HIT­LERS TRIUMPHZUG

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON MARGARETHA KOPEINIG

War­um vie­le der men­schen­ver­ach­ten­den Ideo­lo­gie folg­ten.

Am 11. März 1938 be­fahl Hit­ler den Ein­marsch. Ei­nen Ein­marsch, der in­sze­niert war und von hys­te­ri­schen Be­geis­te­rungs­stür­men be­glei­tet wur­de. Doch war­um glaub­ten so vie­le sei­ner Pro­pa­gan­da und folg­ten der men­schen­ver­ach­ten­den Ideo­lo­gie?

UMJUBELTER EMP­FANG. 11. März, 20.45 Uhr: Der Marsch­be­fehl an die Wehr­macht wird aus­ge­spro­chen. Die Grenz­bal­ken öff­nen sich, kein Schuss fällt. Die Anne­xi­on Ös­ter­reichs wan­delt sich zum um­ju­bel­ten Emp­fang. Am 12. März folgt Hit­ler sei­nen Sol­da­ten. Hys­te­ri­sche Be­geis­te­rungs­stür­me be­glei­te­ten ihn von­s­ei­nem Ge­burts­ort Brau­nau am Inn über Linz bis nach Wi­en. Am Wie­ner Heldenplatz vor der Hof­burg, wo ei­ne rie­si­ge Men­schen­men­ge auf Adolf Hit­ler war­te­te, ver­kün­de­te er am 15. März pa­the­tisch den „An­schluss Ös­ter­reichs“. Die Bil­der der Mas­sen gin­gen um die Welt. In sei­nem Exil in Ka­li­for­ni­en, in Pa­ci­fic Pa­li­sa­des na­he Los Angeles, notiert Tho­mas Mann am17. Ju­li 1944 in sein Ta­ge­buch: „Man soll nicht ver­ges­sen und sich nicht aus­re­den las­sen, dass der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ei­ne en­thu­si­as­ti­sche, fun­ken­sprü­hen­de Re­vo­lu­ti­on, ei­ne deut­sche Volks­be­we­gung mit ei­ner un­ge­heu­ren In­ves­tie­rung von Glau­ben und Be­geis­te­rung war.“

Im Schat­ten des Tri­um­phes sam­melt der vor Hit­ler in Wi­en ein­ge­trof­fe­ne SS-Chef Hein­rich Himm­ler­un­terVer­tre­tern des stän­de­staat­li­chen Re­gimes, un­ter So­zia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten, die ers­ten Häft­lin­ge für den Trans­port ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au.

Hass­er­füll­te De­mü­ti­gun­gen und Ge­walt­ta­ten ge­gen Ju­den be­gin­nen – ein Auf­takt für Ent­rech­tung, Ver­trei­bung und schließ­lich Ver­nich­tung. Rund 2700 Pro­fes­so­ren, As­sis­ten­ten und Stu­den­ten müs­sen die Uni­ver­si­tät ver­las­sen. „Jü­di­sche Ärz­te, An­wäl­te, Künst­ler, die In­tel­lek­tu­el­len ha­ben un­glaub­li­che Ab­leh­nung auf sich ge­zo­gen“, be­schreibt der His­to­ri­ker Wolf­gang Ma­dert­ha­ner.

Die Säu­be­rungs­wel­le er­fasst al­le Be­ru­fe und al­le Schich­ten. Gleich­zei­tig be­gin­nen die ers­ten Ari­sie­run­gen an Woh­nun­gen; Kunst­wer­ke und Au­tos wer­den ih­ren Be­sit­zern ge­raubt. „Die Na­zis ha­ben das Mo­men­tum ge­nützt. Ge­ra­de weil man ei­ne Er­he­bung der nach wie vor ro­ten Vor­städ­te be­fürch­tet hat­te, ge­stal­te­te sich der Ein­zug Hit­lers in Wi­en zum ein­zig­ar­ti­gen Tri­umph“, sagt His­to­ri­ker Ma­dert­ha­ner fest.

