Nor­man Fos­ter

Kurier Magazine - Architektur - - Inhalt - VON BAR­BA­RA STIEGER

Ge­bäu­de, die re­si­die­ren und nicht nur da­ste­hen

Seit Mit­te der 70er -Jah­re zählt der Bri­te Nor­man Fos­ter welt­weit zu den ge­frag­tes­ten Ar­chi­tek­ten der Ge­gen­wart. Bei­na­he in je­der Me­tro­po­le steht zu­min­dest ein Bau­werk des Aus­nah­me­ta­l­ents. Be­vor­zug­te The­men: In­fra­struk­tur & Nach­hal­tig­keit.

Ein­mal Schla­raf­fen­land und zu­rück. Welt­weit kann sich kaum ein Ar­chi­tekt so aus­to­ben wie der 83-jäh­ri­ge Sir Nor­man Fos­ter. Auf sei­nem Spei­se plan: halb lon­don und auf­trä­ge in den größ­ten Me­tro­po­len welt­weit. In­klu­si­ve Groß­pro­jek­te wie dem In­ter­na­tio­nal Air­port in Hong Kong, ei­nem der größ­ten und fort­schritt­lichs­ten Flug­hä­fen der Welt.

DIE DNA DER STADT.

Die Er­folgs ge­schich­te des Bri­ten ist ei­gent­lich ei­ne ame­ri­ka­ni­sche. 1935 in Man­ches­ter als Sohn ei­ner Ar­bei­ter­fa­mi­lie ge­bo­ren, jobb­te er als Tür­ste­her, Eis- ver­käu­fer und Bä­cker­ge­hil­fe, um sich sein Stu­di­um an derSchoo­lof Ar chi­tec­tu­reand ci­ty plan­ningd er uni­ver­si­tät von Man­ches­ter zu fi­nan­zie­ren. Ein Sti­pen­di­um er­mög­lich­te ihm da­nach den Be­such der Ya­le School of Ar tand ar chi­tec­tu­re. Un­zäh­li­ge bau­pro­jek­te, Aus­zeich­nun­gen und ei­nen Rit­ter­schlag der Queen spä­ter ist der Ar­chi­tekt be­reits zu sei­nen Leb­zei­ten zur Le­gen­de ge­wor­den. Nor­man Fos­ter, der Herr über Glas und Stahl, der die­se Werk­stof­fe wie kein zwei­ter im rah­men der ar­chi­tek­tur ein­setzt und da­mit vor al­lem die bri­ti­sche ar­chi­tek­tur sze­ne nach­hal­tig be­ein­flusst. Nor­man Fos­ter der Star­Ar­chi­tekt, der Stadt-ar­chi­tekt, der Ge­bäu­de­ver­ste­her. Er plant, kund­schaf­te­taus, pass­tan, füg­t­ein. Durch­denkt, was ei­ne Stadt, ein Vier­tel, ein Are­al braucht, auf dem ein neu­es, sein neu­es Ge­bäu­de ent­ste­hen wird. „Die In­fra­struk­tur ist un­glaub­lich wich­tig, sie ist die DNA ei­ner Stadt, das ist Ur­ba­ni­sa­ti­on“, sag­te er in sei­nem Vor­trag bei Ar­chi­tec­tu­re on Sta­ge im April 2018. Auch, dass es manch­mal schwie­rig sei, In­fra­struk­tur und Ar­chi­tek­tur zu tren­nen. Die Mill­en­ni­um Bridge sei ein ge­lun­ge­nes Bei­spiel. „Vom Stand­punkt der Brü­cke

zi­tiert:

„ Als Ar­chi­tekt de­signt man für die Ge­gen­wart, mit dem Be­wusst­sein der Ver­gan­gen­heit und für ei­ne Zu­kunft, die im We­sent­li­chen noch un­be­kannt ist.“

