Rem Kool­haas

Kurier Magazine - Architektur - - Inhalt - VON DOROTHE RAI­NER

Der große Den­ker und Theo­re­ti­ker

Kaum ein an­de­rer le­ben­der Ar­chi­tekt hat die Idee da­von, wie Ar­chi­tek­tur ent­steht und was sie be­wir­ken könn­te, so ver­än­dert wie der Nie­der­län­der Rem Kool­haas.

Es war ein Auf­trag, der das Le­ben al­ler Be­tei­lig­ten grund­le­gend ver­än­dert hat. Es geht um ein ver­lieb­tes Paar, das 1994 be­schloss, auf ei­nem Hü­gel in der Nä­he von Bor­deaux ein Haus mit ei­nem fan­tas­ti­schen Aus­blick auf ei­nen Fluss bau­en zu las­sen. Das Paar sprach meh­re­re be­kann­te Ar­chi­tek­ten an, dar­un­ter den Nie­der­län­der Rem Kool­haas. Noch wäh­rend der Pla­nungs­pha­se hat­te der Auf­trag­ge­ber ei­nen schwe­ren Au­to­un­fall und ist seit­her quer­schnitt­ge­lähmt. Ei­ner der be­auf­trag­ten Ar­chi­tek­ten schlug vor, den ur­sprüng­li­chen Bau­plan zu än­dern und ein eben­er­di­ges roll­stuhl­ge­rech­tes H aus­zu­bau­en–oh­ne Aus­sicht auf den fluss.Koolh aas hin­ge­gen blieb dem ur­sprüng­li­chen Ent­wurf treu, er mo­di­fi­zier­te ihn nur. Er ent­warf ei­ne zim­mer­gro­ße Platt­form auf ei­ner He­be­büh­ne, die durch meh­re­re Eta­gen Hau­ses fah­ren kann. Der Haus­herr konn­te sich dank die­ser mit dem roll­stuhl selbst­stän­dig fort­be­we­gen und die Aus­sicht blieb er­hal­ten. Kool­haas be­kam den Zu­schlag und er bau­te das „Haus bei Bor­deaux“, das auch zum syn­onym für sei­nen ei­ge­nen Zu­gang zur Ar­chi­tek­tur wur­de – ana­ly­tisch, mes­ser­scharf und schein­bar un­mo­ra­lisch.

ALLESTHEORIE.

