DIE SCHMER­ZEN WIR­KEN NACH

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON MARGARETHA KOPEINIG

Die Au­f­ar­bei­tung des Ho­lo­caust ließ lan­ge auf sich war­ten.

Min­des­tens 66.000 ös­ter­rei­chi­sche Ju­den wur­den er­mor­det, nur we­ni­ge über­leb­ten die Tö­tungs­ma­schi­ne­rie der flüch­te­ten. Die Au­f­ar­bei­tung des Ho­lo­caust ließ lan­ge auf sich war­ten.

KEIN ZU­RÜCK. Es dau­er­te nur we­ni­ge Stun­den: Be­reits am Tag der Anne­xi­on Ös­ter­reichs durch das Deut­sche Reich im März 1938 wur­den Jü­din­nen und Ju­den schi­ka­niert. Ju­den muss­ten ih­re Ar­beits­plät­ze ver­las­sen. „Ich durf­te nicht ein­mal mehr den Hör­saal be­tre­ten, ge­schwei­ge denn noch ei­ne Prü­fung ab­le­gen“, be­rich­tet ein ehe­ma­li­ger Jus­stu­dent der Uni­ver­si­tät Wi­en. Heu­te lebt er in New York, sei­nen Na­men­will er nicht in der Zei­tung le­sen. „Ich will mit al­lem nichts mehr zu tun ha­ben. Auch nicht mit Ös­ter­reich.“

Po­li­zis­ten mit Ha­ken­kreuz­bin­den am Arm trie­ben Ju­den durch Wi­en, plün­der­ten ih­re Woh­nun­gen und Ge­schäf­te und be­gan­nen mit der Ari­sie­rung. Ei­nen Hö­he­punkt er­reich­ten die­se Aus­schrei­tun­gen in der No­vem­ber­po­grom­nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938: Wie­ner Synagogen und Bet­häu­ser wur­den ver­nich­tet, ein­zig der Stadt­tem­pel konn­te we­gen sei­ner La­ge im Wohn­ge­biet nicht nie­der­ge­brannt wer­den. Mehr als 6000 Ju­den wur­den in die­ser Nacht ver­haf­tet und zum Groß­teil in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au ver­schleppt (Sei­ten 44/45).

ZWANG ZUR EMI­GRA­TI­ON. Die Nürn­ber­ger Ge­set­ze hat­ten ab Mai 1938 auch im be­setz­ten Ös­ter­reich Gül­tig­keit, ver­schärft durch zahl­lo­se an­ti­jü­di­sche Ver­ord­nun­gen. Ju­den wa­ren ge­zwun­gen, den Ju­den­stern zu tra­gen. Jü­di­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen und In­sti­tu­tio­nen, aus­ge­nom­men die Is­rae­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de, wur­den auf­ge­löst. Da­mit woll­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Ju­den zur Emi­gra­ti­on zwin­gen – mit Er­folg.

Un­ter Zu­rück­las­sung na­he­zu ih­res ge­sam­ten Ver­mö­gens, nach Be­zah­lung der Reichs­flucht­steu­er und mit fi­nan­zi­el­ler Un­ter­stüt­zung in­ter­na­tio­na­ler Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, ge­lang bis En­de 1941 mehr als 130.000 Ju­den die Flucht aus dem ehe­ma­li­gen Ös­ter­reich; da­von emi­grier­ten mehr als 30.000 in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Nach An­ga­ben des Do­ku­men­ta­ti­ons-ar­chi­ves des ös­ter­rei­chi­schen Wi­der­stan­des leb­ten vor dem Zwei­ten Welt­krieg rund 220.000 Jü­din­nen und Ju­den in Ös­ter­reich. Min­des­tens 66.000 wur­den er­mor­det. Nur we­ni­ge über­leb­ten die Tö­tungs­ma­schi­ne­rie der Na­zis, nicht be­stä­tig­te Zah­len ge­hen von rund 2000 Wie­ner Jü­din­nen und Ju­den aus, die die La­ger über­leb­ten und nach Wi­en zu­rück­ka­men. Vie­le von ih­nen lei­den bis heu­te un­ter dem Er­lit­te­nen (sie­he Ge­schich­te rechts).

WAHR­HEIT IM TRIVIALEN. Lan­ge Zeit wur­de in Ös­ter­reich nicht über den Ho­lo­caust ge­re­det, öf­fent­lich­keits­wirk­sa­me Aus­ein­an­der­set­zun­gen, wie 1978 in den USA – be­dingt durch ei­ne US-Fern­seh­se­rie über den Ho­lo­caust – fehl­ten in Ös­ter­reich. Die Ver­fol­gung und Er­mor­dung von Ju­den war hier­zu­lan­de kein The­ma der Na­ti­on. In Ame­ri­ka schaff­te die TV-Se­rie von

Na­zis und

tri­via­ler Mach­art, was Bü­chern, Do­ku­men­ta­tio­nen und Thea­ter­stü­cken nicht ge­lun­gen war: Die Ver­bre­chen an Ju­den so ins Bild zu set­zen, dass Mil­lio­nen Zu­se­her er­schüt­tert wur­den. Im Jän­ner 1979 wag­te es das öf­fent­lich­recht­li­che Fern­se­hen in Deutsch­land, die US-Se­rie Ho­lo­caust aus­zu­strah­len und das dun­kels­te Ka­pi­tel deut­scher Ge­schich­te noch­mals zu durch­leuch­ten. Mehr als 20 Mil­lio­nen sa­hen, was sie jah­re­lang aus der Er­in­ne­rung ver­drängt hat­ten: Das in­di­vi­du­el­le Dra­ma hin­ter de­mMas­sen­mord, die Schre­cken der End­lö­sung.

Im März 1979 zog der ORF nach. Soll­te man­die­se Se­rie nicht noch ein­mal in Ös­ter­reich zei­gen ? „Un­be­dingt“, sagt der His­to­ri­ker Wolf­gang Ma­dert­ha­ner.

Ju­den­hass: Schild aus dem Jahr 1939 im stei­ri­schen Gleis­dorf

Vor dem Ho­lo­caust leb­ten rund 220.000 Ju­den in Ös­ter­reich. 1938 be­gan­nen die Trans­por­te in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger

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