ALS DIE ZU­KUNFT VÖL­LIG OF­FEN WAR

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON SU­SAN­NE MAUTH­NER-WE­BER

2018 wa­gen His­to­ri­ker ei­nen neu­en Blick auf 1918.

Vor 100 Jah­ren hat Ös­ter­reich mit ei­nem nie da ge­we­se­nen Ex­pe­ri­ment be­gon­nen: der De­mo­kra­tie. 2018 wa­gen His­to­ri­ker ei­nen neu­en Blick auf 1918 – nicht re­du­ziert auf den Nuk­le­us des Un­ter­gangs, son­dern als Zeit, in der al­les mög­lich war.

Adal­bert Stern­berg, aus je­nem Ge­schlecht, wel­ches im Jah­re 800 von Karl dem Gro­ßen ge­adelt und im Jahr 1919 von Karl Ren­ner ent­a­delt wur­de.

Text auf der neu­en Vi­si­ten­kar­te von Graf Stern­berg

STUN­DE NULL. Der neue Staats­kanz­ler war wohl selbst et­was ver­blüfft. Bis zum Kriegs­en­de trat er trotz vie­ler Vor­be­hal­te für die Auf­recht­er­hal­tung der Mon­ar­chie Ös­ter­reich-Un­garn ein. „Ich weiß nicht, ob wir uns ge­traut hät­ten, die Re­pu­blik aus­zu­ru­fen, wenn der al­te Kai­ser Franz Jo­seph noch ge­lebt hät­te“, soll­te Karl Ren­ner Jah­re spä­ter ge­ste­hen.

Am 31. Ok­to­ber 1918 wur­de er, der sich be­reits wäh­rend des Jus-Stu­di­ums der So­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei an­ge­schlos­sen hat­te, zum Re­gie­rungs­chef der neu­en Re­pu­blik, nach­dem die pro­vi­so­ri­sche Na­tio­nal­ver­samm­lung den Be­schluss zur Grün­dung des Staa­tes Deutsch­ös­ter­reich ge­fasst hat­te.

„Drau­ßen in der Her­ren­gas­se, stan­den die Men­schen Kopf an Kopf. Mehr­heit­lich wur­de ge­ju­belt und ‚Heil‘ ge­ru­fen. Ein we­nig wur­de ran­da­liert. Der Kai­ser blieb uner­wähnt“, schreibt Man­fried Rau­chen­stei­ner in sei­nem neu­en Buch Un­ter Be­ob­ach­tung. Ös­ter­reich seit 1918. Am 12. No­vem­ber 1918 wur­de die Re­pu­blik dann for­mell aus­ge­ru­fen.

Doch wer hat die Par­tei­en 1918 er­mäch­tigt, den Staat neu zu be­grün­den? „Ei­ne wirk­li­che Idee, wie die Habs­bur­ger­mon­ar­chie de­mo­kra­ti­siert wer­den soll­te, hat­te man nicht“, weiß der Ge­ne­ral­di­rek­tor des Ös­ter­rei­chi­schen Staats­ar­chi­ves, Wolf­gang Ma­dert­ha­ner. „Der Kai­ser, das Herr­scher­haus, die Ade­li­gen müs­sen weg – das war klar. Aber was wirk­lich kommt, hat man nicht ge­wusst.“Wo­bei Leu­te wie der So­zi­al­de­mo­krat Ot­to Bau­er ei­ne sehr kla­re Vor­stel­lung von ei­ner funk­tio­nie­ren­den bür­ger­li­chen De­mo­kra­tie ge­habt hät­ten, bei der die Selbst­be­stim­mung der Völ­ker und die Zu­sam­men­ar­beit der ge­sell­schaft­li­chen Kräf­te im Mit­tel­punkt ste­hen soll­ten.