WIE WAR DAS MÖG­LICH? Heu­te, 80 Jah­re spä­ter, fra­gen sich vie­le, wie es da­zu kam. War­um­wur­deHit­ler – und man wuss­te, was er plan­te – so eu­pho­risch in Ös­ter­reich be­grüßt? War­um glaub­ten so vie­le sei­ner Pro­pa­gan­da und folg­ten der men­schen­ver­ach­ten­den Ideo­lo­gie?

„Die Höl­le brach los in der Nacht auf den 12. März 1938. Die Un­ter­welt hat­te ih­re Pfor­ten ge­öff­net und ih­re nied­rigs­ten, scheuß­lichs­ten, un­reins­ten Geis­ter los­ge­las­sen“, for­mu­lier­te der Schrift­stel­ler Carl Zuck­may­er auf der Su­che nach Ant­wort.

„Es war in der Tat ei­ne Re­vo­lu­ti­on von un­ten. Ein Volks­auf­stand, der spon­tan los­brach. Ei­ne Er­klä­rung ist die jah­re­lan­ge Ar­beits­lo­sig­keit, die Men­schen in Bes­ti­en ver­wan­del­te. Das ist die Trau­ma­ti­sie­rung die­ser Zeit“, be­tont Ma­dert­ha­ner, der Ge­ne­ral­di­rek­tor des Ös­ter­rei­chi­schen Staats­ar­chi­ves.

Er nennt noch ei­nen wei­te­ren Grund für die da­ma­li­ge Hit­ler-Be­geis­te­rung: „Ein wich­ti­ger Punkt ist die Ima­gi­na­ti­on des Her­ren­men­schen­tums. Vie­le sind in die­ser Ideo­lo­gie auf­ge­gan­gen.“Der psy­cho­lo­gi­sche Me­cha­nis­mus hat so funk­tio­niert: Vie­le, vor al­lem Jun­ge, emp­fan­den die Ar­beits­lo­sig­keit als das Letz­te auf der Welt. Und dann kam je­mand, der ih­nen sag­te, sie ge­hö­ren zu ei­ner Her­ren­ras­se. Und schuld an ih­rem Elend sei der Un­ter­mensch, der Ju­de.

„Die ge­sell­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Ver­wer­fun­gen the­ma­ti­siert der Fa­schis­mus als Kampf der Ras­sen.“Und Hit­ler setz­te ge­nau an die­sem Punkt an: Er sah die durch die gro­ße De­pres­si­on der 1930er-Jah­re aus­ge­lös­ten ge­sell­schaft­li­chen Span­nun­gen und Ver­wer­fun­gen „als ei­nen so­zi­al­dar­wi­nis­ti­schen Kampf der Ras­sen ge­gen­ein­an­der.“

Die­se Kon­zep­ti­on fiel in Wi­en mit sei­ner lan­ge zu­rück rei­chen­den an­ti­se­mi­ti­schen Tra­di­ti­on auf frucht­ba­ren Bo­den und kam in den März­ta­gen des Jah­res 1938 ge­ra­de­zu erup­tiv zum Aus­bruch“, ana­ly­siert der Uni­ver­si­täts­do­zent.

TERRORAPPARAT. Zum Mas­sen­auf­stand der Ba­sis kam noch hin­zu, dass par­al­lel un­ter deut­scher Ein­fluss­nah­me ein furcht­ba­rer und staat­lich sank­tio­nier­ter Terrorapparat auf­ge­baut wur­de. Weil es kei­nen oder kaum Wi­der­stand gab, sah das Na­zi­re­gime in den ers­ten Mo­na­ten der Macht­über­nah­me sei­ne Herr­schaft voll le­gi­ti­miert. Ma­dert­ha­ner: „Die Macht­aus­übung funk­tio­nier­te des­halb, weil das Herr­schafts­prin­zip von der gro­ßen Mehr­heit der Be­völ­ke­rung ak­zep­tiert, to­le­riert und mit­ge­tra­gen wur­de.“

Bei­fall in Linz, als Hit­ler am 12. März sei­ne Re­de hielt

His­to­ri­ker Wolf­gang Ma­dert­ha­ner über Mas­sen­hys­te­rie und Her­ren­men­schen

Blu­men für den Füh­rer: Ju­bel bei Jung und Alt

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