AN HIT­LER ZU­GRUN­DE GE­GAN­GEN

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON GE­ORG MAR­KUS

Pro­mi­nen­te Na­men, die das Drit­te Reich nicht über­leb­ten.

VON EI­NEM TAG ZUM AN­DE­REN. Sechs Mil­lio­nen Ju­den wur­den Op­fer des Ho­lo­caust oder in den Tod ge­trie­ben, un­ter ih­nen auch Pro­mi­nen­te wie der Schrift­stel­ler Ste­fan Zweig, die Ka­ba­ret­tis­ten Egon Frie­dell und Fritz Grün­baum oder der welt­be­rühm­te Te­nor Jo­seph Schmidt. Sie wur­den ab März 1938 von ei­nem Tag zum an­de­ren ver­folgt, ver­trie­ben und ver­nich­tet.

Egon Frie­dell war ein mit vie­len Ta­len­ten ge­seg­ne­ter Uni­ver­sal­ge­lehr­ter, der in so un­ter­schied­li­chen Be­ru­fen wie His­to­ri­ker, Schrift­stel­ler, Sa­ti­ri­ker und Schau­spie­ler tä­tig war. Durch sein Stan­dard­werk „Die Kul­tur­ge­schich­te der Neu­zeit“be­rühmt ge­wor­den, trat er auch im Thea­ter in der Jo­sef­stadt, bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len, in Ber­li­ner und Wie­ner Ka­ba­retts auf und war ei­ne über­aus po­pu­lä­re Er­schei­nung. Frie­dell wohn­te im drit­ten Stock des Hau­ses Gent­zgas­se 7 in Wi­en-Wäh­ring.

SA-MÄN­NER. Als am 16. März 1938 kurz nach 22 Uhr zwei SA-Män­ner an sei­ner Tür läu­te­ten, öff­ne­te sei­ne Haus­häl­te­rin Her­ma Kotab. Die Män­ner frag­ten: „Wohnt da der Jud Frie­dell?“Frau Kotab: „Wenn Sie Herrn Dok­tor Frie­dell mei­nen, der wohnt hier.“

Ei­ner der Män­ner zog ein Pa­pier aus der Ta­sche. „Wir ho­len ihn“, sag­te er, „es liegt ei­ne An­zei­ge vor.“

„Ei­ne An­zei­ge?“

„Er hat vomBal­kon aus auf ei­ne Ha­ken­kreuz­fah­ne ge­schos­sen.“Die An­schul­di­gung war na­tür­lich ei­ne Lü­ge – Egon Frie­dell be­saß kei­ne Schuss­waf­fe. Durch das Ge­spräch an der Woh­nungs­tür auf­ge­schreckt, er­schien Frie­dell, aus sei­ner Bi­b­lio­thek kom­mend, im Vor­zim­mer. Als er die SA-Män­ner sah, ver­lang­te er ei­ne Er­klä­rung. In die­sem Mo­ment eil­te Franz Kotab – Her­mas Ehe­mann, von ei­ner Ki­no­vors­tel- lung kom­mend – die Trep­pe her­auf. Die bei­den Män­ner dreh­ten sich ei­nen Au­gen­blick lang um.

Frie­dell wuss­te, was jetzt, vier Ta­ge nach dem „An­schluss“, auf ihn zu­kom­men wür­de. Er kann­te aus deut­schen Be­rich­ten die Exis­tenz von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern und hat­te ge­hört, wie mit den In­sas­sen dort um­ge­gan­gen wur­de.

„BIT­TE TRE­TEN SIE ZUR SEI­TE“. Der „la­chen­de Phi­lo­soph“, wie er in Wi­en ge­nannt wur­de, er­trug die Vor­stel­lung der Bru­ta­li­tät und der Er­nied­ri­gung nicht. Er nütz­te da­her den Au­gen­blick, in dem die SA-Män­ner sich im Stie­gen­haus von ihm ab­wand­ten. Frie­dell lief in sein Schlaf­zim­mer und öff­ne­te das Fens­ter. Er rief ei­ner vor­bei­kom­men­den Pas­san­tin die Wor­te „Bit­te tre­ten Sie zur Sei­te!“zu und sprang in die Tie­fe. Sein Kör­per blieb leb­los auf dem Trot­toir lie­gen.