DE­MO­KRA­TIE. „Der Ge­dan­ke der De­mo­kra­tie ist auch in Ös­ter­reich schon re­la­tiv alt“, sagt die His­to­ri­ke­rin Ga­b­ri­el­la Hauch. „Erst­mals ist sie wäh­rend der Re­vo­lu­ti­on 1848

ge­for­dert wor­den. Auch die Re­pu­blik stand da­mals be­reits auf dem Ta­bleau. Es han­delt sich um ei­ne Tra­di­ti­on, die die Ar­bei­ter­schaft schon im 19. Jahr­hun­dert ver­folgt hat – die For­de­rung nach dem all­ge­mei­nen, glei­chen, ak­ti­ven und pas­si­ven Wahl­recht für Män­ner und Frau­en (sie­he auch Sei­te 23), ei­ner Ver­fas­sung und ei­nem Na­tio­nal­rat.“„Die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung, vor al­lem die Ar­bei­ter­schaft und die Bau­ern, dräng­te auf die Aus­ru­fung der Re­pu­blik“, sa­gen auch Al­f­red Pfo­ser und Andre­as Weigl, die sich für ihr neu­es Buch Die ers­te Stun­de Null mit den Jah­ren 1918 bis 1922 be­fasst ha­ben. „Die et­wa 400.000 De­mons­tran­ten auf der Wie­ner Ring­stra­ße setz­ten am 12. No­vem­ber 1918 ein deut­li­ches Zei­chen, dass sie ei­ne Vi­si­on hat­ten, wie die­ser neue Staat sein soll­te.“

UNGELIEBT? IRR­TUM! Der Staat, den kei­ner woll­te? Ganz im Ge­gen­teil, sa­gen His­to­ri­ker heu­te. 100 Jah­re da­nach ha­be man­ei­nen viel freie­ren Blick auf die Grün­dungs­ge­schich­te un­se­rer Re­pu­blik: „Vor al­lem muss man die Er­eig­nis­se im Jahr 1918 heu­te nicht mehr pa­trio­tisch-na­tio­nal deu­ten“, sagt die His­to­ri­ke­rin Hei­de­ma­rie Uhl. Ös­ter­reich sei näm­lich ein Fall­bei­spiel für das Zer­bre­chen der Im­pe­ri­en nach dem Ers­ten Welt­krieg und das Ent­ste­hen neu­er Staa­ten in Zen­tral­eu­ro­pa. „Man­muss heu­te auch nicht mehr ver­leug­nen, dass die Re­pu­blik da­mals Deutsch­ös­ter­reich ge­hei­ßen hat. Der ‚An­schluss‘ war – un­ter den Vor­zei­chen des Jah­res 1918 – ei­ne der mög­li­chen Op­tio­nen, die re­al­po­li­tisch im Raum stan­den.“Die Si­tua­ti­on war neu und un­klar. An­ge­dacht wur­den ei­ne

Donau­fö­de­ra­ti­on mit den ehe­ma­li­gen Habs­bur­ger­mon­ar­chie-Staa­ten. Auch für ei­ne Rä­te­re­pu­blik wur­de Druck von der Stra­ße auf­ge­baut. „Doch das hät­te ein Sys­tem nach so­wje­ti­schem Vor­bild be­deu­tet“, gibt His­to­ri­ke­rin Uhl zu be­den­ken.

Ma­dert­ha­ner stimmt zu: „Die Rä­te­re­pu­bli­ken, wie in Bay­ern oder Un­garn, wa­ren ga­ran­tiert kein Vor­bild – zu au­to­ri­tär und kei­ner­lei Ver­an­ke­rung im Volk, da wä­re ein Zwangs­sys­tem durch das an­de­re er­setzt wor­den.“Hier­zu­lan­de re­gier­te vor al­lem „die Angst vor der Re­vo­lu­ti­on“, sagt Uhl. „Die Par­tei­en such­ten früh den Kon­sens.“Und His­to­ri­ker Pfo­ser er­gänzt: „In Ös­ter­reich wur­de auf Aben­teu­er à la Rä­te­re­pu­blik ver­zich­tet. Man sag­te: ‚Wir trei­ben lie­ber die So­zi­al­ge­setz­ge­bung vor­an, ver­zich­ten auf ei­ne Re- vo­lu­ti­on und möch­ten mehr Mit­be­stim­mung in den Be­trie­ben.‘“

