te mich in den sie­ben­ten Him­mel der mensch­li­chen Hoff­nun­gen er­ho­ben. In dem Mo­ment, in wel­chem Herr Adolf Hit­ler an mir vor­bei­fuhr, fiel ich von die­sem sie­ben­ten Him­mel in ei­ne un­mess­ba­re Tie­fe. Die Hoff­nun­gen wa­ren von ei­nem Ge­dan­ken ver­drängt: ‚Wir müs­sen Ös­ter­reich ver­las­sen, wir müs­sen weg von hier.‘ Der Ge­dan­ke wie­der­hol­te sich die gan­ze Zeit, als ich lang­sam über ei­ne Bau­stel­le nach Hau­se ging.“

Die da­mals um zwei Jah­re jün­ge­re Wie­ne­rin Leo­pol­di­ne Bla­ha er­in­nert sich an den Vor­abend der NS-Macht­er­grei­fung . Sie hört das „Gott schüt­ze Ös­ter­reich“von Bun­des­kanz­ler Kurt Schu­sch­nigg wie so vie­le im Ra­dio. Ih­rem Sohn, dem Arzt Ernst Ber­ger, wird sie kurz vor ih­rem Tod 2005 er­zäh­len: „Wir selbst hat­ten kein Ra­dio, aber die Leu­te, die ei­nes hat­ten, ha­ben es aufs Fens­ter ge­stellt, so­dass wir die Re­de auf der Stra­ße hö­ren konn­ten. Mich hat das fürch­ter­lich er­schüt­tert, und ich bin zu ei­ni­gen Leu­ten ge­gan­gen, die ich aus dem Turn­ver­ein oder aus dem Man­do­li­nen­klub kann­te und hab’ zu ih­nen ge­sagt: ‚Wir müs­sen was ma­chen, wir kön­nen sie doch nicht ein­mar­schie­ren las­sen.‘ Ich hab’ da­mals ge­glaubt, dass man ein­fach schie­ßen ler­nen und Wi­der­stand leis­ten kann.“

Doch da wird sie ei­nes Bes­se­ren be­lehrt: „Al­le ha­ben mir ge­ant­wor­tet, ich soll still sein und­nach­Hau­se­ge­hen, weil ich sonst nach Dach­au kom­me.“NachDach­au muss die da­mals 16-jäh­ri­ge Wie­ne­rin nicht, da­für in das Wie­ner Lan­des­ge­richt. Sie wird als Mit­glied ei­ner kom­mu­nis­ti­schen Wi­der­stands­grup­pe ver­haf­tet und we­gen Hoch­ver­rats an­ge­klagt. Nach fünf Mo­na­ten im Ge­fäng­nis, teil­wei­se in Ein­zel­haft, wird sie end­lich wie­der frei ge­las­sen. An­de­re aus ih­rer Wi­der­stands­grup­pe wer­den hin­ge­rich­tet.

GÖRINGS HANDLANGER. Ganz an­ders die Ge­fühls­la­ge bei ei­nem wei­te­ren Ös­ter­rei­cher, der al­ler­dings gar kein Ös­ter­rei­cher sein will. Der be­ken­nen­de Na­tio­nal­so­zia­list Odi­lo Glo­boc­nik ist 34, als auch für ihn „die neue Zeit“an- bricht und ihn nach oben schwemmt. Glo­boc­nik wur­de in Triest ge­bo­ren und in Kärn­ten so­zia­li­siert. Er ist der Pro­to­typ ei­nes Hand­lan­gers, notiert Jo­han­nes Sachs­leh­ner in sei­ner Bio­gra­fie über „Hit­lers Ma­na­ger des To­des“.

Zum ers­ten Mal stellt der Handlanger sein zwei­fel­haf­tes Ta­lent in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 nach­hal­tig un­ter Be­weis. Er dient in die­sen dra­ma­ti­schen Stun­den als Mit­tels­mann zwi­schen Her­mann Gö­ring und der so­eben zu­sam­men­ge­tre­te­nen NSRe­gie­rung in Wi­en, in­dem er am rich­ti­gen Te­le­fon sitzt und die Be­feh­le aus Ber­lin ent­ge­gen nimmt und um­ge­hend wei­ter­lei­tet. Ein fa­ta­ler Steig­bü­gel. Nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter wird der Handlanger Hein­rich Himm­lers Plan, „die Ju­den zu ver­nich­ten“, in füh­ren­der Funk­ti­on um­set­zen.

Vom A zum D: In der Nacht vom 11. zum 12. März 1938 über­nah­men die Na­zis in Ös­ter­reich die Herr­schaft. Sie er­rich­te­ten ei­ne bru­ta­le Dik­ta­tur und ver­lo­ren am En­de den Krieg

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