„Er ver­hin­der­te, dass Hit­ler de­mo­kra­tisch an die Macht kam“

Hein­rich Schu­sch­nigg, Nef­fe des letz­ten Kanz­lers der Ers­ten Re­pu­blik , über die Ver­diens­te sei­nes On­kels

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - AUFBRUCH - – KON­RAD KRAMAR

Er er­in­nert sich bis heu­te ger­ne an die lan­gen Ge­sprä­che mit sei­nem On­kel Kurt Schu­sch­nigg und an des­sen über­schäu­men­den In­tel­lekt: Hein­rich Schu­sch­nigg, Ar­chi­tekt und Ver­wal­ter des Fa­mi­li­en­ar­chivs der Schu­sch­niggs, im KURIER-In­ter­view.

Wie se­hen Sie den Streit um die Rol­le Ih­res On­kels und den Ständestaat?

Hein­rich Schu­sch­nigg: Es ist er­staun­lich, dass ge­nau sei­ne Fi­gur bis heu­te so kon­tro­ver­si­ell dis­ku­tiert wird. Es wird wohl noch ei­ne Ge­ne­ra­ti­on dau­ern, bis das rein historisch be­trach­tet wird. Es hat aber kei­nen Sinn, die Prot­ago­nis­ten der Ge­schich­te un­ter heu­ti­gen Aspek­ten be­ur­tei­len zu wol­len.

Wie be­ur­tei­len Sie die po­li­ti­sche Hal­tung Ih­res On­kels?

Die Fa­mi­lie Schu­sch­nigg, das wa­ren die ty­pi­schen K.-u.-k.-Be­rufs­of­fi­zie­re bis zum En­de der Mon­ar­chie. Das We­sent­li­che an ih­rer Über­zeu­gung war der Glau­be an den über­na­tio­na­len Staat. Man hat das Na­tio­na­le ab­ge­lehnt, weil das der Grund der Zer­stö­rung des Habs­bur­ger­rei­ches war. Mon­ar­chie und De­mo­kra­tie ist ja kein Ge­gen­satz, wie man an Groß­bri­tan­ni­en sieht. Das hät­te auch in Ös­ter­reich ver­wirk­licht wer­den kön­nen, wenn die Ge­schich­te an­ders ver­lau­fen wä­re. Es gab die­se An­häng­lich­keit an das Herr­scher­haus in un­se­rer Fa­mi­lie.

Der Ständestaat gab sich bäu­er­lich, pro­vin­zi­ell. Wie ging Ihr On­kel Kurt da­mit um?

Es steck­te ja so viel Spie­ßig­keit in die­sem Sys­tem, die­se Blut-und-Bo­den­I­deo­lo­gie. Das lief mei­nem On­kel zu­wi­der. Das Pro­vin­zi­el­le aber kommt da­her, dass man na­tür­lich ver­zwei­felt ver­sucht hat, ein ös­ter­rei­chi­sches Na­tio­nal­be­wusst­sein auf­zu­bau­en. Nach dem En­de des Kai­ser­rei­ches ist Ös­ter­reich ja oh­ne Iden­ti­tät da­ge­stan­den. Da­her kam der An­schluss­ge­dan­ke an Deutsch­land, auch bei den So­zi­al­de­mo­kra­ten.

Wie hat er die Be­geg­nung mit Adolf Hit­ler er­lebt?

Mein On­kel traf Hit­ler nur ein ein­zi­ges Mal, das war in Berch­tes­ga­den, und das war der schlimms­te Tag sei­nes Le­bens. Das hat er da­mals ge­sagt. Mei­ne Mut­ter hat im­mer er­zählt, dass er weiß­haa­rig war, als er zu­rück­kam, mit 39 Jah­ren. Sei­ne Re­gie­rung dau­er­te ja nur vier Jah­re und das war von A bis Z ein ex­tre­mer Stress – von Be­ginn an ein Kampf um die Exis­tenz des Lan­des, in dem vol­len Be­wusst­sein, dass man ei­gent­lich kei­ne Chan­ce hat.

Wie sah er Mus­so­li­ni und des­sen Rol­le für Ös­ter­reich?

