NACHHÖREN UND NACHSCHAUEN

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON UTE BRÜHL

Ei­ne On­li­ne­aus­stel­lung er­in­nert an die Ach­ter-Jah­re.

Wer über his­to­ri­sche Er­eig­nis­se nicht nur liest, son­dern sie in Film und Ton er­lebt, der er­fährt Ge­schich­te in ei­ner neu­en Di­men­si­on. Pünkt­lich zum Ge­denk­jahr wur­de des­halb ei­ne On­li­ne­aus­stel­lung des Tech­ni­schen Mu­se­ums er­öff­net.

1918. An­ge­spann­te Er­war­tung spie­gel­te sich in den Ge­sich­tern: Als am 12. No­vem­ber 1918 et­wa 150.000 Men­schen in Wi­en Rich­tung Par­la­ments­ge­bäu­de ström­ten, schau­ten vie­le dem Trei­ben eher ver­dutzt zu. Es gab zwar die, die po­si­tiv in die Zu­kunft schau­ten, doch auch Skep­sis und Trau­er war in vie­len Mie­nen der Men­schen zu er­ken­nen, die sich auf den Weg mach­ten, die of­fi­zi­el­le Aus­ru­fung der Re­pu­blik Deutsch­ös­ter­reich mit­zu­er­le­ben.

Dass Skep­sis an­ge­bracht war, zeigt ein Bild – das Bild der zer­ris­se­nen Fah­ne: Ei­gent­lich hät­te näm­lich vor dem Par­la­ment die rot-weiß-ro­te Flag­ge we­hen soll­ten. Doch die links­ex­tre­men Rot­gar­dis­ten wa­ren schnel­ler. Sie hat­ten kur­zer­hand den wei­ßen Strei­fen her­aus­ge­schnit­ten und die rest­li­chen bei­den ro­ten zu­sam­men­ge­kno­tet, so­dass am Mas­ten nur noch ein lan­ger ro­ter Fet­zen hing – er soll­te Zei­chen ei­ner be­gin­nen­den so­zia­lis­ti­schen Re­vo­lu­ti­on sein. Zu se­hen sind ei­ni­ge die­ser Epi­so­den in ei­nem Film, der auf der On­line­platt­form zum Ge­denk­jahr 2018 bald öf­fent­lich ab­ruf­bar sein wird (De­tails am En­de des Tex­tes).

Ein ganz an­de­res Bild bot sich ein paar Ta­ge zu­vor in Prag, wo am 28. Ok­to­ber die tsche­cho­slo­wa­ki­sche Re­pu­blik aus­ge­ru­fen wor­den war. Auch das ist fil­misch fest­ge­hal­ten: Zu­se­hens­ind la­chen­de Ge­sich­ter, fah­nen­schwen­ken­de Men­schen so­wie Män­ner und Frau­en in Tracht. Sie al­le fei­ern aus­ge­las­sen die Un­ab­hän­gig­keit. Wäh­rend vie­le Deutsch­ös­ter­rei­cher das En­de der Mon­ar­chie be­trau­er­ten, be­ju­bel­ten die Tsche­chen und Slo­wa­ken ih­re Un­ab­hän­gig­keit.

EMO­TIO­NEN NACH­VOLL­ZIE­HEN. Solch un­mit­tel­ba­re Quel­len ma­chen Ge­schich­te le­ben­dig und ver­ständ­li­cher. „Das ist das Be­son­de­re an die­ser Form der Aus­stel­lung,“sagt Ga­b­rie­le Fröschl, Lei­te­rin der Ös­ter­rei­chi­schen Me­dia­thek: „Es ist eben et­was an­de­res, ob man im Ge­schichts­un­ter­richt ein The­ma­er­zählt be­kommt, ode­r­ob man die Stim­mung der Zeit mit­er­le­ben kann. Der Sprach­duk­tus der Men­schen, die Ge­füh­le in den Stim­men und die Emo­tio­nen an ver­schie­de­nen Schau­plät­zen ver­mit­teln ei­ne zu­sätz­li­che Di­men­si­on.“Denn nicht nur Fil­me, auch Ton­auf­nah­men und Fo­tos run­den das Bild der ge­schicht­li­chen

Er­eig­nis­se ab. Die meis­ten Quel­len hat die Me­dia­thek, die Teil des Tech­ni­schen Mu­se­ums Wi­en ist, in ih­ren ei­ge­nen Ar­chi­ven ge­fun­den und zum Ge­denk­jahr zu­sam­men­ge­stellt. Ge­dacht wird 2018 auch dem Jahr 1938, al­so dem „An­schluss“Ös­ter­reichs an Na­zi­deutsch­land. Und: „1968 und 1978 wer­den eben­so the­ma­ti­siert, weil es da­mals ei­nen Auf­bruch der Zi­vil­ge­sell­schaft gab“, sagt Ga­b­rie­le Fröschl. Zu­dem wird es Do­ku­men­te aus dem Jahr 1988 ge­ben – der Zeit nach Kurt Wald­heim und der Auf­füh­rung des Tho­mas-Bern­har­dStücks „Heldenplatz“. Fröschl: „Man be­gann da­mals, die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit kri­ti­scher zu se­hen – nicht nur als Hit­lers ers­tes Op­fer.“Ori­gi­nal­auf­nah­men sind da­bei eben­so zu hö­ren und zu se­hen wie Er­in­ne­run­gen von Zeit­zeu­gen.