KEI­NE ZEI­LE IN WI­EN. Frie­dells Tod wur­de in Pa­ris, Lon­don und Ne­wYork ge­mel­det, in den Wie­ner Zei­tun­gen je­doch mit kei­ner Zei­le. Auf sei­nem To­ten­schein stand: „Frie­dell, Selbst­mord durch Fens­ter­sturz.“

We­ni­ge Jah­re da­vor hat­te er noch in ei­nem Ka­ba­rett­auf­tritt op­ti­mis­tisch ge­reimt: „In der Welt geht’s drü­ber und drun­ter, aber Ös­ter­reich geht nicht un­ter.“

Nun ging das zur „Ost­mark“ver­kom­me Ös­ter­reich doch un­ter. Künst­ler und In­tel­lek­tu­el­le wur­den ver­trie­ben (sie­he Sei­ten 50 bis 53), rund 1700 Ju­den be­gin­gen schon in den ers­ten Ta­gen nach dem „An­schluss“Selbst­mord, an­de­re star­ben in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern.

Auch Paul Mor­gan war ein Ur­ge­stein des Wie­ner Un­ter­hal­tungs­ka­ba­retts. Er wur­de we­ni­ge Ta­ge nach dem „An- schluss“ver­haf­tet, ins KZ Dach­au und von dort nach Bu­chen­wald de­por­tiert, wo er am 10. De­zem­ber 1938 laut To­ten­schein an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung starb. Er war 52 Jah­re alt ge­wor­den. Sein Kol­le­ge, der hoch­ta­len­tier­te li­te­ra­ri­sche Ka­ba­rett­au­tor Ju­ra Soy­fer, ver­such­te die Flucht in die Schweiz, wur­de aber an der Gren­ze ver­haf­tet. Auch er ge­lang­te nach Bu­chen­wald, wo er am 16. Fe­bru­ar 1939 im Al­ter von 26 Jah­ren an Ty­phus starb.

Fritz Grün­baum, der „Kö­nig des Wie­ner Ka­ba­retts“, der einst mit Karl Far­kas in der Dop­pel­con­fé­rence glänz­te, er­lag am14. Jän­ner 1941 im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au, 60-jäh­rig, ei­ner „Herz­läh­mung“. Er hat­te sich frü­her selbst über sein Ab­le­ben lus­tig ge­macht, das in sei­ner Vor­stel­lung wohl ganz an­ders aus­sah: „Einst wenn ich satt hab die mensch­li­che Her­de/und wenn ich nichts Bess­res zu tun ha­ben wer­de/und schlecht werd ge­launt sein, weil’s drau­ßen wird reg­nen/wer­de ich ein­fach das Zeit­li­che seg­nen…/Und wie ich die Wie­ner schon kenn, die mich schät­zen, Werd’n sie na­tür­lich ein Denk­mal mir set­zen …“

ZI­GA­RET­TEN HO­LEN. Pe­ter Ham­mer­schlag, ein an­de­rer Ver­tre­ter des li­te­ra­ri­schen Ka­ba­retts, konn­te nach ei­nem miss­lun­ge­nen Flucht­ver­such in der Woh­nung des Kom­po­nis­ten Alex­an­der St­ein­bre­cher im drit­ten Be­zirk un­ter­tau­chen. Als er sie ver­ließ, um in ei­ner na­he ge­le­ge­nen Ta­bakt­ra­fik Zi­ga­ret­ten zu kau­fen, wur­de er fest­ge­nom­men und über The­re­si­en­stadt nach Au­schwitz trans­por­tiert, wo er 1942 im Al­ter von 40 Jah­ren er­mor­det wur­de. Das ge­naue Da­tum sei­nes To­des ist nicht be­kannt.

