RET­TUNG IN DIE FREM­DE

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON SAN­DRA LUMETSBERGER

Wie mehr als 10.000 jü­di­sche Kin­der ent­kom­men konn­ten.

Vor 80 Jah­ren konn­ten Tau­sen­de jü­di­sche Kin­der aus­rei­sen. Für sie be­gann ei­ne Fahrt ins Un­ge­wis­se, aber auch ins Le­ben. Hans Me­n­as­se, ehe­ma­li­ger Fuß­ball­na­tio­nal­spie­ler, er­in­nert sich an sei­ne Ret­tung durch die Kin­der­trans­por­te.

WI­EN, DEZEMBER1938. Hans Me­n­as­se ist erst acht Jah­re alt, als sich sein Le­ben für im­mer ver­än­dert. Am 20. De­zem­ber sitzt er mit sei­nem äl­te­ren Bru­der Kurt in ei­nem Zug, der ihn weit weg brin­gen soll­te: „Ich ha­be mir da­mals ge­dacht, das ist jetzt lus­tig, ein Aben­teu­er, Ur­laub. Wir fah­ren ir­gend­wo zu­sam­men hin, die El­tern kom­men bald nach, al­les ist in Ord­nung“, sagt der heu­te 88-Jäh­ri­ge im KURIER-Ge­spräch. Vor 80 Jah­ren kam er mit dem Kin­der­trans­port nach En­g­land. Es war ei­ne der größ­ten hu­ma­ni­tä­ren Ret­tungs­ak­tio­nen für Kin­der jü­di­scher Her­kunft.

Nach­dem deut­sche Trup­pen im März 1938 von Tau­sen­den ju­beln­den Ös­ter­rei­chern emp­fan­gen wer­den, ver­liert die jü­di­sche Be­völ­ke­rung ih­re Rech­te: Rei­se­päs­se müs­sen ab­ge­ben wer­den, Ver­mö­gen und Ei­gen­tum wer­den li­qui­diert. Hans Me­n­as­se darf nicht mehr zur Volks­schu­le, sein Bru­der wird vom Gym­na­si­um Wäh­ring kom­mend in ei­ne „Ju­den­schu­le“in der Wa­sa­gas­se ge­steckt. Ih­re Mut­ter, ei­ne Ka­tho­li­kin, wird be­drängt, sich vom­jü­di­schen Va­ter, schei­den zu las­sen, tut es aber nicht. Die Aus­rei­se­plä­ne der Fa­mi­lie schei­tern, Me­n­as­ses Va­ter steht Schlan­ge vor den Kon­su­la­ten – ver­geb­lich. Vie­le Men­schen wol­len weg, das Aus­land nimmt nur ei­ne be­grenz­te Zahl auf. Aus Angst vor ei­nem Flücht­lings­strom wei­gern sich die Völ­ker­bund­staa­ten, mehr auf­zu­neh­men.

Erst nach den Ge­walt­ak­ten vom 9. auf 10. No­vem­ber, als Synagogen bren­nen, Men­schen miss­han­delt, in­haf­tiert und er­mor­det wer­den, ge­lingt es der jü­di­schen Ge­mein­de in Groß­bri­tan­ni­en und dem „Re­fu­gee Child­ren’s Mo­ve­ment“, die bri­ti­sche Re­gie­rung zu über­zeu­gen: Sie lo­ckert die Ein­rei­se­be­stim­mun­gen. Al­ler­dings un­ter Be­din­gun­gen: Kin­der dür­fen nicht äl­ter als 17 Jah­re sein. Or­ga­ni­sa­tio­nen, För­de­rer oder Pfle­ge­fa­mi­li­en müs­sen für die Kos­ten auf­kom­men. Die Kin­der sol­len im Aus­land zur Schu­le ge­hen, spä­ter zu ih­ren Fa­mi­li­en zu­rück­keh­ren. Doch die meis­ten ha­ben nach 1945 nie­man­den mehr, zu dem sie zu­rück­keh­ren kön­nen, weil ih­re Fa­mi­li­en er­mor­det wor­den sind. Sie blei­ben über die Welt ver­streut im Exil. In Wi­en or­ga­ni­siert die Is­rae­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de die Aus­rei­se. Über Mund­pro­pa­gan­da oder In­se­ra­te in jü­di­schen Zeit­schrif­ten wer­den El­tern dar­auf auf­merk­sam ge­macht, wie sie ih­re Kin­der ret­ten kön­nen. Da die Zeit drängt, sich ein Krieg ab­zeich­net und es be­grenz­te Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät gibt, ste­hen vie­le El­tern vor der schwe­ren Ent­schei­dung, wel­ches ih­rer Kin­der sie fort­schi­cken sol­len.

