„UND DAS NACH SIEBENHUNDERT JAH­REN“

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON GE­ORG MAR­KUS

Der schwe­re Ab­schied der Habs­bur­ger von der Macht.

Der schwe­re Ab­schied von der Macht. Kai­ser Karl, sei­ne Frau Zi­ta und die Kin­der flüch­ten über die Schweiz nach Por­tu­gal. Un­ter­wegs wird der Fa­mi­lie der ge­sam­te ins Exil mit­ge­nom­me­ne Schmuck ge­stoh­len. Zwei Re­stau­ra­ti­ons­ver­su­che in Un­garn schei­tern kläg­lich. Letz­te Sta­ti­on ist Fun­chal auf Ma­dei­ra, wo der Ex-Kai­ser, nur 34 Jah­re alt, ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung er­liegt.

OR­DEN BIS ZU­LETZT. Die Kof­fer sind be­reits ge­packt und die Flucht mit Ehe­frau und fünf Kin­dern ist vor­be­rei­tet. Es ist an der Zeit, Schön­brunn zu räu­men, ha­ben doch so­gar die ei­ge­nen Leib­gar­dis­ten schon auf­ge­hört, den Mon­ar­chen und sei­ne Fa­mi­lie zu schüt­zen. Al­so un­ter­schreibt Kai­ser Karl am 11. No­vem­ber 1918 „den Ver­zicht auf mei­nen An­teil an den Staats­ge­schäf­ten“und ent­lässt sei­ne Re­gie­rung. Das ge­schieht auf sehr ös­ter­rei­chi­sche Wei­se, näm­lich in­klu­si­ve Or­dens­ver­lei­hung: Hein­rich Lam­masch, dem letz­ten k. k. Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, und sei­nen Mi­nis­tern wer­den vom Kai­ser schnell noch ho­he Aus­zeich­nun­gen ver­lie­hen.

NEUE FAH­NEN. Doch dann nichts wie weg, all­zu sehr sitzt die Er­in­ne­rung an das Schick­sal des rus­si­schen Za­ren und sei­ner An­ge­hö­ri­gen, die im Ju­li des­sel­ben Jah­res in Je­ka­te­r­in­burg von den Bol­sche­wis­ten hin­ge­rich­tet wor­den sind, in den Kno­chen. Wäh­ren­dim Par­la­ment die Er­rich­tung der Re­pu­blik Deutsch­ös­ter­reich be­schlos­sen wird und die schwarz-gel­ben Fah­nen durch rot-weiß-ro­te er­setzt wer­den, fährt Kai­ser Karl mit Fa­mi­lie nach Schloss Eckart­sau im March­feld, das sich im Pri­vat­be­sitz der Habs­bur­ger be­fin­det.

AN­SPAN­NUNG. Durch die An­span­nung der letz­ten bei­den Jah­re er­mat­tet, wird der seit Län­ge­rem schon an ei­nem Herz­lei­den la­bo­rie­ren­de Kai­ser bett­lä­ge­rig. Die Spa­ni­sche Grip­pe gras­siert, auch die Kin­der sind auf­grund man­geln­der Er­näh­rung ge­schwächt. „Mein jüngs­ter Sohn Karl-Lud­wig, da­mals acht Mo­na­te alt“, schreibt Zi­ta in ih­ren Me­moi­ren, „wä­re fast ge­stor­ben.“Mit­te März 1919 dik­tiert die Re­gie­rung in Wi­en dem Ex-Kai­ser die Be­din­gun­gen für sei­ne Zu­kunft: Karl ha­be die Mög­lich­keit, auf al­le Rech­te als Kai­ser zu ver­zich­ten, al­so auch for­mell ab­zu­dan­ken und fort­an mit sei­ner Fa­mi­lie als ein­fa­cher Bür­ger in Ös­ter­reich zu le­ben. Falls er die Ab­dan­kung ver­wei­ge­re, müs­se er das Land ver­las­sen. Sei er zu kei­nem der bei­den Schrit­te be­reit, ha­be er mit sei­ner In­ter­nie­rung zu rech­nen. Karl ent­schei­det sich für Va­ri­an­te zwei: Exil oh­ne Ab­dan­kung.