Nach der Wahl vom 16. Fe­bru­ar 1919 si­cher­te die ers­te Ko­ali­ti­ons­re­gie­rung den So­zi­al­de­mo­kra­ten die wich­tigs­ten Staats­äm­ter: Ren­ner wur­de Staats­kanz­ler, Ot­to Bau­er Au­ßen­mi­nis­ter, Ot­to Glö­ckel Un­ter­richts­mi­nis­ter, Fer­di­nand Ha­nusch So­zi­al­mi­nis­ter. Jo­dok Fink vom do­mi­nie­ren­den bäu­er­li­chen Flü­gel der Christ­lich­so­zia­len wur­de Vi­ze­kanz­ler und zog bei den So­zi­al­ge­set­zen mit. Wie in­no­va­tiv Ös­ter­reich da­mals war, sei heu­te viel zu we­nig im Be­wusst­sein, be­dau­ert Uhl. „Kran­ken­stand, Ur­laub, die Idee, dass auch die Ar­bei­ter ei­ne Stim­me ha­ben und nicht nur die Un­ter­neh­mer.“His­to­ri­ke­rin Hauch be­tont, dass je­nes so­zia­le Re­gel­werk, das sich der

jun­ge Staat zwi­schen 1918 und 1920 in der Gro­ßen Ko­ali­ti­on gab „da­mals ei­nes der mo­derns­ten der Welt war. Be­son­ders her­aus sticht da­bei das Be­triebs­rä­te­ge­setz.“

ACHT-STUN­DEN-TAG. Nicht we­ni­ger als 83 So­zi­al­ge­set­ze und -ver­ord­nun­gen wur­den in die­ser Re­form­pha­se er­las­sen. Man­che Din­ge sei­en auch des­halb leicht ge­gan­gen, weil die Um­stän­de es zu­ge­las­sen ha­ben, weiß His­to­ri­ker Weigl: „So wur­de der Acht-Stun­den-Tag durch­ge­wun­ken, weil die In­dus­trie un­ter­aus­ge­las­tet war; man hat­te nicht ein­mal Ar­beit für vier Stun­den – der Acht-Stun­den-Tag war den Un­ter­neh­mern al­so egal.“Die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung stieß – ob­wohl die Aus­ga­ben da­für nur ei­nen Bruch­teil der staat­li­chen Le­bens­mit­tel­zu­schüs­se aus­mach­ten– auf har­sche Kri­tik. Weigl: „Den Ar­beit­ge­bern war dann aber doch klar, dass sich das re­vo­lu­tio­nä­re Po­ten­zi­al in der Ar­bei­ter­schaft er­höht, wenn man un­mit­tel­bar nach dem Krieg kei­ne Un­ter­stüt­zun­gen aus­zahlt“.

Nicht zu ver­ges­sen das Rück­grat der neu­en Re­pu­blik – die Ver­fas­sung: Sie gilt bis heu­te als Mei­len­stein der ös­ter­rei­chi­schen Ge­schich­te. Aus­ge­ar­bei­tet von Hans Kel­sen, ist sie ei­ne der äl­tes­ten Ver­fas­sun­gen, die heu­te noch in Kraft ist. Das Wich­tigs­te für Uhl: „Kel­sen hat schon da­mals Kri­sen­si­tua­tio­nen mit­ge­dacht.“

LETZ­TE AN­STREN­GUNG. „Al­les schien sich zu sta­bi­li­sie­ren. In die­ser Zeit wa­ren we­der Re­pu­blik noch De­mo­kra­tie bei den Re­gie­rungs­par­tei­en um­strit­ten“, sagt Ma­dert­ha­ner. Doch „die­se Zeit“währ­te nur kurz: 1920 zer­brach die Ko­ali­ti­on, feind­li­che Stim­mung macht sich zu­neh­mend zwi­schen den La­gern breit. Uhl:„Es gab zu we­ni­ge Mo­men­te des Kon­sen­ses. Die letz­te ge­mein­sa­me An­stren­gung war 1929 die Ver­fas­sungs­re­form.“

Was folg­te, ist be­kannt.