WOCHENSCHAU. Dass die Op­fer­the­se eben nur ein Teil der Wahr­heit ist, zeigt ein Blick in die Wochenschau – ein Mal in der Wo­che­wur­den­die Men­schen so über die Er­eig­nis­se im Land „in­for­miert“, und zwar in den Ki­nos. Die­se wa­ren in den 1930er- und 1940er-Jah­ren gut be­sucht, da es noch kein Fern­se­hen gab. „Nicht nur hier wird deut­lich, dass die Na­zis Meis­ter der Ins­ze­nie­rung wa­ren“, sagt Fröschl. Sie wuss­ten die da­mals neu­en Me­di­en ge­schickt für ih­re Zwe­cke zu nut­zen. Auch wenn in der Wochenschau vie­les gut in­sze­niert war – es gab die tat­säch­lich Be­geis­ter­ten, wie vie­le Zeit­zeu­gen im O-Ton be­rich­ten.

Auch das Ra­dio in­stru­men­ta­li­sier­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten – es wur­de zu ei­nem ih­rer wich­tigs­ten Pro­pa­gan­da­in­stru­men­te. Dass sie den Nut­zen der re­la­tiv neu­en Tech­no­lo­gie er­kann­ten, zeigt schon die Tat­sa­che, dass Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Jo­seph Go­eb­bels die deut­schen Her­stel­ler sehr früh dräng­te, ein preis­güns­ti­ges Ge­rät zu ent­wi­ckeln. Be­reits im Au­gust 1933 wur­de der Volks­emp­fän­ger – im Volks­mund Go­eb­bels-Schnau­ze ge­nannt – bei der gro­ßen Funk­aus­stel­lung in Ber­lin vor­ge­stellt. Pro­du­zen­ten wie Blau­punkt oder Te­le­fun­ken wur­den in Fol­ge von der Re­gie­rung ge­zwun­gen, die­ses güns­ti­ge Ra­dio zu pro­du­zie­ren. Un­des wur­de so­fort ein Ver­kaufs­schla­ger: Be­reits En­de des Jah­res 1933 wa­ren knapp 700.000 Volks­emp­fän­ger über die La­den­ti­sche ge­wan­dert.

ZWEI BLICKWINKEL. Und so spiel­te das Ra­dio na­tür­lich auch 1938 ei­ne zen­tra­le Rol­le. Wie un­ter­schied­lich die Wie­ner Hit­lers Ein­marsch in ih­rer Hei­mat­stadt er­lebt ha­ben, ma­chen zwei Ton­do­ku­men­te deut­lich – ei­ne Ra­dio­re­por­ta­ge und die Er­in­ne­rung des da­mals 15-jäh­ri­gen Hans Ulrich:

Schau­platz 1, Heldenplatz: Ein Ra­dio­re­por­ter be­rich­tet eu­pho­risch von der Ein­fahrt Hit­lers; an­fangs klingt er noch sach­lich. Doch so­bald das Au­to zu se­hen ist, über­schlägt sich sei­ne Stim­me: „Nun ist der Füh­rer hier. Wir se­hen ihn auf­ge­rich­tet vor­ne. Der Füh­rer ist hier.“Man hört über Mi­nu­ten nicht en­den wol­len­de Ju­bel­ru­fe, ei­ne Blas­ka­pel­le im Hin­ter­grund; all das ist so laut, dass der Re­por­ter kaum zu hö­ren ist. Und im­mer wie­der Blas­mu­sik.

Schau­platz 2, Ho­tel Im­pe­ri­al, wo Hit­ler wohn­te. Hans Ulrich er­zählt: „Für mich­war­da­sei­ne furcht­ba­re Zeit. Ich war 15 Jah­re und ge­nie­re mich nicht zu sa­gen: Ich ha­be ge­weint wie ein Schloss­hund. Wenn man die­se maß­lo­se Pro­pa­gan­da im Ra­dio ge­hört hat, der Lärm – die­ses un­un­ter­bro­che­ne Brül­len mit ‚Sieg Heil‘ und dann die Mas­sen. Wie sie ne­ben dem Au­to von Hit­ler her­ge­lau­fen und vor dem Ho­tel Im­pe­ri­al ge­stan­den sind – es war kein Platz am gan­zen Schwar­zen­berg­platz, am Ring. Das hat man al­les in der Wochenschau ge­se­hen.“