DER AB­SCHIED. Am 23. März 1919 be­steigt er mit Frau und Kin­dern am Bahn­hof Kopf­stet­ten bei Eckart­sau den ehe­ma­li­gen Hof­zug, um Ös­ter­reich zu ver­las­sen. 2000 Men­schen ka­men, um „ih­ren Kai­ser“zu ver­ab­schie­den, ein letz­tes Mal wird in sei­nem Bei­sein die Kai­ser­hym­ne in­to­niert, vie­le An­we­sen­de ha­ben Trä­nen in den Au­gen, auch der Kai­ser. Er winkt aus dem Fens­ter des Son­der­zugs und sagt trau­rig: „Und das nach siebenhundert Jah­ren!“Um den „stan­des­ge­mä­ßen Le­bens­un­ter­halt“im Exil fi­nan­zie­ren zu kön­nen, hat der Hof zehn Ta­ge vor dem Zu­sam­men­bruch des Reichs er­le­se­ne Ge­schmei­de in die Schweiz brin­gen las­sen, dar­un­ter die mit loth­rin­gi­schen Edel­stei­nen be­setz­te ös­ter­rei­chi­sche „Kai­se­rin­nen­kro­ne“, das be­rühm­te dop­pel­te Per­len­col­lier Ma­ria The­re­si­as und den noch be­rühm­te­ren „Flo­ren­ti­ner“, ei­nen Dia­man­ten, der mit 137,2 Ka­rat das welt­weit größ­te ro­sen­far­be­ne Ju­wel­s­ei­ner Art­dar­stellt. Die­se Ge­gen­stän­de von un­schätz­ba­rem Wert wur­den in Tre­so­ren der Schweizer Na­tio­nal­bank in Bern de­po­niert.

IN DER SCHWEIZ. Am 24. März 1919 er­reicht der „Kai­ser­zug“die Schweiz. Die Fa­mi­lie bleibt zu­nächst auf Schloss War­tegg, da­nach in der Vil­la Prang­ins am Gen­fer See. Wäh­rend die­ses Auf­ent­halts be­schlie­ßen Par­la­ment und Re­gie­rung in Wi­en die „Habs­bur­ger­ge­set­ze“, mit de­nen die Pri­vi­le­gi­en des Herr­scher­hau­ses auf­ge­ho­ben und die Ver­mö­gens­wer­te ein­ge­zo­gen wer­den. Nicht ge­nug da­mit, wer­den Zi­ta und Karl die Schmuck­stü­cke, die sie vor we­ni­gen Ta­gen in die Schweiz ge­schickt ha­ben, von ei­nem Be­trü­ger, der sich Ba­ron St­ei­ner nennt, „ab­ge­nom­men“. Er gab an, die Wert­sa­chen für sie „gut an­le­gen“zu wol­len, bleibt da­nach aber für al­le Zei­ten un­auf­find­bar. Der Scha­den ist enorm und er­schwert den Exi­lauf­ent­halt der Fa­mi­lie. Wie es pas­sie­ren konn­te, dass Kai­ser Karl ei­nem Frem­den fast sein ge­sam­tes Hab und Gut an­ver­trau­te, bleibt rät­sel­haft. In der Vil­la Prang­ins bringt Zi­ta Sohn Ru­dolf und Toch­ter Char­lot­te zur Welt, das ach­te Kind Eli­sa­beth wird dann in Spa­ni­en ge­bo­ren – zwei Mo­na­te nach Karls Tod.

EIN BANKIER HILFT. Der Kai­ser glaubt im­mer noch an die Mög­lich­keit ei­ner Rück­kehr auf den Thron. Als 1921 zwei Re­stau­ra­ti­ons­ver­su­che in Un­garn kläg­lich schei­tern, wird Karl im Auf­trag der En­ten­te­mäch­te auf die por­tu­gie­si­sche In­sel Ma­dei­ra ge­bracht. Hier wohnt er mit Frau und Kin­dern zu­nächst im Ho­tel Vic­to­ria in der Haupt­stadt Fun­chal. Als das Geld aus­geht, über­sie­delt die Fa­mi­lie in das Her­ren­haus Quin­ta do Mon­te, das ihr ein kai­ser­treu­er Bankier zur Ver­fü­gung stellt.

An­fang März 1922 zieht sich Karl ei­ne Ver­küh­lung zu, doch wird aus Kos­ten­grün­den vo­r­erst kein Arzt ge­ru­fen. Als end­lich doch ein Me­di­zi­ner kommt, ist es zu spät, der Kai­ser hat ei­ne schwe­re Lun­gen­ent­zün­dung, der er am 1. April 1922 im Al­ter von 34 Jah­ren er­liegt. Zi­ta über­lebt ih­ren Mann um 67 Jah­re. Sie wird die Trau­er­klei­dung nach sei­nem Tod nie wie­der ab­le­gen.

Schloss Eckart­sau im March­feld (klei­nes Bild) ist die letz­te Sta­ti­on, ehe Zi­ta und Kai­ser Karl Ös­ter­reich ver­las­sen

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