Für Hans Me­n­as­ses Fa­mi­lie war es ei­ne fi­nan­zi­el­le Fra­ge, er­in­nert er sich: Mit der Hil­fe des Man­nes sei­ner Schwes­ter kön­nen sie das Geld für die Aus­rei­se auf­brin­gen. Wäh­rend er und sein Bru­der nach En­g­land kom­men, emi­griert sie nach Ka­na­da. „Nach­träg­lich be­trach­tet, den­ke ich, es war ja viel schreck­li­cher für die El­tern als für uns Kin­der“, sagt Me­n­as­se. So­bald der An­trag zur Aus­rei­se ge­neh­migt war, blieb den Fa­mi­li­en we­nig Zeit. Bin­nen Stun­den muss­ten die Kin­der ab­fahr­be­reit sein, durf­ten nur ei­nen Kof­fer, ei­ne Ta­sche und zehn Reichs­mark mit­neh­men.

NEU­ES ZU­HAU­SE. In der Frem­de an­ge­kom­men, fin­den die Flücht­lin­ge ei­nen Platz in Hei­men oder bei Pfle­ge­fa­mi­li­en, oft als Di­enst­per­so­nal aus­ge­nutzt. Hans Me­n­as­ses Er­fah­run­gen sind durch­wegs po­si­tiv. Er kommt zu­erst in ein Kin­der­heim, ge­stif­tet von ei­nem jü­di­schen Ge­schäfts­mann. Die Adres­se „Thir­ty­ni­ne Christ­church Ave­nue“kann er heu­te noch aus­wen­dig. Mit dem Kriegs­ein­tritt Groß­bri­tan­ni­ens eva­ku­iert man al­le Lon­do­ner Kin­der aufs Land. Me­n­as­se lebt fort­an bei Fa­mi­lie Cook in Dun­s­ta­ble, Sü­deng­land. Er geht dort zur Schu­le, fin­det Freun­de, spielt im Nach­wuchs von Lu­ton Town Fuß­ball, trägt Zei­tun­gen aus – führt ein nor­ma­les eng­li­sches Le­ben. Von den Ge­scheh­nis­sen in Ös­ter­reich be­kommt er we­nig mit, sagt er. Der Kon­takt zum Bru­der, der bei der bri­ti­schen Ar­mee dient, ist spär­lich. Eben­so zu den El­tern. Ei­nen Ge­dan­ken, den er im­mer mit sich trägt: „Ich ha­be im­mer das Ge­fühl ge­habt, dass sie uns weg­ge­schickt ha­ben, weil es zu un­se­rem Bes­ten war.“Erst 1947 soll­te er sie wie­der se­hen. Der 17-Jäh­ri­ge kehrt mit ge­misch­ten Ge­füh­len nach Wi­en zu­rück – ei­ne Stadt, die er kaum wie­der­er­kennt, wo Men­schen ei­ne Spra­che spre­chen, die er nicht mehr ver­steht. Und vor El­tern steht, die den Krieg über­lebt ha­ben, aber sprach­los zu­rück­ge­blie­ben sind. Hans Me­n­as­se fin­det Halt im Fuß­ball, dort in­ter­es­siert man sich für sein Ta­lent, nicht für sei­ne Ge­schich­te – dar­über zu spre­chen, fiel ihm lan­ge schwer. Heu­te kann er es.

Hans Me­n­as­se (88) kam als Acht­jäh­ri­ger nach En­g­land und 1947 zu­rück nach Wi­en

Fo­to: Gam­ma-Keysto­ne/Get­ty Images Quel­len: Ar­chiv Is­rae­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de; Jü­di­sches Mu­se­um Ber­lin; Die Zeit

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