Was Ga­b­rie­le Fröschl in den In­ter­views mit Zeit­zeu­gen am meis­ten ver­wun­dert hat: „Die Men­schen ha­ben auf den Rechts­staat ver­traut und konn­ten sich nicht vor­stel­len, wie schnell der völ­lig au­ßer Kraft ge­setzt wur­de.“Ei­ni­ge er­kann­ten das und schaff­ten die Flucht ins Aus­land, dar­un­ter Pu­bli­kums­lieb­lin­ge wie Sän­ger

und Ka­ba­ret­tist Her­mann Leo­pol­di. Wie schwer das Los für je­man­den war, des­sen Hand­werks­zeug die deut­sche Spra­che ist, bringt er in sei­nem Lied „Da wär’s halt gut, wenn man Eng­lisch könnt’“auf den Punkt: „Doch hab’ ich was ich eve­nings kann, beim Bre­ak­fast schon ver­ges­sen,“stöhnt Leo­pol­di über sei­ne Schwie­rig­kei­ten beim Ler­nen der eng­li­schen Spra­che. Und er be­klagt selbst­iro­nisch, wie schwie­rig es ist, mit ei­nem Mäd­chen an­zu­ban­deln, das kein Deutsch ver­steht: „Man stellt uns ei­nem Sweethe­art vor, un­d­möcht’ sie gern ent­flam­men. Da steht man wie ein Ochs’ vorm Tor und sch’ sch’ schtot­tert was zu­sam­men … Und­wenn die Träu­me rei­fen, so­dass es Zeit wär’, zärt­lich fest nach ih­rer Hand zu grei­fen. Doch was dann kommt, ent­täuscht sie sehr, man greift halt nur zum Dik­tio­när.“

1968. Schaut man in die jün­ge­re Ver­gan­gen­heit, herrscht kein Man­gel an zeit­his­to­ri­schen Quel­len – egal ob 1968, 1978 oder 1988. So be­rich­te­te der ORF am 30. Mai 1968 aus dem Hör­saal 1 des Neu­en­In­sti­tuts­ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät Wi­en, der über Nacht von Stu­den­ten be­setzt ge­hal­ten wor­den war: Im Hin­ter­grund hört man zwar Tu­mul­te, doch die wa­ren eher harm­los. Am En­de zieht der Re­por­ter ent­täuscht ab, hat­te er sich doch wohl die ös­ter­rei­chi­sche Va­ri­an­te ei­nes Ru­di Dutsch­ke er­war­tet.

1978. Zehn Jah­re spä­ter be­weg­te der Bau des Atom­kraft­werks Zwen­ten­dorf die Ge­sell­schaft. AmEn­de­war­fix: „Die­ser 5. No­vem­ber ist ein ent­schei­den­des Da­tum in der Ge­schich­te der 2. Re­pu­blik. Ers­te Volks­ab­stim­mung seit 1945, und sie hat ein Nein zum AKW Zwen­ten­dorf ge­bracht“, sagt die Ra­dio­spre­che­rin Il­se Vögl auf Ö1. Weil die­se Zeit eben­falls ei­ne des Um­bruchs war, wird sie in der Me­dia­thek genau­so do­ku­men­tiert.

Nicht zu ver­ges­sen die 1980er-Jah­re: Ein ge­sell­schaft­li­cher Auf­re­ger war da­mals die Pre­mie­re des Thea­ter­stücks „Heldenplatz“von Tho­mas Bern­hard. Wie groß die Em­pö­rung 1988 war, zeigt ei­ne Mit­schnitt der Auf­füh­rung: Buh­ru­fe statt Ap­plaus.

On­line-Aus­stel­lung

Un­ter www.me­dia­thek.at/ge­denk­jahr-2018 sind die Quel­len aus der Zeit um 1938 be­reits on­line. Ab Mai 2018 wer­den auch Tö­ne und Bil­der von 1968 und 1978 zu hö­ren und zu se­hen sein. Im Ok­to­ber des Ge­denk­jah­res wer­den Do­ku­men­te zu den Jah­ren 1918 und 1988 fol­gen. Un­ter dem Ti­tel „100 Jah­re – 100 Tö­ne“will das Tech­ni­sche Mu­se­um Wi­en dann auch In­ter­views ver­öf­fent­li­chen, die die All­tags­his­to­rie die­ser Jah­re be­leuch­ten.

Mar­tia­lisch: Die Ge­walt der Na­zis sym­bo­li­siert durch die Stie­fel, auf­ge­nom­men auf dem Heldenplatz

Volks­ab­stim­mung 1938 Her­mann Görings pa­the­ti­sche An­spra­che auf Schel­lack: „Wer woll­te in sei­nem Her­zen so ver­här­tet sein, dass er in die­ser gro­ßen Stun­de sei­nes Vol­kes ab­seits ste­hen woll­te.“

1918: Das hät­te ei­ne rot-weiß-ro­te Fah­ne sein sol­len. Die Rot­gar­dis­ten mach­ten ei­ne ro­te Flag­ge dar­aus

Hoff­nung auf neue Zei­ten: Der Pra­ger Auf­stand 1968 wur­de nie­der­ge­schla­gen – vie­le emi­grier­ten nach Ös­ter­reich

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