Ganz an­ders der Fall des Schrift­stel­lers Ste­fan Zweig, der recht­zei­tig

Pro­mi­nen­te ös­ter­rei­chi­sche Künst­ler wie Ste­fan Zweig, Fritz Grün­baum, Egon Frie­dell und Fritz Löh­ner-Be­da be­gin­gen Selbst­mord, wur­den in den Tod ge­trie­ben oder in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten er­mor­det.

flüch­ten konn­te, im Exil er­folg­reich war und im Ge­gen­satz zu an­de­ren Emi­gran­ten nicht um sei­ne Exis­tenz ban­gen muss­te. Und doch wur­de er in der Frem­de nicht glück­lich. Zweig ließ sich in Rio de Janei­ro nie­der, wo er 1941 sein gro­ßes Er­in­ne­rungs­buch „Die Welt von Ges­tern“schrieb, in dem er dem al­ten Ös­ter­reich sei­ne Re­ve­renz er­wies. An der Uni­ver­si­tät Wi­en wur­de „dem Ju­den Zweig“der­weil der Ti­tel „Dr. phil.“ab­er­kannt, sei­ne Wer­ke wur­den in der Hei­mat ver­brannt.

ABSCHIEDSBRIEFE. Trotz welt­wei­ter Er­fol­ge ver­schlech­ter­te sich Ste­fan Zweigs psy­chi­scher Zu­stand zu­se­hends. Er und sei­ne Frau Lot­te zo­gen nach Pe­tró­po­lis, ei­ner bra­si­lia­ni­schen Stadt, die er mit dem Ku­r­ort Sem­me­ring bei Wi­en ver­glich. Das Ehe­paar mie­te­te ei­nen klei­nen Bun­ga­low und litt un­ter der gro­ßen Ein­sam­keit. Am 21. Fe­bru­ar 1942 ging der einst so le­bens­fro­he Ste­fan Zweig auf das Post­amt in Pe­tró­po­lis, um meh­re­re Abschiedsbriefe ab­zu­schi­cken.

Als die Putz­frau zwei Ta­ge spä­ter den Bun­ga­low be­trat, wun­der­te sie sich, dass die Zweigs zur Mit­tags­stun­de noch nicht auf­ge­stan­den wa­ren. Am Nach­mit­tag hol­te sie ih­ren Mann und öff­ne­te mit ihm die Tür des Schlaf­zim­mers. Das Ehe­paar Zweig lag reg­los und voll­kom­men be­klei­det in sei­nem Bett. Bei­de sind, wie die ge­richts­me­di­zi­ni­sche Un­ter­su­chung er­gab, durch Ein­nah­me ei­ner Über­do­sis des Schlaf­mit­tels Ve­ro­nal ge­stor­ben.

Ste­fan Zweig konn­te „die Zer­stö­rung der geis­ti­gen Hei­mat Eu­ro­pa“nicht ver­win­den. Der Dich­ter wur­de mit sei­nem Schritt ein Sym­bol für die In­tel­lek­tu­el­len die­ser Zeit auf der Flucht vor der Ge­walt­herr­schaft.

IM KZ ER­SCHLA­GEN. Am 4. De­zem­ber 1942 wur­de der Schrift­stel­ler Fritz Löh­ner-Be­da im KZ Au­schwitz er­schla­gen. Der Li­bret­tist vie­ler LehárOpe­ret­ten („Das Land des Lä­chelns“, „Gi­udit­ta“) und Be­sit­zer der Schrat­tVil­la in Bad Ischl, war 59 Jah­re alt.

