AUF­STAND DER NEIDISCHEN

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON KON­RAD KRAMAR

Der „An­schluss“ent­fes­sel­te ei­ne Ge­walt­or­gie.

Der „An­schluss“ent­fes­sel­te ei­ne Or­gie aus Plün­de­run­gen, Zer­stö­run­gen und Ge­walt: Der Mob tob­te durch die Stra­ßen. Die ers­ten Stun­den des Na­zi­ter­rors in Wi­en wa­ren ge­tra­gen von Men­schen, die zum ers­ten Mal in ih­rem Le­ben das Ge­fühl hat­ten, Her­ren zu sein.

TRUNKENE SIEGESFREUDE. „Über­all Mas­sen von Leu­ten, Na­zi­lie­der brül­lend. Ei­ni­ge Po­li­zis­ten ste­hen gut­mü­tig da­bei. Was tra­gen sie da an ih­ren Ar­men? Ei­ne schwarz-weiß-ro­te Ha­ken­kreuz­bin­de! Sie sind al­so schon über­ge­lau­fen! Jun­ge Ran­da­lie­rer wer­fen die Schau­fens­ter­schei­ben jü­di­scher Ge­schäf­te ein. Die Men­ge ju­belt vol­ler Ent­zü­cken.“Die Ra­dio­re­por­ta­gen des US-Jour­na­lis­ten Wil­li­am Shi­rer zäh­len zu den ein­drucks­volls­ten Schil­de­run­gen der März­ta­ge 1938 in Wi­en. Der „An­schluss“und der Ein­marsch der deut­schen Trup­pen sorg­te nicht nur für Ju­bel, er lös­te ei­nen Tau­mel aus trun­ke­ner Siegesfreude, Hass, Gier und of­fe­nem An­ti­se­mi­tis­mus aus. Durch die Stra­ßen der Haupt­stadt, aber auch der Lan­des­haupt­städ­te tob­te der Mob. „Ich hat­te in mei­nem Le­ben“, schreibt der Schrift­stel­ler Carl Zuck­may­er in sei­nen Er­in­ne­run­gen, „ei­ni­ges an mensch­li­cher Ent­fes­se­lung, Ent­set­zen oder Pa­nik ge­se­hen. Nichts da­von war mit die­sen Ta­gen in Wi­en zu ver­glei­chen. Die Stadt ver­wan­del­te sich in ein Alb­traum­ge­mäl­de von Hier­ony­mus Bosch.“

Zuck­may­er war ei­ner von Zehn­tau­sen­den, die in die­sen Ta­gen mit dem Zug ins neu­tra­le Aus­land, in die Schweiz, flüch­ten konn­ten. Vie­len aber soll­te auch die­ser Aus­weg ver­wehrt blei­ben. Bahn­hö­fe und Zü­ge wa­ren schon Ta­ge vor dem Ein­marsch hoff­nungs­los über­füllt und die La­ge ver­schlim­mer­te sich täg­lich.

SA-ARM­BIN­DEN. Mit­ten in all dem Tri­umph-Ge­heul und der Wut, die sich auf den Stra­ßen breit mach­te, gin­gen Tau­sen­de Wie­ner mit ganz an­de­ren Ab­sich­ten ans Werk. Doch die­se wa­ren nicht we­ni­ger schä­big als die Ag­gres­si­on der SA-Män­ner, die jetzt erst­mals die so lan­ge ver­bo­te­ne Uni­form of­fen tra­gen konn­ten. Wil­de Plün­de­run­gen grif­fen um sich. In jü­di­sche Ge­schäf­te, bei de­nen sie und ih­re eben­so fa­na­ti­schen Hel­fers­hel­fer die Schei­ben der Aus­la­gen ein­ge­schla­gen hat­ten, dräng­ten sich im Dun­kel der Nacht die Pro­fi­teu­re. An­ge­trie­ben von nack­ter Gier woll­te man nachschauen, was es al­les zu ho­len gab, in der Vi­tri­ne des Uhr­ma­chers, auf die man bis­her im­mer nur neid­voll star­ren konn­te.