Wie sehr die Jah­re 1918 bis 1922 aber als Auf­bruch er­lebt wur­den, soll­te sich 1945 zei­gen. Die Zwei­te Re­pu­blik wird zum Re­make mit der­sel­ben Ver­fas­sung, den­sel­ben So­zi­al­ge­set­zen und dem­sel­ben Staats­kanz­ler Ren­ner, der mein­te: „Und wenn in der Ge­schich­te fast kei­ne gro­ße Sa­che auf den ers­ten Hieb ge­lingt – auf den zwei­ten muss sie ge­lin­gen.“

„Am 12. No­vem­ber wur­de der al­te Kai­ser­staat Ös­ter­reich-Un­garn end­gül­tig zu Gr­a­be ge­tra­gen und aus sei­nen Rui­nen er­wuchs, um­ge­ben von den selb­stän­dig ge­wor­de­nen Tschecho-Slo­wa­ken, Süd­sla­wen und Un­garn das neue Deutsch-Ös­ter­reich, des­sen Na­tio­nal­ver­samm­lung an die­sem Ta­ge fei­er­lich und wür­dig die Re­pu­blik aus­rief.

In­zwi­schen wa­ren vor dem Par­la­ment Hun­dert­tau­sen­de von Volks­ge­nos­sen ver­sam­melt. Wi­en hat­te an dem Ta­ge all­ge­mei­ne Ar­beits­ru­he und in un­ab­seh­ba­ren Scha­ren wan­der­ten die Ar­bei­ter al­ler Be­zir­ke in ge­ord­ne­ten Grup­pen, de­nen ro­te Fah­nen vor­an­ge­tra­gen wur­den, zum Par­la­ment. Die ge­sam­te Re­gie­rung mit al­len Mit­glie­dern der Na­tio­nal­ver­samm­lung trat auf die Ram­pe des Par­la­ments und die Prä­si­den­ten ver­kün­de­ten der Men­ge die so­eben er­folg­te ein­stim­mi­ge Pro­kla­mie­rung der Re­pu­blik, was mit to­sen­dem Ju­bel auf­ge­nom­men wur­de.“

17. No­vem­ber 1918, „Wie­ner Bil­der“(Il­lus­trier­tes Fa­mi­li­en­blatt)

„Wir er­le­ben jetzt Welt­ge­schich­te, täg­lich, stünd­lich. Kaum fol­gen wir mit un­se­rem Denk- und Emp­fin­dungs­ver­mö­gen dem un­ge­heu­er­li­chen Tem­po der Er­eig­nis­se. Ma­chen wir uns doch klar, was in die­sen letz­ten Ta­gen ge­sche­hen ist! Ös­ter­reich-Un­garn ist von ei­ner mi­li­tä­ri­schen Groß­macht zu ei­nem his­to­ri­schen Be­griff ge­wor­den. Wird auf dem Bo­den des ehe­ma­li­gen Ös­ter­reich-Un­garn in Zu­kunft­wie­der ir­gend et­was wie staat­li­cher Zu­sam­men­hang ent­ste­hen? Für die künf­ti­ge Ge­schichts­for­schung wird das See­len­le­ben der Men­schen in Ös­ter­reich-Un­garn in der Zeit des Zu­sam­men­bru­ches von höchs­tem In­ter­es­se sein.“

7. No­vem­ber 1918, „Das in­ter­es­san­te Blatt“

Die Kon­sti­tu­ie­ren­de Na­tio­nal­ver­samm­lung pro­tes­tier­te ge­gen den Ver­trag

2. Ju­ni 1919: An­spra­che von Karl Ren­ner im Schloss von Saint-Ger­main nach der Kennt­nis­nah­me der Be­din­gun­gen des Frie­dens­ver­trags

Fer­di­nand Ha­nusch Der So­zi­al­mi­nis­ter brach­te 83 So­zi­al­ge­set­ze und -ver­ord­nun­gen auf den Weg

Karl Ren­ner Der So­zi­al­de­mo­krat wur­de 1919 Staats­kanz­ler und stand ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on vor

Jo­dok Fink Der christ­lich­so­zia­le Vi­ze­kanz­ler aus dem bäu­er­li­chen Flü­gel zog bei den So­zi­al­ge­set­zen mit

Fo­to: Ru­dolf Ko­no­pa, Aus­ru­fung der Re­pu­blik vor dem Par­la­ment, 1918, (c) Wi­en Mu­se­um

Am 12. No­vem­ber 1918 wur­de die Re­pu­blik vor dem Par­la­ment in Wi­en aus­ge­ru­fen

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