Lud­wig Mies van der Ro­he

Kurier Magazine - Architektur - - Inhalt - VON ANJA GE­RE­VI­NI

Der Mi­ni­ma­list un­ter den Ar­chi­tek­ten

Er gilt als Meis­ter der Schön­heit, als Mi­ni­ma­list, als­vor­rei­ter: Lud­wig­mies­van der Ro­he re­vo­lu­tio­nier­te die Bau­kunst, mach­te Funk­tio­na­li­tät sa­lon­fä­hig und si­cher­te der Ske­lett­bau­wei­se ih­ren fi­xen Platz in der Ar­chi­tek­tur.

Vier Wän­de, ein Sat­tel­dach, ei­ne Ein­gangs tü­re und Fens­ter mit Vor­hän­gen. Wennk in­der einh aus­zeich­nen, dann sieht es­so aus. Lan­ge Zeit ent­sprach das auch dem gän­gi­gen Bild. Doch dann wur­de ei­ne Vil­la ge­baut, die das äs­t­he­ti­sche Ver­ständ­nis der Ge­sell­schaft auf den Kopf stell­te. Es war ein Bun­ga­low, bei dem ku­bis- ti­sche For­men do­mi­nier­ten. Der Bau hat­te ein Flach­dach und die Wän­de wur­den von Glas­fron­ten do­mi­niert, die so­gar ver­senk­bar wa­ren. Für den Groß­teil der Be­völ­ke­rung war es un­ver­ständ­lich, wie man Woh­nen und da­mit Pri­vat­sphä­re so ein­seh­bar und öf­fent­lich ma­chen konn­te. Und doch wur­de ge­nau mit dem Haus ei­ne neue Ära­ein­ge­läu­tet. Heu­t­e­gilt­die­vil­lain Kre­feld als Syn­onym für ei­ne neue Ar­chi­tek­tur. Der ge­nia­le Kopf da­hin­ter war Lud­wig Mies van der Ro­he.

AUS DEM BAUCH HER­AUS.

Dass aus dem 16-Jäh­ri­gen, der da bei ei­nem gro­ßen Aa­che­ner Bau­un­ter­neh­men am Zei­chen­tisch saß und Stuck­or­na­men­te ent­warf, ei­ner der wich­tigs­ten Ar­chi­tek­ten der Mo­der­ne wer­den wür­de, konn­te nie­mand ah­nen. Ja, sein Zei­chen­ta­lent war be­reits an der Ge­wer­be­schu­le auf­ge­fal­len. Aber sonst hat­te sich Lud­wig Mies van der Ro­he nicht groß her­vor­ge­tan. Doch das soll­te sich bald än­dern. Nach drei Jah­ren in sei­ner Hei­mat­stadt zog es den 1886 als Sohn ei­nes St­ein­met­zes Ge­bo­re­nen in die sprich­wört­li­che große welt. Mies van der ro­he heu­er­te in Ber­lin bei ver­schie­de­nen Ar­chi­tek­ten

an .1905 ent­warf er erst­mal sein haus. Es ent­sprach op­tisch noch gänz­lich den An­sprü­chen der Zeit. Der ers­te Kei­ma­ber­war­ge­sät: Mies­van­der­ro­he hat­te kurz zu­vor ei­ne Aus­stel­lung mit Ar­bei­ten des Us-ame­ri­ka­ni­schen Ar­chi­tek­ten Frank Lloyd Wright ge­se­hen – und die­se be­ein­druck­te ihn nach­hal­tig. Den­noch soll­ten noch ein paar Jah­re ins Land ge­hen, be­vor er sei­nen ei­ge­nen Stil ent­wi­ckel­te. Da­bei ist das Wort Stil das, wo­ge­gen sich der Au­to­di­dakt wohl am ehes­ten ge­wehrt hät­te. Mies van der ro­he hat­te ho­he äs­t­he­ti­sche An­sprü­che, wie sich 1938 an sei­ner an­tritts­re­de als di­rek­tor der Ar­chi­tek­tur ab­tei­lung am Ar­mour In­sti­tu­te of Tech­no­lo­gy ab­le­sen lässt: „In ih­rer ein­fachs­ten Form wur­zelt Ar­chi­tek­tur in rein funk­tio­nel­len Über­le­gun­gen, doch kann sie durch al­le Wert­stu­fen hin­auf­grei­fen bis in die höchs­tes phä­re geis­ti­ger exis­tenz, in das reich der kunst “, sag teer. Und doch war ihm et­was an­de­res fast noch wich­ti­ger: die Kon­struk­ti­on. Sie führ­te ein da­sein im ver­bor­ge­nen, bis Mies van der Ro­he sie ans Licht hol­te.

ÖF­FENT­LICH GE­MACHT.