Nicht nur in Ge­schäf­te drang der Wie­ner Mob in die­sen ers­ten Stun­den nach dem An­schluss ein. Auch die Woh­nun­gen vie­ler jü­di­scher Mit­bür­ger wur­den mit bru­ta­ler Ge­walt ge­stürmt. Im Cha­os war oft schwer aus­zu­ma­chen, ob es nun die SA selbst war, die die Tü­ren ein­trat, oder gie­ri­ge Mit­läu­fer, die sich ein­fach ei­ne Ha­ken­kreuz­bin­de um den Arm ge­bun­den hat­ten.

FABRIKSKASSE GE­RAUBT. Die ers­ten Stun­den des Na­zi­ter­rors in Wi­en wa­ren ge­tra­gen von Men­schen, die zum ers­ten Mal in ih­rem Le­ben das Ge­fühl hat­ten Her­ren zu sein – Her­ren über die Stra­ße, aber auch über Gü­ter und Ver­mö­gen, auf die sich bis­her nur ihr Neid ge­rich­tet hat­te. Vor al­lem in der Wie­ner In­nen- und Leo­pold­stadt, in der die jü­di­sche Be­völ­ke­rung do­mi­nier­te, ge­rie­ten Ge­walt­und Gier­au­ßer Kon­trol­le.

„Ein Last­kraft­wa­gen, be­setzt mit 15 bis 20 SA-Leu­ten, fuhr um 8 Uhr früh in die Fa­b­rik ein“, be­schreibt ein Mit­ar­bei­ter die Plün­de­rung ei­ner jü­di­schen Fir­ma in Wi­en-Dö­bling: „Sie be­setz­ten die Aus­gän­ge mit ge­zo­ge­nen Re­vol­vern, nah­men die Fabrikskasse an sich und be­raub­ten bei­de Chefs al­ler Wert­ge­gen­stän­de. Die­se muss­ten sich ei­ner Lei­bes­vi­si­ta­ti­on un­ter­zie­hen las­sen.“

Die Aus­schrei­tun­gen die­ser ers­ten Ta­ge wa­ren so hef­tig, dass die Ver­wal­tung, nach­dem sie in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge zu­min­dest pro­vi­so­risch un­ter NS-Kon­trol­le ge­bracht wor­den war, ei­lig Er­läs­se her­aus­gab. Dar­in wur­den vor al­lem die SA-Ein­hei­ten auf­ge­for­dert, die wil­den Plün­de­run­gen zu stop­pen.

AKRIBISCH VOR­BE­REI­TET. Das Leid der jü­di­schen Mit­bür­ger soll­te da­mit frei­lich erst be­gin­nen. Von jetzt an be­gann näm­lich die Gesta­po in Zu­sam­men­ar­beit mit der Po­li­zei mit ih­rem sys­te­ma­ti­schen Raub­zug an ih­nen. Dass die­se qua­si amt­li­chen Plün­de­run­gen so rasch be­gin­nen konn­ten, war das Er­geb­nis lang­fris­ti­ger akri­bi­scher Vor­be­rei­tung.

Seit Jah­ren schon hat­te man in Ber­lin mit­hil­fe der il­le­ga­len Na­zis in Ös­ter­reich so­ge­nann­te Pro­skrip­ti­ons­lis­ten er­stellt, in de­nen die Na­men­je­ner Bür­ger ein­ge­tra­gen wa­ren, bei de­nen sich ei­ne Haus­durch­su­chung am bes­ten be­zahlt ma­chen wür­de. Wäh­rend drau­ßen auf den Stra­ßen die ers­ten der be­rüch­tig­ten „Rei­be­par­ti­en“statt­fan­den, al­so jü­di­sche Mit­bür­ger ge­zwun­gen wur­den, die Trot­toirs auf den Kni­en auf­zu­wa­schen, klopf­ten die Gesta­po-Be­am­ten in ih­ren Le­der­män­teln über­all in Wi­en an die Tü­ren. Die Haus­su­chun­gen be­gan­nen. „Sie ge­hen me­tho­disch vor. Sie ha­ben kei­ne Ei­le. Sie sind kei­ne Wil­den“, be­schreibt der Au­tor Ed­mund de Waal in sei­nem Ro­man Der Ha­se mit den Bern­stein­au­gen den Mo­ment als die Plün­de­run­gim Pa­lais sei­ner Fa­mi­lie an der Ring­stra­ße be­gann. Nun hat­te Hit­lers sys­te­ma­ti­scher Raub­zug be­gon­nen.

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