Ita­li­en als Schutz­macht, das war für ihn eben die ein­zi­ge Chan­ce. Mein On­kel hat Mus­so­li­ni per­sön­lich im­mer als ganz lä­cher­lich emp­fun­den. Das schreibt er so­gar noch in sei­nen Brie­fen aus dem KZ. Da lässt er sich über Mus­so­li­ni aus. Der war für ihn ei­gent­lich ein Kas­perl. Mein On­kel war Rechts­an­walt, er war über­zeugt, dass sich ein schwa­cher Staat an das in­ter­na­tio­na­le Recht klam­mern muss. Da­her hat Ös­ter­reich auf den Völ­ker­bund ge­setzt, doch der ist durch den An­griff Ita­li­ens auf Abes­si­ni­en zer­brö­selt, das war ein ekla­tan­ter Bruch des Ver­tra­ges, Abes­si­ni­en war ja Mit­glied des Völ­ker­bun­des. Ihm war be­wusst, dass Ös­ter­reich Ähn­li­ches droht, dass al­so Ita­li­en kei­ne wirk­li­che Schutz­macht ist. Es war ihm klar, dass Mus­so­li­ni frü­her oder spä­ter in die Hän­de Hit­lers fal­len wür­de.

Wie be­ur­tei­len Sie sein Ver­hal­ten vor dem An­schluss 1938?

Es ging beim Un­ter­gang der Ers­ten Re­pu­blik dar­um, vor al­ler Welt zu de­mons­trie­ren, dass das kein de­mo­kra­ti­scher Vor­gang war, dass Ös­ter­reich Teil Na­zi-Deutsch­lands wur­de, son­dern ein Akt der Ge­walt statt­fand. „Wir wei­chen der Ge­walt“war sein Satz. Er hat das be­wusst als Ver­tei­di­gung Ös­ter­reichs dar­zu­stel­len ver­sucht. Der An­schluss war für ihn die Ka­ta­stro­phe schlecht­hin, vie­le Ös­ter­rei­cher ha­ben sich das ganz an­ders vor­ge­stellt. Mein Va­ter und er wa­ren sehr eng. Bei­de ma­te­ri­ell völ­lig un­be­darft, Of­fi­ziers­söh­ne eben. Mein On­kel saß im KZ, voll­kom­men mit­tel­los. Von dort schrieb er ei­nen Brief, dass ihm die Wie­ner Stadt­wer­ke im­mer noch die Rech­nung von sei­ner Wie­ner Woh­nung schi­cken. Die Na­zis ha­ben über Jah­re nach sei­nen schwar­zen Kon­ten in der Schweiz ge­sucht. Die konn­ten sich nicht vor­stel­len, dass ein Mi­nis­ter nicht Mil­lio­när ist. Mein On­kel hat­te Di­enst­woh­nung, Di­enst­au­to und­ei­ne mi­ni­ma­le Ga­ge. Die Ge­häl­ter wa­ren lä­cher­lich. Es war al­so nichts da an pri­va­tem Ver­mö­gen, aber das war ihm wurscht.

Was bleibt aus Ih­rer Sicht das Ver­dienst Ih­res On­kels?

Sein Ver­dienst, das bleibt, ist die Tat­sa­che, dass Ös­ter­reich nicht ein­fach Klein-Bay­ern ge­wor­den ist, dass es ge­lun­gen ist, das Ös­ter­reich-Be­wusst­sein zu för­dern, auch wenn das un­voll­endet blieb. Nach 1945 ha­ben nur noch Nar­ren vom An­schluss ge­träumt. Er hat ver­hin­dert, dass Adolf Hit­ler auf de­mo­kra­ti­schem Weg in Ös­ter­reich an die Macht ge­kom­men ist, hat im März 1938 be­wie­sen, dass ei­ne Volks­ab­stim­mung für Hit­ler so ge­fähr­lich war, dass er so­fort die Ok­ku­pa­ti­on aus­lö­sen muss­te, weil er wuss­te, dass er die­se ver­lie­ren wür­de.

Hein­rich Schu­sch­nigg ver­wal­tet das Fa­mi­li­en­ar­chiv. Er hat Brie­fe sei­nes On­kels aus dem KZ ver­öf­fent­licht Wie war das Ver­hält­nis Ih­res Va­ters zu sei­nem Bru­der?

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