STREITFALL STÄNDESTAAT

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON KON­RAD KRAMAR

Doll­fuß’ Dik­ta­tur spal­te­te Ös­ter­reich über Jahr­zehn­te.

Streitfall Ständestaat: Der Blick auf die von En­gel­bert Doll­fuß er­rich­te­te Dik­ta­tur spal­te­te über Jahr­zehn­te Ös­ter­reichs po­li­ti­sche La­ger. Die SPÖ sprach von den Op­fern des Aus­tro­fa­schis­mus, die ÖVP vom „Pa­trio­ten“Doll­fuß. All­mäh­lich aber wächst die ge­trenn­te Er­in­ne­rung zu­sam­men.

STAATSSTREICH. Es war ei­ne ös­ter­rei­chi­sche Lö­sung für ei­nen ös­ter­rei­chi­schen Kon­flikt. Jahr­zehn­te­lang hing das Por­trät von En­gel­bert Doll­fuß, Kanz­ler des Stän­de­staa­tes, im Par­la­ments­klub der ÖVP. Schließ­lich woll­te man, trotz al­ler Ab­gren­zung, nicht auf das Er­be der Christ­lich­so­zia­len aus der ers­ten Re­pu­blik ver­zich­ten.

Für die So­zi­al­de­mo­kra­ten war das Bild des „Ar­bei­ter­mör­ders “und „Aus­tro­fa­schis­ten“im Tem­pel der ös­ter­rei­chi­schen De­mo­kra­tie na­tür­lich ein gern und reich­lich be­dien­tes Feind­bild. Der Um­bau des Par­la­ments und die Über­sied­lung in das Con­tai­ner­ge­bäu­de auf dem Heldenplatz lie­fer­te die per­fek­te Mög­lich­keit, den Streit um das Bild still zu be­en­den. Doll­fuß über­sie­del­te ein­fach nicht mit auf den Heldenplatz und hat ein Aus­ge­din­ge als Dau­er­leih­ga­be an das nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Lan­des­mu­se­um be­kom­men.

Ein wei­te­rer Schritt, um die so lan­ge ge­teil­te Er­in­ne­rung an die Jah­re 1933 bis 1938 zu­sam­men­zu­füh­ren. Ei­nen der größ­ten Stol­per­stei­ne auf die­sem Weg hat­te das Par­la­ment schon 2011 aus dem Weg ge­räumt – und das mit den Stim­men al­ler Par­la­ments­par­tei­en. Die Op­fer des Stän­de­staa­tes wur­den re­ha­bi­li­tiert, al­le po­li­ti­schen Ur­tei­le, die die Dik­ta­tur ge­fällt hat­te, auf­ge­ho­ben. Ge­rech­tig­keit für all je­ne, die in den Fe­bru­ar­kämp­fen des Jah­res 1934 um­ge­kom­men, aber auch je­ne, die da­nach ver­ur­teilt wor­den wa­ren. Es gab acht To­des­ur­tei­le, stand­recht­li­che Er­schie­ßun­gen, Tau­sen­de So­zi­al­de­mo­kra­ten und Kom­mu­nis­ten aber auch Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wur­den oh­ne or­dent­li­ches Ver­fah­ren in An­hal­te­la­ger ge­steckt, die größ­ten dar­un­ter in Wöl­lers­dorf bei Wie­ner Neu­stadt und in Kai­ser­stein­bruch im Bur­gen­land.

Un­be­streit­ba­re Tat­sa­chen, eben­so wie die Aus­schal­tung des Par­la­ments durch ei­nen – wie die Ge­schichts­for­schung heu­te weiß – gut ge­plan­ten Staatsstreich, die Aus­lö­schung des Par­tei­en­sys­tems durch die Ein­heits­par­tei „Va­ter­län­di­sche Front“, das Ver­bot der frei­en Ge­werk­schaf­ten.

Und doch tun sich vie­le Kon­ser­va­ti­ve bis heu­te schwer, die Jah­re un­ter dem 1934 er­mor­de­ten Doll­fuß und sei­nem Nach­fol­ger Kurt Schu­sch­nigg als Dik­ta­tur ab­zu­tun. Schließ­lich, so wird ar­gu­men­tiert, sei­en die­se Jah­re vor al­lem im Zei­chen des Kamp­fes um Ös­ter­reichs Über­le­ben ge­stan­den. Doll­fuß wur­de auch von füh­ren­den ÖVPPo­li­ti­kern als „Pa­tri­ot“und „Mär­ty­rer“be­zeich­net. Schu­sch­nigg wie­der­um ha­be viel ge­tan, um das bis da­hin nicht vor­han­de­ne Be­wusst­sein für ei­ne ös­ter­rei­chi­sche Na­ti­on zu schaf­fen. Sei­ne his­to­ri­sche Ab­schieds­re­de vor dem An­schluss ha­be Ös­ter­reichs Rin­gen um sei­ne Un­ab­hän­gig­keit vor der Welt de­mons­triert. Das ha­be die Hal­tung der Al­li­ier­ten ge­gen­über Ös­ter­reich spä­ter maß­geb­lich be­ein­flusst.

All­mäh­lich aber löst man sich auf bei­den Sei­ten von frü­her ei­sern ver­tei­dig­ten Hal­tun­gen. So ge­ste­hen Kon­ser­va­ti­ve heu­te ein, dass Doll­fuß’ Macht­er­grei­fung 1934 kei­ne „Selbst­aus­schal­tung des Par­la­ments“, son­dern ein Staatsstreich war. Vie­le Lin­ke lö­sen sich wie­der­um vom Be­griff Aus­tro­fa­schis­mus, schlicht weil er das We­sen der Ständestaat-Dik­ta­tur nicht er­fasst. Der Be­griff, so ur­teilt der His­to­ri­ker Ger­hard Botz, sei wis­sen­schaft­lich frag­wür­dig. Das Doll­fuß-Schu­sch­nigg-Re­gime ge­hör­te ganz ein­fach zu der „durch gro­ße Tei­le Eu­ro­pas lau­fen­den an­ti­de­mo­kra­ti­schen Wel­le“. Für die Op­fer der Dik­ta­tur aber und de­ren Nach­kom­men, de­nen die Re­pu­blik viel zu lan­ge die Re­ha­bi­li­tie­rung ver­wei­ger­te, sind sol­che wis­sen­schaft­li­chen De­bat­ten oh­ne­hin ir­re­le­vant.

Auf­ruf zur Volks­ab­stim­mung durch Bun­des­kanz­ler Schu­sch­nigg: Hit­ler soll­te dar­auf­hin dden „An­schluss“aus­lö­sen Sol­da­ten im Karl-Marx-Hof 1934

Po­li­zis­ten be­zie­hen Stel­lung auf dem Heldenplatz und vor dem Par­la­ment

Schu­sch­nigg im Kanz­ler­amt, von hier aus hielt er im März ’38 sei­ne letz­te Re­de

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