ALS DIE SYNAGOGEN BRANN­TEN

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON GE­ORG MAR­KUS

Ein Zeit­zeu­ge er­in­nert sich an die „Reichs­kris­tall­nacht“.

Am 9. und 10. No­vem­ber 1938 und in der da­zwi­schen­lie­gen­den Nacht wur­den im gan­zen Deut­schen Reich Hun­der­te Synagogen an­ge­zün­det und Tau­sen­de Ge­schäf­te ge­plün­dert. Al­lein in Wi­en star­ben 27 Ju­den, 88 wur­den schwer ver­letzt und 2000 Woh­nun­gen „ari­siert“. Ein Zeit­zeu­ge er­in­nert sich an die von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zy­nisch ge­nann­te „Reichs­kris­tall­nacht“.

ZEU­GE DER KA­TA­STRO­PHE. Bern­hard Mor­gens­tern war ge­ra­de zwölf Jah­re alt und hat in der Wie­ner Leo­pold­stadt ge­wohnt. Am Mor­gen des 10. No­vem­ber 1938 lief er mit sei­nem jün­ge­ren Bru­der in die na­he Tem­pel­gas­se, wo er Zeu­ge der Ka­ta­stro­phe wur­de. „Ich ha­be ge­se­hen, wie die Hor­den den Tem­pel an­ge­zün­det ha­ben, wie er lich­ter­loh brann­te, bis fast al­les in Schutt und Asche lag“, er­in­nert sich der heu­te 91-jäh­ri­ge Wie­ner an die so ge­nann­te „Reichs­kris­tall­nacht“.

BENACHBARTES EHE­PAAR. Doch der Spuk ging wei­ter: „Vor dem Kauf­haus Schiff­mann in der Ta­bor­stra­ße sind SA-Leu­te mit ei­nem Last­au­to vor­ge­fah­ren, ha­ben al­les ge­plün­dert, was nicht niet- und na­gel­fest war. Dann ha­be ich in der Vol­kert­stra­ße ge­se­hen, wie meist äl­te­re Ju­den den Geh­steig mit Zahn­bürs­ten put­zen muss­ten. Auch ein Ehe­paar, das ich kann­te, weil es in un­se­rer Nach­bar­schaft wohn­te, war da­bei. Und die Wie­ner, die dort her­um­ge­stan­den sind, ha­ben ge­lacht, ha­ben sie ver­höhnt und ge­ru­fen: ‚Jud, Jud, spuck in Hut.‘“

ANGST UND SCHRE­CKEN. Die jü­di­sche Be­völ­ke­rung Wi­ens leb­te seit dem 12. März 1938, an dem Hit­lers Trup­pen in Ös­ter­reich ein­mar­schiert wa­ren, in Angst und Sche­cken. Das klei­ne Haus- und Kü­chen­ge­rä­te­ge­schäft von Bern­hard Mor­gen­sterns El­tern war schon we­ni­ge Ta­ge nach dem „An­schluss“von SA-Män­nern ge­plün­dert wor­den, doch mit der „Reichs­kris­tall­nacht“kam al­les noch schlim­mer, als man es sich je hät­te vor­stel­len kön­nen. „Reichs­kris­tall­nacht“nann­ten die Na­zis zy­nisch je­ne Po­grom­nacht, in der die Woh­nun­gen, Ge­schäf­te und Synagogen de­rer brann­ten, die sie als „nich­ta­risch“be­zeich­ne­ten. Man sah die Rauch­schwa­den der bren­nen­den Häu­ser, hör­te das Klir­ren der Fens­ter­schei­ben, be­ob­ach­te­te die aus HJ-Bur­schen, SA-Leu­ten und Zi­vi­lis­ten mit Ha­ken­kreuz­bin­den be­ste­hen­den Roll­kom­man­dos, die plün­dernd durch die Stra­ßen fuh­ren und Män­ner wie Frau­en, die sie für Ju­den hiel­ten, zu­sam­men fin­gen.

27 TO­TE. Der Tem­pel im zwei­ten Be­zirk, des­sen Ver­nich­tung Bern­hard Mor­gens­tern als Kind mit­an­se­hen muss­te, war ei­ne von 42 Wie­ner Synagogen, die am 9. und 10. No­vem­ber 1938 und in der da­zwi­schen­lie­gen­den Nacht dem Erd­bo­den gleich­ge­macht wur­den. 27 Wie­ner Ju­den wur­den ge­tö­tet und 88 schwer ver­letzt. Da­zu ka­men 2000 Woh­nun­gen, die „ju­den­rein“ge­macht und 4000 Ge­schäf­te, die – be­reits Ta­ge da­vor mit „Ju­den­ster­nen“ge­kenn­zeich­net – ver­nich­tet wur­den. Tau­sen­de Men­schen wur­den ver­haf­tet und in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­schleppt. Ähn­lich er­ging es den Ju­den in Graz, Linz, Inns­bruck und in den an­de­ren ehe­mals ös­ter­rei­chi­schen Städ­ten, die jetzt zur „Ost­mark“ge­hör­ten.