Rem­kool­haas­wur­de 1944 in rot­terd am ge­bo­ren und ar­bei­te­te vie­le Jah­re als Jour­na­list und Dreh­buch­au­tor, be­vor er sich da­für ent­schied, die Bran­che zu wech­seln. „Ich hat­te das ge­fühl, dass das be­rufs­feld des Ar­chi­tek­ten seit 3000 Jah­ren kaum ver­än­dert wor­den war und nie von in­nen mo­der­ni­siert wur­de – das woll­te ich än­dern“, so die Kampf­an­sa­ge des mitt­ler­wei­le zum Star-ar­chi­tekt auf­ge­stie­ge­ne Kool­haas. Sein Stu­di­um ab­sol­vier­te er in Lon­don und New York und 1975 grün­de­te er das Ar­chi­tek­tur­bü­ro „Of­fice for Me­tro­po­li­tan Ar­chi­tec­tu­re“, kurz OMA. Dass Kool­haas an­ders tickt als sei­ne Kol­le­gen, zeigt sich nicht zu­letzt dar­in, dass sein ers­tes be­deu­ten­des werk kein Ge­bäu­de, son­dern ein Buch war. Un­ter dem Ti­tel „De­li­rious New York“ver­öf­fent­lich­te er 1978 ei­ne Ana­ly­se der Aus­wir­kun­gen groß­städ­ti­scher kul­tur auf die ar­chi­tek­tur und be­grün­de­te da­mit sei­nen Ruf als bau­künst­le­ri­scher Vor­den­ker .„ Die eu­ro­päi­sche Ar­chi­tek­tur des 20. Jahr­hun­derts ist ein berg von ma­ni­fes­ten oh­ne Be­weis“, schreibt Kool­haas: „New York da­ge­gen ist ein Berg von Be­wei­sen oh­ne Ma­ni­fest.“In die­se Lü­cke stürz­te sich der da­mals 34- jäh­ri­ge und ent­warf für Man­hat­tan ei­ne Ent­ste­hungs­ge­schich­te, in­der die Stadt zum Na­tur­schau­spiel wird: „Denn nur, wo sich die Kräf­te un­kon­trol­liert stau­en, drän­gen, mi­schen, da ent­steht Stadt.“1995 ver­öf­fent­lich­te er dann sei­ne um­fas­sen­de Ge­gen­wart sana­ly­se„S,M,L, XL“. Das über 1300 sei­ten star­ke ma­ni­fest ver­sam­melt ei­ne Mi­schung von Es­says, aka­de­mi­schen Ab­hand­lun­gen, Skiz­zen und Fo­tos aus 20 Jah­ren. Sein drit­tes theo­re­ti­sches Werk ist der „Har­vard De­sign School Gui­de to Shop­ping“, in dem sich auch Kool­haas Ge­dan­ken zu „Junk­space“fin­den. Mit die­ser Wort­schöp­fung – Ram­schRaum – be­schreibt er mo­der­ne Städ­te. „Das ge­bau­te pro­dukt der mo­der­ni­sie­rung ist nicht mo­der­ne Ar­chi­tek­tur, son­dern Junk­space“, so Kool­haas.

VERTIKALESTÄDTE.

Sei­ne­al­ter­na­ti­ve zu den aus­ufern­den Me­tro­po­len, de­ren Kern aus re­stau­rier­ten Alt­städ­ten und aus öden Ein­kaufs­zen­tren am Stadt­rand be­steht, sind Hoch­häu­ser. Al­ler­dings sind sei­ne kei­ner echt­ecki­gen blö­cke, son­dern viel­mehr ge­bäu­de mit un­ge­wöhn­li­chen For­men, die sich nach oben ver­brei­tern und de-

„Wir su­chen nach ei­ner neu­en Ar­chi­tek­tur, die we­ni­ger kom­plex und ex­trem ist. So pla­nen wir et­wa in Lon­don ein Ge­bäu­de, das ne­ben den skulp­tu­ra­len Bü­ro­häu­sern von Fos­ter und Pia­no ganz un­auf­fäl­lig wirkt, be­schei­den und zu­rück­hal­tend und ge­nau da­durch ei­ne be­son­de­re At­trak­ti­on be­kommt.“ Rem Kool­haas, Star- Ar­chi­tekt

ren Stock­wer­ke von ver­schie­de­nen Ebe­nen ein­seh­bar sind. Viel Glas soll die Düs­ter­keit neh­men, Parks und Frei­zeit ein­rich­tun­gen auch in den obe­ren Stock­wer­ken sol­len öf­fent­li­chen Raum und ein Stadt­ge­fühl bie­ten. Die­se Idee hat Kool­haas mit dem mo­nu­men­ta­len ge­bäu­de­kom­plex„ de Rot­ter­dam“be­reits zu rea­li­sie­ren be­gon­nen.

VI­SIO­NEN.

Rem Kool­haas ist un­be­strit­ten ei­ne Ko­ry­phäe der Ar­chi­tek­tur­sze­ne und wird von vie­len Fach­kri­ti­kern auch als Vi­sio­när be­zeich­net. Mit sei­nem Bü­ro OMA plant und rea­li­sier­ter pro­jek­te al­ler grö­ße nord nun- geni­n­eu­ro­pa, Ame­ri­kaun­da­si­en. Zu den be­deu­tends­ten Bau­wer­ken ge­hö­ren un­ter an­de­rem die Se­at­tle Cen­tral Li­bra­ry, wo Kool­haas den kon­ven­tio­nel­len Hül­len ein zwölf­ge­scho­ßi­ges Glas­pris­ma ent­ge­gen­setzt, die Vil­la Dall’ava in Saint-claud als Bei­spiel avant­gar­dis­ti­scher Ar­chi­tek­tur und die fan­tas­tisch Ca­sa da Mu­si­ca in Por­to, die vom Grund­riss her ein Ein­fa­mi­li­en­haus ist.