Als Emil Gey­er, der frü­he­re Di­rek­tor des Thea­ters in der Jo­sef­stadt, 1938 von Gesta­po-Leu­ten ver­haf­tet wur­de, be­müh­ten sich Schau­spie­ler wie Hans Mo­ser, Pau­la Wes­se­ly und At­ti­la Hör­bi­ger um sei­ne Ret­tung und brach­ten 30.000 Reichs­mark für sei­ne Frei­las­sung auf. Die Scher­gen steck­ten das Geld ein, de­por­tier­ten ihn aber den­noch ins KZ Maut­hau­sen, wo er am 12. Ok­to­ber 1942 er­schos­sen wur­de. Als „zwei­ter Ca­ru­so“wur­de der Te­nor Jo­seph Schmidt be­zeich­net, sei­ne Stim­me zähl­te zu den schöns­ten des 20. Jahr­hun­derts, durch ihn wur­den Me­lo­di­en wie „Heut ist der schöns­te Tag in mei­nem Le­ben“oder „Ein Lied geht um die Welt“zu Gas­sen­hau­ern. Der jü­di­sche Künst­ler irr­te nach dem „An­schluss“rast­los durch Eu­ro­pa, sei­ne für 1942 ge­plan­te Emi­gra­ti­on in die USA schei­ter­te, da ein Un­be­kann­ter Schmidts Bord­kar­te von Mar­seil­le nach New York ge­stoh­len hat­te und am Tag da­nach der Schiffs­ver­kehr über den At­lan­tik ein­ge­stellt wur­de.

FLUCHT IN DIE SCHWEIZ. Ver­zwei­felt trat der welt­be­rühm­te Sän­ger die Flucht in die Schweiz an, wo man ihn wie vie­le sei­ner Schick­sal­ge­nos­sen in ein In­ter­nie­rungs­la­ger steck­te. Der Fall Jo­seph Schmidt kann nicht ge­ra­de

als Ruh­mes­blatt für die neu­tra­le Schweiz an­ge­führt wer­den. Als der 38Jäh­ri­ge im La­ger über Herz­be­schwer­den klag­te, ver­wei­ger­te man ihm die ärzt­li­che Ver­sor­gung. Der Mann, dem einst Tau­sen­de Men­schen zu­ge­ju­belt hat­ten, er­lag am 15. No­vem­ber 1942 in ei­ner Gast­wirt­schaft in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des In­ter­nie­rungs­la­gers den Fol­gen ei­nes Herz­in­farkts.

Zwei Pro­mi­nen­te sind mit dem Le­ben da­von ge­kom­men, weil das „Tau­send­jäh­ri­ge Reich“für sie recht­zei­tig zu­sam­men­brach: der spä­te­re Bun­des- kanz­ler Leo­pold Figl als po­li­ti­scher „Ver­rä­ter“und der Schau­spie­ler Paul Hör­bi­ger, der ei­ne Wi­der­stands­grup­pe un­ter­stützt hat­te. Bei­de sa­ßen in den letz­ten Ta­gen des Hit­ler­re­gimes in ei­ner To­des­zel­le im Wie­ner Lan­des­ge­richt.

Sprang aus dem Fens­ter, als ihn SA-Män­ner ho­len woll­ten: der Schrift­stel­ler Egon Frie­dell

Paul Hör­bi­ger saß 1945 als Wi­der­stands­kämp­fer in ei­ner To­des­zel­le des Wie­ner Lan­des­ge­richts. Viel spä­ter be­such­te er die Zel­le noch ein­mal

Ste­fan Zweig und Ehe­frau be­gin­gen Selbst­mord, weil er „die Zer­stö­rung der geis­ti­gen Hei­mat Eu­ro­pa“nicht ver­win­den konn­te

Wur­de im KZ Au­schwitz er­schla­gen: Lehár-Li­bret­tist Fritz Löh­ner-Be­da

Er starb oh­ne ärzt­li­che Hil­fe in der Schweiz: der Sän­ger Jo­seph Schmidt

Tod im KZ Dach­au: der po­pu­lä­re Wie­ner Ka­ba­ret­tist Fritz Grün­baum

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