Und im Rest des gan­zen Deut­schen Reichs, wo man in der „Reichs­kris­tall­nacht“ins­ge­samt 20.000 Ju­den ge­fan­gen ge­nom­men und 91 er­mor­det hat­te. Es wa­ren die ge­bors­te­nen Aus­la­gen­schei­ben der zer­stör­ten Ge­schäf­te, die der Ter­ror­ak­ti­on den Na­men „Reichs­kris­tall­nacht“ver­lie­hen ha­ben.

„VERGELTUNGSAKTION“. Das Gan­ze nann­te sich „Vergeltungsaktion“für ein zwei Ta­ge zu­rück­lie­gen­des At­ten­tat auf Ernst von Rath, den deut­schen Le­ga­ti­ons­se­kre­tär in Pa­ris, durch den 17-jäh­ri­gen Po­len Her­schel Grynsz­pan, des­sen El­tern von den Na­zis de­por­tiert wor­den wa­ren. Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Jo­seph Go­eb­bels ver­stand es in wüs­ten Hetz­re­den, die Ver­ant­wor­tung für den An­schlag dem­ge­sam­ten Ju­den­tum an­zu­las­ten. „Das deut­sche Volk“müs­se „aus die­ser Tat sei­ne Fol­ge­run­gen zie­hen“. In Ra­dio­auf­ru­fen wur­de der Be­völ­ke­rung „spon­ta­ne Volks­wut“na­he ge­legt, die Gesta­po er­hielt den Auf­trag, „ge­gen Ju­den ge­rich­te­te Ak­tio­nen nicht zu stö­ren“.

Als der Wie­ner „Gau­lei­ter“Jo­sef Bürck­el Mit­te No­vem­ber 1938 nach Ber­lin te­le­gra­fier­te, dass „die völ­li­ge Ru­he wie­der­her­ge­stellt“sei, wa­ren die mör­de­ri­schen Maß­nah­men, wie man weiß, nicht be­en­det. Der Ho­lo­caust soll­te un­fass­ba­re Fol­gen an­neh­men­und dau­er­te bis zum En­de der Schre­ckens­herr­schaft. Am 9. und 10. No­vem­ber hat­ten frei­lich vie­le Ös­ter­rei­cher, die bis da­hin noch im­mer nicht an die Bru-

ta­li­tät der Na­zis glau­ben woll­ten, das wah­re Ge­sicht der neu­en Macht­ha­ber er­kannt.

Für Bern­hard Mor­gens­tern, den Zeu­gen der ent­setz­li­chen Ge­scheh­nis­se, be­gann nach der „Reichs­kris­tall­nacht“ei­ne Odys­see. Er muss­te zu­nächst in ei­ner Wie­ner Holz­fa­brik in Nacht­schicht täg­lich von sechs Uhr abends bis sechs Uhr früh ar­bei­ten, wur­de dann ins KZ The­re­si­en­stadt und von dort im Sep­tem­ber 1944 in ei­nem Vieh­wag­gon nach Au­schwitz de­por­tiert, wo er mit­an­se­hen muss­te, wie zahl­lo­se Ju­den in die Gas­kam­mern ge­schickt wur­den. Er selbst über­leb­te, da er als ar­beits­fä­hig galt. Die Be­frei­ung durch die Ame­ri­ka­ner am 29. April 1945 er­leb­te der mitt­ler­wei­le 19-jäh­ri­ge Wie­ner im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au.

OP­FER DES HO­LO­CAUST. Die drei Schwes­tern von Bern­hard Mor­gens­tern über­leb­ten wie er die Na­zi­zeit, sei­ne El­tern, sei­ne bei­den Brü­der und vie­le an­de­re sei­ner Ver­wand­ten wur­den er­mor­det.

Die No­vem­ber­po­gro­me wa­ren der Auf­takt all des­sen.

Bern­hard Mor­gens­tern, der Zeit­zeu­ge des Grau­ens, heu­te und mit sei­nem klei­nen Bru­der Jo­sef (re.), der den Ho­lo­caust nicht über­leb­te

Al­lein in Wi­en wur­den 42 Synagogen ein Raub der Flam­men

Tau­sen­de Ge­schäf­te jü­di­scher Bür­ger wur­den ge­plün­dert und ver­nich­tet. Auch das klei­ne Ge­schäft der Fa­mi­lie Mor­gens­tern

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