DIE AUS­WIR­KUN­GEN DES NS-KUNSTRAUBS

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON THO­MAS TRENKLER

Wie es kam, dass be­reits 32.000 Ob­jek­te re­sti­tu­iert wur­den.

1998 wur­de das Rück­ga­be­ge­setz be­schlos­sen. Seit­her re­sti­tu­ier­te Ös­ter­reich 32.000 Ob­jek­te,

„DIEBSGUT“. Am Ste­fa­ni­tag 1997 traf ei­ne Mel­dung ein, de­ren Trag­wei­te noch nie­mand rich­tig ab­zu­schät­zen ver­moch­te: Die „New York Ti­mes“hat­te be­rich­tet, dass zu­min­dest vier Bil­der von EgonSchie­le aus der Samm­lung von Ru­dolf Leo­pold, die im Mu­se­um of Mo­dern Art zu se­hen wa­ren, ei­ne „be­un­ru­hi­gen­de Ver­gan­gen­heit“hät­ten. Sie wä­ren ur­sprüng­lich im Be­sitz von Men­schen ge­we­sen, die vor dem NS-Re­gime flüch­ten muss­ten. Am 7. Jän­ner 1998, just als al­le Leih­ga­ben zu­rück nach Ös­ter­reich trans­por­tiert wer­den soll­ten, ließ Ro­bert Mor­gent­hau, Staats­an­walt in New York, das „Bild­nis Wal­ly“zu­sam­men mit ei­nem wei­te­ren Ge­mäl­de be­schlag­nah­men, weil sie im Ver­dacht stün­den, „Diebsgut“zu sein. In Wi­en setz­te dar­auf­hin ei­ne hek­ti­sche Pro­ve- nien­z­for­schung ein, an der sich auch Jour­na­lis­ten be­tei­lig­ten. Im Zu­ge der Re­cher­chen wur­de die Fra­ge laut, ob es nicht auch in den Samm­lun­gen der öf­fent­li­chen Hand Kunst­wer­ke ge­be, de­ren Her­kunft un­ge­klärt oder zwei­fel­haft ist. Die da­ma­li­ge Kul­tur­mi­nis­te­rin Eli­sa­beth Geh­rer (ÖVP) wies da­her am 13. Jän­ner die Di­rek­to­ren der Bun­des­mu­se­en an, die Her­kunft der Er­wer­bun­gen zu un­ter­su­chen. Doch schon bald ging es nicht mehr nur um die NS-Zeit. Denn es stell­te sich her­aus, dass die Re­pu­blik den Raub­zug der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in der Nach­kriegs­zeit fort­ge­setzt hat­te. Der in die USA ge­flüch­te­ten Fa­mi­lie Roth­schild zum Bei­spiel wa­ren die wert­volls­ten Ob­jek­te im Ge­gen­zug für ei­ne Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung der 1938 ent­eig­ne­ten Samm­lun­gen ab­ge­presst wor­den.

Es gab zwar Be­teue­run­gen, Rück­ga­ben „groß­zü­gig“zu hand­ha­ben, aber kei­ne le­gis­ti­sche Grund­la­ge. Was al­so tun? Am 19. Ju­ni brach­te das Li­be­ra­le Fo­rum ei­nen Ge­set­zes­an­trag ein, dem zu­fol­ge al­le „nach dem 12. März 1938 un­recht­mä­ßig oder auf­grund il­le­ga­ler Prak­ti­ken in Bun­des­be­sitz“ge­lang­ten Kun­st­ob­jek­te zu re­sti­tu­ie­ren wä­ren.

EINSTIMMIGER BE­SCHLUSS. Die­sen Druck schien es ge­braucht zu ha­ben: Wäh­rend der Fe­ri­en­mo­na­te er­stell­te die Gro­ße Ko­ali­ti­on in Zu­sam­men­ar­beit mit der Fi­nanz­pro­ku­ra­tur ei­nen ei­ge­nen, in­halt­lich ähn­li­chen Ent­wurf. Am 6. No­vem­ber be­schloss der Na­tio­nal­rat ein­stim­mig das „Bun­des­ge­setz zur Rück­ga­be von Kunst­ge­gen­stän­den aus den Ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­mu­se­en und Samm­lun-

dar­un­ter 6500 Bil­der. Aus­lö­ser war die Be­schlag­nah­me des „Bild­nis Wal­ly“.

