DAS LETZ­TE AU­TO DES LETZ­TEN KAI­SERS

Kai­ser Karl stell­te sei­nen Hof­wa­gen in den letz­ten Ta­gen der Mon­ar­chie dem So­zi­al­de­mo­kra­ten Vic­tor Ad­ler zur

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON GE­ORG MAR­KUS

War­um Kai­ser Karl sei­nen Wa­gen Vic­tor Ad­ler über­ließ.

NO­VEM­BER 1918. Die Ge­schich­te er­eig­ne­te sich in den letz­ten Ta­gen der Do­nau­mon­ar­chie im No­vem­ber 1918. Vic­tor Ad­ler, der Füh­rer der ös­ter­rei­chi­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie, litt an Herz­schwä­che, Asth­ma und Was­ser­sucht, sei­ne an­ge­schwol­le­nen Bei­ne muss­ten mehr­mals täg­lich ban­da­giert wer­den. Ob­wohl der eins­ti­ge Ar­men­arzt of­fen­sicht­lich am letz­ten Wegstück sei­nes Le­bens an­ge­langt war, er­laub­te es ihm die Staats­kri­se nicht, sich zu­rück­zu­zie­hen. Hier ei­ne Be­spre­chung mit den k. k. Re­gie­rungs­mit­glie­dern, da ver­mit­teln­de Wor­te mit re­vo­lu­tio­nä­ren Grup­pie­run­gen, in Schön­brunn fast täg­lich ei­ne Un­ter­re­dung mit Kai­ser Karl. Der Mon­arch, der in den Ge­sprä­chen mit Vic­tor Ad­ler die letz­te Chan­ce zur Ret­tung sei­nes Reichs sah, be­müh­te sich, dem tod­kran­ken Mann die Ko­or­di­na­ti­on sei­ner Ter­mi­ne zu er­leich­tern. „Ich las­se Sie heu­te Nach­mit­tag mit mei­nem Wa­gen aus der Stadt ho­len“, bot Kai­ser Karl dem Füh­rer der So­zi­al­de­mo­kra­ten an, „und spä­ter bringt Sie der Chauf­feur wie­der nach Hau­se.“Vic­tor Ad­ler schüt­tel­te den Kopf, blieb ver­le­gen vor dem Kai­ser ste­hen und sag­te: „Das wird nicht ge­hen.“

Ver­fü­gung. Der da­mit sei­nen Sohn, den Mör­der des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, nach des­sen Ge­fäng­nis­auf­ent­halt ab­hol­te.

„Ja, war­um denn nicht?“, frag­te Karl. „Ma­jes­tät, heu­te kommt mein Bub aus der Straf­an­stalt St­ein zu­rück, ich woll­te ihn von der Bahn ab­ho­len.“

DER BUB IST IN ST­EIN. „Der Bub“, das war der Phy­si­ker Fried­rich Ad­ler, der Sohn Vic­tor Ad­lers, der zwei Jah­re zu­vor den k. k. Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Karl Graf Stürg­kh er­schos­sen hat­te, weil er ihn als Kriegs­het­zer sah und für den Tod Hun­dert­tau­sen­der Sol­da­ten mit­ver­ant­wort­lich mach­te. Das At­ten­tat hat­te sich am 21. Ok­to­ber 1916 wäh­rend ei­nes Mit­tag­es­sens im Ho­tel Meißl und Schadn am Neu­en Markt in der Wie­ner In­nen­stadt er­eig­net. Nun, am En­de des Krie­ges, hat­te Kai­ser Karl den zu le­bens­lan­ger Haft ver­ur­teil­ten At­ten­tä­ter be­gna­digt, und Vic­tor Ad­ler woll­te sei­nen Sohn ab­ho­len. „Das macht doch nichts“, er­wi­der­te der Mon­arch, „ho­len Sie Ih­ren Sohn mit mei­nem Au­to von der Bahn ab, und dann kom­men Sie zu mir!“So war’s dann auch: Vic­tor Ad­ler hol­te den Mör­der des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten mit dem grün la­ckier­ten „Gräf & Stift“-Wa­gen des Kai­sers von der Bahn ab. Sie fuh­ren ge­mein­sam nach Schön­brunn. Und wäh­rend sein Va­ter mit dem Kai­ser ver­han­del­te, war­te­te „der Bub“vor dem Schloss im Ho­f­au­to.

VIC­TOR AD­LERS TOD. Ei­ne Wo­che spä­ter wur­den so­wohl Vic­tor Ad­ler als auch die ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­sche Mon­ar­chie zu Gr­a­be ge­tra­gen. So je­den­falls hat uns der Schrift­stel­ler An­ton Kuh die­se Epi­so­de hin­ter­las­sen. Er be­zeich­ne­te das Ho­f­au­to als „Sinn­bild für die lie­bens­wür­di­ge Form des ös­ter­rei­chi­schen Zu­sam­men­bruchs“. Und Kuh for­der­te in der noch jun­gen Re­pu­blik, dass das letz­te Ho­f­au­to des letz­ten Kai­sers nebst an­de­ren Denk­wür­dig­kei­ten in ei­nem Mu­se­um mit dem Ti­tel „Alt­ös­ter­reich“aus­ge­stellt wer­den sol­le. Die For­de­rung des Schrift­stel­lers wur­de er­füllt. Auch wenn das Mu­se­um nicht den Ti­tel „Alt­ös­ter­reich“trägt – das Ho­f­au­to kann heu­te in der Wa­gen­burg in Schön­brunn be­sich­tigt wer­den.

FO­TOS: KUNSTHISTORISCHES MU­SE­UM WI­EN, AKG-IMAGES/PIC­TU­RE­DESK.COM, ERNST & CESANEK/ÖNB/PIC­TU­RE­DESK.COM, ÖNB/PIC­TU­RE­DESK.COM, GIL­BERT NOVY

„Sinn­bild für die lie­bens­wür­di­ge Form des ös­ter­rei­chi­schen Zu­sam­men­bruchs“: Der „Gräf & Stift“Wa­gen Kai­ser Karls

Wur­de laut An­ton Kuh nach sei­nem Ge­fäng­nis­auf­ent­halt mit dem Au­to des Kai­sers ab­ge­holt: Fried­rich Ad­ler, der Mör­der des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Graf Stürg­kh

Vic­tor Ad­ler, der Vor­sit­zen­de der So­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei, ver­han­del­te bis knapp vor sei­nem Tod mit dem Kai­ser

Kai­ser Karl I. be­saß ein „hof­grün“la­ckier­tes Au­to, das ihm als „Leib­wa­gen“zur per­sön­li­chen Ver­fü­gung stand

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