Nor­man Fos­ter über Funk­ti­on und Auf­ga­be von Ar­chi­tek­tur

aus ist die In­fra­struk­tur über der Au­gen­hö­he, so­dass sie we­der in die Blick­ach­se zur St. Pauls Ca­the­dral, noch in die der Ta­te Gal­le­ry auf der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te ein­greift “, so Fos­ter. Und ir­gend­wie ist der Ar­chi­tekt und Ver­tre­ter der Mo­der­ne auch ein Brü­cken­bau­er zwi­schen den Jahr­hun­der­ten. Als er mit 16 Jah­ren die Schu­le ver­ließ, war es das neu­go­tisch ge­präg­te Hou­ses of Par­li­a­ment, das sei­ne Lei­den­schaft für Ar­chi­tek­tur ent­fach­te. Als er 1956 im drit­ten Jahr sei­nes Ar­chi­tek­tur stu­di­ums an der Uni ver­si­ty­of Man­ches­ter in Groß­bri­tan­ni­en weilt, reis­te er viel. Vor al­lem nach Eu­ro­pa. Dort stu­dier­te er die al­ten Ge­bäu­de, war fas­zi­niert von ih­nen. Vor al­lem weck­ten auch die öf­fent­li­chen plät­ze, auf de­nen sie ste­hen, früh sein In­ter­es­se. Er ent­wi­ckel­te ei­ne re­gel­rech­te be­geis­te­rung da­für, zeich­ne­te, stu­dier­te und ver­maß die Flä­chen, was nach ei­ge­ner Aus­sa­ge sei­ne Ar­beit maß­geb­lich be­ein­fluss­te. Wahr­schein­lich ste­hen sei­ne ge­bäu­de des­halb„ nicht nur da “, son­dern re­si­die­ren ge­ra­de­zu an ih­ren Plät­zen. Wie das Lon­do­ner rat­haus. Sei­ne form er­in­nert an ein ein­ge­drück­tes ei und war ge­gen­stand vie­lerKon­tro ver­sen un­terGeg- nern mo­der­ner Ar­chi­tek­tur. Für die An­hän­ger fügt es sich per­fekt in das um­lie­gen­de Sze­na­rio ein, schmiegt sich ge­ra­de­zu an das ufer dert he mse. Doch nicht nur in „Good old Bri­tain“sor­gen die Bau­wer­ke des Ar­chi­tek­ten für Ge­sprächs­stoff. Ne­ben ei­ner Viel­zahl in­ter­na­tio­na­ler pro­jek­te hat norm an Fos­ter auch in Deutsch­land ei­ne Rei­he von Ge­bäu­den ent­wor­fen. Hier ha­te rauch 1999 den re­nom­mi er tes­ten Preis der Sze­ne, den Pritz­ker-preis, ent­ge­gen­ge­nom­men.

NACH­HAL­TIG.

War­um es ihn im­mer wie­der nach Deutsch­land zieht,

sind nicht nur die von ihm er­wähn­ten Geis­tes­ver­wandt schaf­ten zu Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen ar­chi­tek­turund de­sign- ge­schich­te, son­dern auch per­sön­li­che freund schaf­ten. Et­wa mit dem Gra­fik de­si­gnerOt­lAic her, des­sen gra­fik-und de­sign re­geln er oft für sei­ne plan darstel­lun­gen ver­wen­de­te– mög­li­cher­wei­se auch für die Er­stel­lung der Reichs­tags­kup­pel in Ber­lin. Mit ihr schenk­te­fo st er­den deut­schen das Sinn­bild ih­res wie­der­ver­ein­ten Lan­des. Zwar hat­te der ar­chi­tekt grö­ße­re plä­ne für die um­ge­stal­tung, die­se wa­ren je­doch für den „Spar­kurs“der Bun­des­re­gie­rung doch et­was zu üp­pig. Üb­rig blieb ei­ne glä­ser­ne kup­pel, mit der­fos­te re­ben falls ei­neb rü­cke in die Ver­gan­gen­heit schlug. Beim ur­sprüng­li­chen Reichs­tag kom­bi­nier­te der han­deln­de Ar­chi­tekt Paul Wal­lot in der Fas­sa­de Ele­men­te aus Re­nais-

Fak­ten­check

Wuss­ten Sie, dass …

… High­tech-ar­chi­tek­tur, auch spät­mo­der­ne Ar­chi­tek­tur oder struk­tu­rel­ler Ex­pres­sio­nis­mus ge­nannt, ein tech­nisch be­stimm­ter Stil ist, der in den 70er-jah­ren durch den Ein­satz von Glas und Stahl auf­kam?

sance, Ba­rock und Klas­si­zis­mus. Als mo­der­nes ele­ment kam ei­ne knapp 60 Me­ter ho­he kup­pel hin­zu. Im zwei­ten Welt­krieg wur­de sie so stark be­schä­digt, dass sie aus Si­cher­heits­grün­den

ge­sprengt wer­den muss­te. Nun thront sie er­neut als mo­der­ne Glas-stahlKon­struk­ti­on über dem Ge­bäu­de.