Ei­ne Zä­sur, die den Auf­bruch in die Mo­der­ne un­ter­stütz­te, ward er ers­te welt­krieg. Er sorg­te für ei­ne tie­fe Desil­lu­si­on in Eu­ro­pa, die selbst vor der Ar­chi­tek­tur nicht Halt mach­te. Rück­grif­fe auf die An­ti­ke, his­to­ri­sie­ren­de Ele­ment – all das schien nicht mehr an­ge­bracht zu sein. So wur­de die Idee, die Funk­ti­on über die Form zu stel­len, ge­bo­ren. Auch mies van der ro­he er­wärm­tes ich für die­sen Ge­dan­ken. „We­ni­ger ist mehr“ist sein be­kann­tes­ter aus­spruch, der sei­ne ein­stel­lung per­fekt wi­der­spie­gelt. Das Her­unt er­bre­chen­der Ar chi- tek­tur auf ih­re Funk­ti­on ver­folg­te die Bau­haus-be­we­gung rund um Wal­ter Gro­pi­us, der er an­ge­hör­te, aber ge­nau­so. Mit der – er­folg­lo­sen – Teil­nah­me an ei­nem Wett­be­werb aber zeig­te sich, in­wie­fern sich mies van der ro­he von ihr un­ter­schei­den soll­te. 1921 soll­te ei­ne bau lü­cke in­der fried­rich stra­ße in Ber­lin mit ei­nem Hoch­haus ge­schlos­sen wer­den. An­der­aus­schrei­bung be­tei­lig­te sich auch Mies van der Ro­he mit ei­ner Skiz­ze. Auf­grund ih­rer Un­ge­nau­ig­keit und an­geb­li­chen Nicht-um­setz­bar­keit kam sein Bei­trag nicht in die End­run­de. Den­noch gilt die­se skiz­ze als wich­tigs­tes Ge­dan­ken ge­bäu­de der Mo­der­ne: Sie zeigt ein Hoch­haus, das nur aus Glas zu be­ste­hen scheint. Tra­gen­de Wän­de sind nicht sicht­bar. Mög­lich wird dies durch säu­len im in­ne­ren, die dem Bau Halt ver­lei­hen. Wir

ver­dan­ken Mies van der Ro­he so­mit ei­ne struk­tu­rel­le Ar­chi­tek­tur, die kon­struk­ti­ve Ele­men­te mit ei­ner kla­ren Äs­t­he­tik ver­bin­det.

BEISPIELGEBENDE LÖ­SUNG.

Mies van der Ro­he war mit die­sem Ent­wurf der Zeit vor­aus. Und es war das ers­te Bei­spiels ei­ner be­rühm­ten Haut-un­dK­no­chen- ar­chi­tek­tur, auch als Ske­lett bau­wei­se be­zeich­net. Sie soll­te den Ar­chi­tek­ten sein Le­ben be­glei­ten. Zu­nächst be­schäf­tig­te er sich mit der un­sicht­ba­ren mo­der­nen Trag­struk­tur, die es ihm er­mög­li­chen soll­te, gan­ze Wän­de durch Glas­fron­ten zu er­set­zen, nur theo­re­tisch. Dann aber er­rich­te­te er den Bar­ce­lo­na Pa­vil­lon für die Welt­aus­stel­lung 1929 und bau­te das Haus Lan­ge und das Haus Es­ters so­wie die Vil­la Tu­gend­hat. Die­haut-und- Kno­chen-ar­chi­tek­tur fin­det ih­re Voll­en­dung in den USA. Mies van der Ro­he emi­grier­te 1933 und über­nahm ei­nen Lehr­stuhl am Ar­mour In­sti­tu­te in Chi­ca­go. Ers­te Auf­trä­ge folg­ten bald. Mit dem Bau groß­vo­lu­mi­ger Wohn­haus­an­la­gen und Hoch­häu­sern trieb er die Haut­und-kno­chen-ar­chi­tek­tur vor­an. Das 1958 fer­tig­ge­stell­te Se­agram Buil­ding in New York gilt als sein Meis­ter­werk, ob­wohl es nicht ganz so um­ge­setzt wer­den konn­te, wie es der Ar­chi­tekt ge­plant hat­te. Er woll­te, sei­nem Ide­al fol­gend, das Stahl­ske­lett des hoch­hau­ses sicht­bar­ma­chen, was die Bau­ord­nung ver­bat. Um ei­ne Be­ton­ver­scha­lung zu ver­hin­dern, setz­te er bron­ze­far­be­ne Trä­ger in die Fas­sa­de und ver­stärk­te die tra­gen­de Struk­tur im In­ne­ren mit Be­ton. Mit dem Se­agram Buil­ding präg­te Mies van der Ro­he die Äs­t­he­tik des Städ­te­baus im 20. Jahr­hun­dert. Den­noch wur­de sein werk nicht an­er­kannt. Den Kri­ti­kern ent­geg­ne­te der Ar­chi­tekt: „Man­che Leu­te sa­gen, was ich ma­che, sei kalt. Das ist lä­cher­lich. Man kann sa­gen, dass ein Glas Milch warm oder kalt ist. Aber nicht Ar­chi­tek­tur.“

zi­tiert:

„Mies van der Ro­he steht für ei­ne her­aus­ra­gen­de Ar­chi­tek­tur. Er ent­wi­ckel­te ei­ne ei­ge­ne Spra­che. Wenn du in et­was gut bist, schreibst du Pro­sa, aber wenn du sehr gut bist, dann wirst du zum Poe­ten.“

Phyl­lis Lam­bert. Ar­chi­tek­tin und Pla­ne­rin, die da­für sorg­te, dass Mies van der Ro­he das Se­agram Buil­ding in New York bau­en konn­te

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