gen“. Mit­te Fe­bru­ar 1999 gab Geh­rer be­kannt, dass die Fa­mi­lie Roth­schild sämt­li­che Kunst­wer­ke im Be­sitz des Bun­des zu­rück­er­hält, ins­ge­samt 250 Ob­jek­te, dar­un­ter drei Por­träts von Frans Hals. Der Groß­teil – Waf­fen, Por­zel­lan, Mö­bel, Gra­fi­ken und zehn Bil­der, ins­ge­samt 218 Ob­jek­te, – ge­lang­te am 8. Ju­li 1999 in Lon­don bei Chris­tie’s zur Ver­stei­ge­rung. Der Er­lös be­trug et­wa 88 Mil­lio­nen Eu­ro.

In den letz­ten 20 Jah­ren wur­den von der Re­pu­blik 32.000 Ob­jek­te re­sti­tu­iert: Bau­ern­tru­hen, Glas­fens­ter, Au­to­gra­fen, Fi­gu­ri­nen, Mu­sik­in­stru­men­te, Vo­gel­bäl­ger, Farb­di­as, ein Au­to und et­wa 6500 Bil­der – von wert­vol­len Ge­mäl­den wie der „Gol­de­nen Ade­le“von Gus­tav Klimt über Zeich­nun­gen und Aqua­rel­le bis hin zu Dru­cken. Ins­ge­samt ist die Zwi­schen- bi­lanz be­ein­dru­ckend. Rek­to­rin Eva Blim­lin­ger, stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Rück­ga­be­bei­ra­tes und wis­sen­schaft­li­che Lei­te­rin der Kom­mis­si­on für Pro­ve­ni­en­z­for­schung, stell­te An­fang 2018 im In­ter­view fest:„Das gibt es nir­gend­wo sonst. In Deutsch­land läuft die Kun­st­rück­ga­be mei­ner Mei­nung nach ziem­lich elend.“

KEIN SCHLUSS­STRICH. Den­noch: Die sys­te­ma­ti­sche Au­f­ar­bei­tung des NSKun­straubs ist noch im­mer nicht ab­ge­schlos­sen – un­d­wird es auch nie sein. „Weil uns zu ver­schie­de­nen Ob­jek­ten, die in der NS-Zeit in die Mu­se­en ge­kom­men sind, In­for­ma­tio­nen feh­len“, so Blim­lin­ger. „Sie könn­ten pro­ble­ma­tisch sein – und da­her kann es nur vor­läu­fi­ge Schluss­be­rich­te ge­ben.“Zu­dem kam es 2009 zu ei­ner No­vel­le des Ge­set­zes: „Bis da­hin wur­den nur Kunst­wer­ke zu­rück­ge­ge­ben, die un­ent­gelt­lich ins Bun­des­ei­gen­tum ge­kom­men wa­ren. Auf­grund un­ser Re­cher­chen wuss­ten wir aber, dass ei­ne Rück­ga­be auch bei An­käu­fen ge­recht­fer­tigt sein kann.“In der Fol­ge muss­ten Fäl­le neu auf­ge­rollt wer­den.

Wei­ter­hin nicht zur Re­sti­tu­ti­on ver­pflich­tet sind Pri­vat­per­so­nen oder Stif­tun­gen, dar­un­ter auch die Stif­tung Leo­pold. Sie lie­fer­te sich ei­nen un­er­bitt­li­chen, di­plo­ma­ti­sche Ver­wick­lun­gen her­auf­be­schwö­ren­den Rechts­streit um das „Bild­nis Wal­ly“. Erst im Ju­li 2010 kam es zur Ei­ni­gung zwi­schen der Stif­tung, die 19 Mil­lio­nen Dol­lar (14,8 Mil­lio­nen Eu­ro) zahl­te, und den Er­ben nach Lea Bon­dy-Ja­ray. Seit­her hängt das Schie­le­ge­mäl­de wie­der im Leo­pold Mu­se­um.

Der Rechts­streit um das „Bild­nis Wal­ly“dau­er­te zwölf Jah­re. Nach der Zah­lung von 19 Mil­lio­nen Dol­lar an die Er­ben von Lea Bon­dy-Ja­ray kam das Ge­mäl­de zu­rück nach Wi­en. Am 20. Au­gust 2010 prä­sen­tier­te Samm­ler­wit­we Eli­sa­beth Leo­pold die „Wal­ly“am...

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