AUSSENSICHT.

Der bri­ti­sche Ar­chi­tekt Ian Rit­chie, der zu­sam­men mit Fos­ter in der Ju­ry des Kunst­preis Ber­lin 2018 saß, hat mit Fos­ter an zwei Pro­jek­ten ge­ar­bei­tet, dem Wil­lis F aber& Du­ma sO ffice­buil ding in­Ips­wic hund dem sa ins­bu­ryc ent­re fort he Art­sinn­or­wich. Wa­sera­nih­m­be­son­ders schätzt, ist un­ter an­de­rem sei­ne Fle­xi­bi­li­tät .„ ich ha­be gro­ßen re­spekt vorsei­ne­r­ener­gie, sei­nem­de­si­gnund sei­nem An­trieb, im­mer das Bes­te im Zu­ges ei­ner ar­chi­tek­to­nisc he nSpra- che um­zu­set­zen. Auch da­vor, dass er sich nicht scheut, sei­ne mei­nung zu än­dern, auch wenn sich das Pro­jekt be­reits in ei­nem fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um be­fin­det .“Vor al­lem bei der Au­ßen­ge­stal­tung der Ge­bäu­de ha­be er ein neu­es Be­wusst­sein in­iti­iert und da­mit auch ei­ne neue ver­ant­wor­tung für die fas­sa­den­ge­stal­tung. Nach­hal­tig­keit steht da­bei im vor­der­grund. Bei­der ci­ty hall in lon­don et­wa hatf ost er die son­nen­ein­strah­lung auf die Ober­flä­che mi­ni­miert und die be­schat­tung ma­xi­miert. Der Bü­ro­turm der Com­merz­bank in Frank­furt nutzt das zen­tra­le Atri­um als na­tür­li­chen Lüf­tungs­schacht, ei­ne dop­pel­te Au­ßen­fas­sa­de macht die Frisch luft­zu­fuhr beim Lüf­ten mög­lich. So­larz el­len zur nut­zung von son­nen­licht ver­pack­ter kunst­voll und hat da­mit neue Maß­stä­be ge­setzt. Seit 2013 gab es ei­ne ei­ge­ne Aus­zeich­nung. Der So­lar­preis war lan­ge Zeit ei­ne Leis­tungs­schau der tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten.Al sei­ne derKa­te­go­ri en­des sol ar prei­ses setzt der norm an F ost er so­la­ra ward des­halb den fo­kus nach­hal­ti­ge Ge­bäu­de.

AB­GE­HO­BEN.

Vor al­lem auch auf die „in­ne­ren Wer­te“kam es bei der Gestal­tung des Hong Kong In­ter­na­tio­nal Air­port an. Ne­ben Pro­jek­ten

wie der Öko­stadt Mas­dar Ci­ty in Abu Dha­bi, die durch die Fi­nanz­kri­se der Jah­re nach 2008 nicht so recht in die Gän­ge­kom­men­will, bis­her­das­größ­te Pro­jekt info st ers kar­rie­re. Im­mer­hin hat­te der Flug­ha­fen 2017 ein Pas­sa­gier auf­kom­men von 72,8 Mil­lio­nen und ist da­mit nach Pe­king der zweit­größ­te flug­ha­fen chi­nas. Der­air­port ist die größ­te Bau­maß­nah­me in der Ge­schich­te des Lan­des und hat ins­ge­samt rund acht Mil­li­ar­den Us-dol­lar ver­schlun­gen. Drei­ein­halb Ki­lo­me­ter lang spannt sich das neue Wahr­zei­chen der Stadt zwi­schen In­sel und Fest­land. Im Ter­mi­nal selbst pen­delt ei­ne fah­rer lo­se Bahn zwi­schen Che­ckin und den­ga­tes.Pas sa gie­re kom­men auf ins­ge­samt 48 Laufb än­dern­den­noch zü­gig vor­an. Un­glaub­li­che zwei­ein­halb Ki­lo­me­ter reicht der Weg vom ei­nen bis zum an­de­ren En­de des Ge­län­des. Die ver­kehrs an­bin­dung an das 34 Ki­lo­me­ter ent­fern­te Hong­kong wur­de durch die Ein­bet­tung des Flug­ha­fen­baus in ein 12 Mil­li­ar­den Us-dol­lar teu­res In­fra­struk­tur pro­gramm um­ge­setzt. Den­noch kom­men Pas­sa­gie­re hier schnell vor­an – herrscht Trans­pa­renz statt Flug­ha­fen­cha­os. Denn wie sich der Mensch in sei­ner Ar­chi­tek­tur zu­recht fin­det, ist für den Star-ar­chi­tek­ten und De­si­gner im­mer obers­te Prä­mis­se ge­we­sen. Norm an Fos­ter, der Ge­bäu­de­ver­ste­her und viel­leicht so­gar der men­schen­ver­steh er. Auf je­den fall aber norm an Fos­ter, der Über­flie­ger.