GIGANTOMANIE.

Kool­haas Hand­schrift trägt aber auch das gi­gan­ti­sche „Sen­de­ge­bäu­de des chi­ne­si­schen Staats­fern­se­hens“(CCTV). Es ist ei­ne aber­wit­zi­ge Kon­struk­ti­on, die seit 2012 die Sky­line von Pe­king mit­be­stimmt. Der Bau – mit 470.000 Qua­drat­me­tern Ge­samt­flä­che ist es das welt­weit zweit­größ­te Bü­ro­ge­bäu­de –, der durch ein rhom­bi­sches Loch den Blick auf das Häu­ser­meer der Stadt frei­gibt, er­in­nert an ein­enge­knick­ten bild­schirm in­250m et er­hö­he .„ Die Un­ter­ho­se“nen­nen­diePe­kin­ger die­sur rea­lis­tisch an­mu­ten­den Tür­me. Kri­ti­siert wur­de­koolh aas von Kol­le­gen we­ni­ger für die Kon­struk­ti­on als da­für, für ei­nen to­ta­li­tä­ren Staat ei­nen Mo­nu­men­tal­bau zu er­rich­ten. Doch der Hol­län­der ist um ei­nen Kon­ter nicht ver­le­gen und ant­wor­tet sei­nen Kri­ti­kern via Die Zeit-

In­ter­view da­mit, dass der wes­ten auf­hö­ren müs­se„ so zu­tun, als be­sä­ße er die­welt­he­ge­mo­nie. Im­mo­men­ter­le­ben wir ei­ne dras­ti­sche Ver­schie­bung, die Kräf­te ver­la­gern sich nach Chi­na, nach Süd­ost­asi­en und in den ara­bi­schen Raum.“Und er selbst möch­te ei­nen Teil zur die­ser Ent­wick­lung bei­tra­gen. Ne­ben sei­nem ge­stal­te­ri­schen, stadt­pla­ne­ri­schen und ar­chi­tek­tur theo­re­ti­schen Schaf­fen is­tRe­mKoolh aas als Pro­fes­sor an der Har­vard Uni­ver­si­ty tä­tig. Dort be­treibt er mit sei­nen Stu­den­ten ak­ti­ve For­schung im Hin­blick auf zeit­ge­nös­si­sche Städ­te und ih­re kul­tu­rel­len As­pek­te. Mit sei­nem OMA-TEAM ist er auf der Su­che nach der neu­en Ar­chi­tek­tur, die we­ni­ger kom­plex und we­ni­ger ex­trem sein soll. So ist der Haupt­sitz sei­nes Bü­ro in ei­ne­mun schein­ba­ren Sech­zi­ger jah­rebau am Rot­ter­da­mer Haupt­bahn­hof. Die 200 an­ge­stell­ten ar­bei­ten an aber an groß pro­jek­ten auf der gan­ze welt, ak­tu­ell auch am ver­lags ge­bäu­de axel Sprin­ger in Ber­lin. Kool­haas selbst mag es be­schei­den, er lebt auf 40 Qua­drat­me­tern, mehr be­an­spruch­ter für sich selbst nicht: „Das bie­tet ma­xi­ma­le Kon­zen­tra­ti­on. Ich bin nicht der ty­pi­sche Samm­ler und be­sit­ze nicht vie­le din­ge. Al­so gibt es kei­nen be­darf für mehr Raum.“

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