Sin­ga­pur: Beach Road Hou­seZwi­schen Ma­ri­na Cen­ter und Ci­vic District ra­gen die bei­den Beach Road Hou­ses je­weil­s182me­ter­in­de­n­asia­ti­schen­him­mel. Auf bei­den Ge­bäu­den be­fin­den sich Dach­gär­ten mit un­ein­ge­schränk­tem Aus­blick. In den Ge­bäu­den be­fin­den sich ver­schie­de­ne Fir­men, ein Ho­tel und Ap­par­te­ments.

Süd­frank­reich: Via­duc de Mil­lauDie Brü­cke wird von sie­ben Be­ton­säu­len ge­tra­gen und schwebt in 270 Me­tern Hö­he über dem Tal des Flus­ses Tarn. Da­bei ver­bin­det sie nicht nur die Ho­ch­ebe­nen Causse Rouge und Causse du Lar­z­ac mit­ein­an­der, son­dern stellt auch die Ver­kehrs­ver­bin­dung zwi­schen Cler­mont-fer­rand und Bé­ziers, zwi­schen Pa­ris und Bar­ce­lo­na und letzt­end­lich zwi­schen Nord­eu­ro­pa und der Ibe­ri­schen Halb­in­sel her. Ge­samt­län­ge: 2460 Me­ter.

War­schau: Me­tro­po­li­tanDer Bü­ro­kom­plex Me­tro­po­li­tan gleich ne­ben dem Na­tio­nal­thea­ter am Pil­suds­kiPlatz ist ein sechs­ge­scho­ßi­ges Ge­bäu­de und er­streckt sich um ei­nen kreis­för­mi­gen In­nen­hof von 50 Me­tern Durch­mes­ser. Das Erd­ge­schoß ist zu gro­ßen Tei­len der Nut­zung durch Fir­men und Re­stau­rants vor­be­hal­ten. Die­aus­der­glas­front­senk­recht her­aus­ra­gen­den Be­ton­ta­feln die­nen un­ter an­de­rem als Son­nen­schutz.

Ka­sachs­tan: Py­ra­mi­de des Frie­dens und der Ein­trachtSie ist ei­ne ziem­lich un­ge­wöhn­li­che Er­schei­nung in der asia­ti­schen Step­pe. Die Py­ra­mi­de ist „der Ab­kehr von der Ge­walt“und der „Ver­ei­ni­gung der Welt­re­li­gio­nen“ge­weiht. Nor­man Fos­ter wähl­te die­se Form, weil sie kei­ne er­kenn­ba­ren re­li­giö­sen Sym­bo­le auf­wei­se, um da­durch die har­mo­ni­sche Wie­der­ver­ei­ni­gungder­be­kennt­nis­se­zu­ge­währ­leis­ten.

Schanghai: Bund Fi­nan­ce Cen­terDas Ge­bäu­de ist ein wah­res Cha­mä­le­on und wech­selt je nach Blick­win­kel sein Aus­se­hen. In drei La­gen fließt die Fas­sa­de um das Haus her­um. De­si­gned wur­de es von Fos­ter + Part­ners and Hea­ther­wick Stu­dio. Hand­ge­fer­tig­ter Stein und bron­ze­far­be­ne De­tails sor­gen für ei­ne so­li­de Ba­sis und Trans­pa­renz in der Hö­he.

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